Anschläge in Oslo

Die Spur eines Massenmörders in Norwegen

Die Anschläge von Oslo sind unerträglich: Für Opfer, für Angehörige, für die Gesellschaft. Ein Land steht unter Schock. Fast 100 Menschen mussten sterben. Ein 32-jähriger Tatverdächtiger hat bereits ein Teilgeständnis abgelegt

Norwegen steht unter Schock: Bei einem Attentat auf ein Ferienlager sind mindestens 85 Jugendliche getötet worden. Dem Massaker ging am Freitag eine Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel voraus, bei der weitere sieben Menschen starben. Für beide Taten soll der 32 Jahre alte Norweger Anders Breivik verantwortlich sein, der der rechtsradikalen Szene zugeordnet wird. Am Sonnabend legte er nach Polizeiangaben ein Teilgeständnis ab. Offen ist, ob er allein gehandelt hat.

Nach bisherigen Erkenntnissen hatten der oder die Täter zunächst die Explosion im Osloer Zentrum herbeigeführt. Später eröffnete der als Polizist verkleidete Breivik auf der Insel Utoya nahe der Hauptstadt das Feuer auf die wehrlosen Teilnehmer eines Sommercamps. Laut Augenzeugen war er zuvor am Anschlagsort in Oslo gesehen worden. Weil im See um die Insel Utoya nach weiteren Opfern gesucht wird, schließt die Polizei nicht aus, dass sich die Zahl der Toten noch weiter erhöhen könnte.

Der Attentäter wurde nach offiziell unbestätigten Angaben von Anti-Terror-Spezialisten aus der Luft angegriffen und mit Tränengas betäubt. Der TV-Sender NRK berief sich auf „Polizeikreise“ mit entsprechenden Angaben. Die Spezialeinheit soll am Vortag sofort nach den ersten Meldungen über Schüsse per Hubschrauber zu der 40 Kilometer von Oslo entfernten Insel Utoya geflogen sein. Der Mann habe sich bei seiner Festnahme nicht widersetzt, sagte später ein Polizeisprecher: „Es musste kein Schuss abgegeben werden“.

Er wird der rechtsradikalen Szene zugerechnet

Der Terrorverdächtige legte ein erstes Geständnis ab. Er gab zu, das Feuer auf Teilnehmer des Jugendlagers eröffnet zu haben. Er habe zwei Waffen dabeigehabt. Der Amoklauf dauerte etwa anderthalb Stunden. Allerdings habe Breivik keine Angaben über sein Motiv gemacht. Den Täter erwartet nach norwegischem Recht eine maximale Freiheitsstrafe von 21 Jahren. Die Ermittler gehen eigenen Angaben zufolge unter Hochdruck Hinweisen auf einen zweiten Schützen nach, der an dem Blutbad beteiligt gewesen sein könnte.

Breivik wird von den Fahndern und nach Medienangaben der rechtsradikalen Szene zugerechnet. Der Verantwortliche für den Zweifach-Anschlag war zwischen 1999 und 2006 Mitglied der rechtspopulistischen Fortschrittspartei und ihrer Jugendorganisation, wie die Partei mitteilte. Seit 2009 war er bei dem rechtsextremen schwedischen Internetforum Nordisk angemeldet. Norwegens Außenminister Jonas Gahr Støre warnte dennoch vor voreiligen Schlüssen, weil die Polizei erst am Anfang ihrer Ermittlungsarbeit stehe.

Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte: „Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg ist unser Land von einem Verbrechen dieses Ausmaßes getroffen worden.“ Er setze dennoch weiter auf „eine offene Gesellschaft“. Stoltenberg sieht für eine erhöhte Terror-Bedrohung im Land keine Gründe mehr. Die Polizei habe zu keinen weiteren verstärkten Sicherheitsmaßnahmen geraten.

Weltweite Bestürzung

Die schwersten Anschläge in Europa seit den Bombenanschlägen von Madrid im Jahr 2004 lösten überall Bestürzung aus. Regierungen in aller Welt äußerten Entsetzen und bekundeten tiefes Mitgefühl. Die britische Königin Elizabeth II. schrieb dem norwegischen König Harald V., ihre „Gebete und Gedanken“ gälten all jenen, die von diesem „fürchterlichen Grauen“ betroffen seien. Bundespräsident Christian Wulff versicherte dem König: „Deutschland und die Deutschen stehen in dieser schweren Stunde fest an Ihrer Seite.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einer „menschenverachtenden Tat“. EU-Außenministerin Catherine Ashton erklärte, die Nachricht habe „großes Grauen“ bei ihr ausgelöst. US-Präsident Barack Obama bot Norwegen Hilfe an.

Um künftig solche Taten zu verhindern, forderte der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Uhl (CSU), eine intensivere Suche nach möglichen Gefährdern im Internet, wo sich auch Breivik geäußert hatte. Der Morgenpost sagte Uhl: „Die Sicherheitsbehörden müssen in der virtuellen Welt nach Hinweisen suchen, ob sich für die reale Welt Gefahren ergeben. Es bringt nichts, extremistische Aufrufe zur Gewalt im Internet einfach zu löschen.“ Man müsse gegebenenfalls „sofort auf die Suche nach den realen Gefährdern gehen, um sie an ihren Taten zu hindern“.

Nach Einschätzung des Bundesinnenministeriums führen die Anschläge in Norwegen nicht zu einer Neubewertung der Sicherheitslage in Deutschland. „Deutschland unterliegt auch weiterhin einer intensivierten Gefährdungslage“, erklärte ein Ministeriumssprecher.