Präsidentschaftswahl 2012

Strauss-Kahn bald frei? Frankreich hyperventiliert

Frankreich diskutiert nach der Wende im Fall Strauss-Kahn über dessen mögliche Rückkehr ins Präsidentenrennen. „Es ist zu früh zu spekulieren", spekulieren alle.

Die Nachricht aus New York, dass die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn möglicherweise in sich zusammen bricht, noch bevor sie erhoben wurde, hat in Frankreich am Freitagmorgen ein mittleres politisches Erdbeben ausgelöst.

Schon im Morgengrauen meldeten sich erste Stimmen, die eine Aussetzung der sozialistischen Vorwahlen für die Präsidentschaftswahl forderten – um Strauss-Kahn noch die Teilnahme zu ermöglichen, falls die Vergewaltigungs-Vorwürfe tatsächlich fallen gelassen werden.

Noch bevor die überraschend angesetzte erneute Anhörung des zurückgetretenen Direktors des Internationalen Währungsfonds um 17.30 MEZ in New York beginnen sollte, erörterten französische Politiker die möglichen Folgen für die politische Landschaft in Frankreich.

Bis zu seiner Verhaftung am 14. Mai wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung eines Zimmermädchens im New Yorker Hotel Sofitel galt Strauss-Kahn als aussichtsreichster möglicher Herausforderer von Nicolas Sarkozy für die französischen Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr.

Erste Forderungen nach Verschiebung der Sozialisten-Vorwahlen

Am Dienstag erst hatte die sozialistische Parteivorsitzende Martine Aubry ihre Kandidatur angekündigt. Aubry hatte ursprünglich mit Strauss-Kahn einen „Pakt“ geschlossen, nicht gegeneinander anzutreten. Der offizielle Bewerbungsschluss für die sozialistischen Vorwahlen ist der 13. Juli.

Die PS-Politikerin Michèle Sabban, Vize-Präsidentin im Regionalparlament von Ile-de-France forderte am Freitagmorgen als erste die bereits nominierten Kandidaten auf, den Vorwahlvorgang vorübergehend „auszusetzen“ und „Dominique die Zeit zu geben, das Wort zu ergreifen.“


Eine derartige Unterbrechung würde die Kampagne von Martine Aubry allerdings nicht gerade beflügeln. Nichtsdestotrotz erklärte die Parteivorsitzende am Freitagmorgen, dass ihr die Nachrichten aus den USA ihr eine „immense Freude bereiten, wie allen, die Dominique Strauss-Kahn nahe stehen.

Sie hoffe „von ganzem Herzen“, dass die amerikanische Justiz „ab heute Abend die Wahrheit feststellen wird und Dominique Strauss-Kahn gestattet, diesen Albtraum zu beenden“, sagte Aubry, die dabei die Tränen kaum unterdrücken konnte. Sie betonte, sie äußere sich vor allem „als Freundin von Dominique Strauss-Kahn“.

Getreue rechnen mit "Hauptrolle in der französischen Politik"

Der ehemalige sozialistische Kulturminister Jack Lang wollte sich in einem Interview nicht konkret festlegen, ob Strauss-Kahn im Falle seiner Freilassung auch wieder als Präsidentschaftskandidat in Frage käme. Lang sagte jedoch, er wünsche sich, dass Strauss-Kahn eine „Hauptrolle in der französischen Politik“ spiele.

Der ehemalige Premierminister Laurent Fabius sagte, es sei „zu früh“, um über eine Rückkehr Strauss-Kahns in die Politik zu spekulieren – doch wenn die Vorwürfe fallen gelassen würden, bedeute dies, dass Strauss-Kahn der Maschinerie des (amerikanischen juristischen) Systems „zum Fraß vorgeworfen worden“ sei, so Fabius. Obwohl es angeblich zu früh war, um zu spekulieren, spekulierten am Freitag allerdings eigentlich alle in Paris.

Kritik an "Vorverurteilung" nach Strauss-Kahns Verhaftung

Jean-Marie Le Guen, ein langjähriger Vertrauter Strauss-Kahns, drückte seine „große Freude“ über die Nachrichten aus New York gegenüber dem Radiosender France Info aus. Er denke an die Art und Weise wie bestimmte Leute Strauss-Kahn „vorverurteilt“ hätten. Die Genugtuung einer „sehr anderen Wahrheit“ bereite ihm „beträchtliche persönliche Freude“, so Le Guen.

Strauss-Kahns Wort werde in Frankreich noch Gewicht haben, sagte er voraus. Der sozialistische Abgeordnete Claude Bartelone, ebenfalls ein Strauss-Kahn-Getreuer, sagte, eine Schlussfolgerung lasse sich auf jeden Fall schon jetzt ziehen: „Alle, die aus dieser Affäre Nutzen ziehen wollten, um die Linke zu eliminieren, werden heute morgen sehr schlecht aufgewacht sein“, so Bartolone.

Der Strauss-Kahn Biograph Michel Taubmann, der stets betont hatte, Strauss-Kahn sei zwar ein „Verführer“, Gewalt aber sei ihm fremd, sah sich bestätigt. Auch François Pupponi, der Bürgermeister von Sarcelles, der politischen Heimat Strauss-Kahns, zeigte sich erleichtert: „Das war nicht der Mann, den wir kannten, das haben wir immer gesagt.“

Konservativer Abgeordneter erinnert an "Banon-Affäre"

Bernard Debré, Abgeordneter der konservativen Regierungspartei UMP, der Strauss-Kahn unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe als „nicht sehr empfehlenswerten Herrn“ bezeichnet hatte, räumte unterdessen ein, dass er „vorschnell gehandelt“ habe, als er sich über Strauss-Kahn äußerte.

Er habe „überreagiert“, da er „Details der Banon-Affäre“ und "einige andere Dinge“ kenne, so Debré. Tristane Banon ist eine junge Autorin, die Strauss-Kahn vor Jahren vorwarf, sie sexuell belästigt zu haben. Wenn Strauss-Kahn nun von den Vorwürfen freigesprochen werde, könnte er auch noch als Kandidat bei den sozialistischen Vorwahlen antreten, glaubt der konservative Politiker.

Allerdings sei er „nicht sicher, ob die Sozialisten oder die Franzosen dies wünschen. „Wenn er vom Verdacht rein gewaschen ist, wird es an den Sozialisten sein, zu entscheiden, ob er antritt. Es würde mich allerdings erstaunen“, so Debré. Strauss-Kahn habe schließlich sexuellen Kontakt mit der Frau gehabt.

Außerdem wisse man, dass er zwischen 1 Uhr und 3 Uhr morgens im Hotel Besuch von einem Call Girl gehabt habe, behauptete Debré und fügte dann scheinbar neutral hinzu: „Ich fälle kein moralisches Urteil. Ich sage, es gibt Fakten, werden die Franzosen bereit sein, sie zu akzeptieren?“ Der Fall Strauss-Kahn geht offenbar in die zweite Runde.