Terror in Norwegen

"Der Täter sucht die Öffentlichkeit"

Terror-Experte Kai Hirschmann hält die These vom Einzeltäter für wahrscheinlich. Er sagt: Mit dem Risiko müssen wir leben.

Morgenpost Online: Spricht die hohe Zahl der Toten bei den Anschlägen in Norwegen nicht gegen die These vom Einzeltäter?

Kai Hirschmann: Ich halte diese Annahme nach wie vor für denkbar, weil die Art der Anschläge zu keiner politischen Gruppierung passt. Für das organisierte rechtsextreme Milieu wäre ein Massenmord an Kindern untypisch, weil man jegliche Unterstützung in der Bevölkerung verlieren würde.

Was in Norwegen passiert ist, erinnert an den Anschlag von Timothy McVeigh 1995 in Oklahoma-City. Auch er hatte damals Kontakte ins fundamentalistisch-christliche Milieu und zu rechtsextremen Milizen in den USA, ohne dass eine organisierte Verbindung nachzuweisen war. Im Internet kann man heute an Bauanleitungen für Sprengsätze kommen. Man braucht nicht unbedingt ein Netzwerk.

Morgenpost Online: Können Sie sonst typische Anschlagsmuster erkennen?

Hirschmann: Wenn es tatsächlich ein Einzeltäter war, hat der Attentäter eine sehr hohe operative Intelligenz – und er hat sich offensichtlich sehr genau die „erfolgreichen“ Terroranschläge der letzten Jahre angeschaut. Diese Form von koordinierten, nahezu gleichzeitigen Anschlägen kennt man bislang in dieser Dimension von Einzeltätern nicht. Der Attentäter hat sich mit dem Ferienlager ein weiches Ziel ausgesucht, bei dem keinerlei Gegenwehr zu erwarten war und er in relativ kurzer Zeitspanne eine hohe Zahl von Menschen töten konnte. Er muss die Örtlichkeiten genau gekannt haben, was auf eine lange Vorbereitung hindeutet.

Morgenpost Online: Auffällig ist, dass er sich nach der Tat nicht selbst umgebracht hat.

Hirschmann: Das deutet darauf hin, dass er eine Botschaft loswerden will. Er sucht die Öffentlichkeit, will nicht nur den Massenmord mit ihr teilen, sondern auch seine Motive dafür.

Morgenpost Online: Wie kann sich eine Gesellschaft, auch unsere, gegen solche Anschläge schützen?

Hirschmann: In unseren Gesellschaften müssen wir im Prinzip mit diesem Risiko leben. Weiche Ziele können nicht vollständig geschützt werden. Wenn sich jemand vornimmt, etwa bei einer Großveranstaltung viele Menschen zu töten, kann das auch durch Sicherheitsmaßnahmen nicht verhindert werden. Erst recht nicht, wenn es sich um einen Einzeltäter handelt.

Morgenpost Online: Rechnen Sie in Deutschland mit einem ähnlichen Anschlag?

Hirschmann: Ein Einzeltäter, egal aus welchem politischen Milieu er stammt, ist immer unberechenbar. Da kann 20 Jahre nichts passieren und plötzlich geschieht etwas wie in Norwegen. Aus der Ecke der links- und rechtsextremistischen Strukturen in Deutschland würde ich einen solchen Anschlag in nächster Zeit nicht erwarten.

Anders sieht es beim sogenannten „Home grown“-Islamismus aus, also bei Leuten, die hier aufgewachsen sind und sich hier in Kleingruppen radikalisieren. Da ist nicht die Frage, ob ein Anschlag passieren wird, sondern wann.

Lesen Sie hier das Minutenprotokoll: Der Tag, als der Terror über Norwegen kam