Ungenutztes Potenzial

"Ganz Afrika könnte sich selbst ernähren"

In Afrika leidet die Nahrungsmittelproduktion nicht nur unter der Trockenheit. Entwicklungsexperten beklagen die ungenutzten Potenziale des Agrarsektors.

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Die menschliche Katastrophe, die sich am Horn von Afrika abspielt, hat sich vor einigen Monaten angekündigt. Normalerweise regnet es im Oktober und im November an der Ostspitze des afrikanischen Kontinents kräftig, die Natur erholt sich von den trockenen Monaten zuvor. Im April und Mai folgt dann die Hauptregenzeit. So war es bisher immer, doch dieses Mal ist der Regen weitgehend ausgeblieben.

Die ungewohnt heftige Trockenheit ist der wichtigste Grund für die größte Hungersnot seit Jahrzehnten in diesem Teil Afrikas. Dass die Lage nur noch mit internationaler Nothilfe zu bewältigen ist, hat aber noch andere Gründe – den jahrelangen Bürgerkrieg in Somalia, unklaren Landrechte in Äthiopien und ganz generell: die mangelnde Produktivität der Landwirtschaft in Afrika.

"Landwirtschaft hat ein enormes Potenzial"

„Insgesamt gesehen könnte sich der gesamte afrikanische Kontinent selbst ernähren“, ist zum Beispiel Stephan Krall überzeugt, Landwirtschaftsexperte der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). „Landwirtschaft in Afrika hat ein enormes Potenzial“, schrieb auch die FAO, die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, vor knapp zwei Jahren anlässlich einer Fachtagung zu Ernährungsfragen.

Den Aufzeichnungen des von den USA initiierten Hunger-Warnsystems FEWS ist zu entnehmen, dass der vergangene Herbst am Horn von Afrika einer der trockensten seit Jahrzehnten war. Das gleiche gilt für dieses Frühjahr. Zwischen April und Juni fiel im Süden Äthiopiens, im Norden Kenias und in Somalia nur etwa ein Drittel so viel Regen wie normal – und das so ungleich verteilt, das es den Bauern kaum etwas nützt.

Zwar sind Dürren in der Sahelzone, südlich der Sahara, nicht ungewöhnlich. Aber die stark schwankenden Wetterverhältnisse, die seit einigen Jahren festgestellt werden, sind neu. Ob sie nun durch den Klimawandel hervorgerufen werden oder nicht:

„Die Niederschläge sind in den vergangenen Jahren immer unberechenbarer geworden“, sagt GIZ-Mann Krall. Für die Bauern sei es sehr schwierig, sich darauf einzustellen. Ohnehin sind die Böden im Sahel nicht sehr fruchtbar. Für die hohe Bevölkerungsdichte, die es dort gibt, liefern sie nicht genügend Nahrungsmittel.

Das wäre dann unproblematisch, wenn in anderen Teilen der Länder genügend Lebensmittel produziert würden. In Äthiopien und Kenia sei das auch grundsätzlich der Fall, berichtet Wolfgang Heinrich, Experte des evangelischen Entwicklungsdienste EED für die Länder am Horn von Afrika.

Zerstörte Bewässerungskanäle und Straßen

In Somalia aber ist die Landwirtschaft fast komplett zum Erliegen gekommen. Bewässerungskanäle und Straßen sind in 20 Jahren Krieg zerstört worden. Außerdem gibt es nur wenige Menschen, die überhaupt auf dem Acker arbeiten können. „Fast die ganze Generation der 15 bis 35 Jahre alten Männer fällt aus, weil sie entweder von den verschieden Milizengruppen im Land rekrutiert oder inhaftiert worden sind“, sagt Heinrich.

Äthiopien und Kenia dagegen haben nicht nur sehr fruchtbare Gegenden, sondern inzwischen auch ein relativ gut funktionierendes Sicherheitsnetz für Ernteausfälle. In Äthiopien nimmt der Staat regelmäßig einen Teil der Ernte vom Markt und deponiere sie in dezentralen Lagern; die Kosten dafür tragen die USA und Kanada.

In Kenia sorgt die Privatwirtschaft dafür, dass das ganze Land genügend Agrarprodukte zur Verfügung habe. Die Straßen, die dafür nötig sind, seien relativ gut, sagt Heinrich, denn Kenia war lange Transitland für Hilfslieferungen in den Südsudan.

Doch während es in Kenia große Landwirtschaftsbetriebe gibt, die zum Teil sehr exportorientiert arbeiten, leidet Äthiopien unter einem sehr grundsätzlichen Problem: Die Bauern dort haben dort keine Rechtssicherheit. Das Land gehört dem Staat, und die Nutzungsrechte, die vergeben werden, können den Farmern jederzeit entzogen werden. Sie haben keinen Anreiz, ihr Land so zu pflegen, dass es den maximalen Ertrag bringt.

Auch der Zugang zum Saatgut wird durch die zentralistischen Strukturen des Ein-Parteien-Staats kontrolliert. „Das ist ein systematisch eingesetztes Instrument um die Bevölkerung auf dem Land unter Kontrolle zu halten“, sagt Entwicklungshelfer Heinrich.

Riesige Flächen verpachtet

Gleichzeitig habe der Staat riesige Flächen an ausländische Investoren aus Saudi-Arabien, Indien und Bangladesch verpachtet, die dort Lebensmittel für den Export anbauen wollen. Mit den Einnahmen aus der Pacht will Äthiopien sich auf dem internationalen Markt mit Lebensmitteln eindecken – „wie das funktionieren soll, ist mir schleierhaft“, sagt Heinrich.

Ganz generell ließen sich die Erträge der meisten Flächen in Afrika mit relativ geringem Aufwand erhöhen, meint sein Kollege Krall von der GIZ. „Wichtig ist die Vermittlung von Wissen über Anbautechniken, Bodenbearbeitung und Bodenfruchtbarkeit.“ Aber auch bessere und robustere Sorten, Dünger und Pflanzenschutz müssten zur Verfügung stehen.

Politische Unterstützung nötig

„Eine Verdoppelung des Ertrags ist dann kein Problem“, glaubt Krall. Aber selbst dann scheitern Investitionen noch daran, dass die Lebensmittelpreise zum Teil staatlich festgesetzt sind. Insgesamt vermisst der GIZ-Experte die nötigen Anstrengungen, die Nahrungsmittelproduktion voranzubringen.

„Der Landwirtschaft wird nicht genügend Beachtung geschenkt.“ Die Aufmerksamkeit dafür sei „erschreckend“ gering. „Die positiven Aussichten für die afrikanische Landwirtschaft werden sich nicht umsetzen lassen ohne politische Unterstützung“, schreibt die UN-Ernährungsorganisation.

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