Dürre und Hungersnot

In Ostafrika bahnt sich eine Katastrophe an

Besonders Somalia leidet unter einer der schlimmsten Dürren seit langem. Millionen sind unterernährt, tausende auf der Flucht. Doch es kommt nur wenig Hilfe.

Die Mutter saß auf einem Stuhl, vor ihr ein Arzt. Elf Tage war sie mit ihren fünf Kindern gewandert. Sie stammt aus dem Süden Somalias. Als der Hunger zu groß wurde, war sie losgelaufen, immer weiter – bis sie eines der drei Flüchtlingslager beim Ort Dadaab im Norden Kenias erreicht hatte. Nun saß sie auf dem Stuhl und sah zu, wie ein Arzt versuchte, das Leben ihres kleinsten Kindes zu retten.

„Es war die Hoffnungslosigkeit in ihrem abgemagerten Gesicht, an die ich immer wieder denken muss“, erzählt Thandie Mwate von ihrer Begegnung mit der Frau. Sie arbeitet für die Vereinten Nationen (UN) in dem Camp, genauer gesagt für das UN-Amt zur Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA).

Seit mehreren Wochen schon fliehen die Menschen aus Somalia nach Kenia und Äthiopien. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) kommen jeden Tag rund 3000 unterernährte, durstende und erschöpfte Somalier über die Grenzen. Die Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab wurden für 90.000 Menschen konzipiert – aktuell leben hier 382.000. Alleine die Registrierung dauert Tage. Die Enge führt zu Spannungen, es fielen schon Schüsse.

Schlimmste Katastrophe weltweit

Die gegenwärtige Hungersnot in Ostafrika ist laut UN „eine der schlimmsten Dürren seit 60 Jahren“ und die derzeit „schlimmste Katastrophe weltweit“. Mehr als zehn Millionen Menschen leiden darunter. Hilfsorganisationen haben große Kampagnen gestartet. Verhindert werden soll eine Hungersnot wie in Äthiopien 1984 und 1985, als rund eine Million Menschen starben.

Laut Unicef, dem UN-Kinderhilfswerk sind über zwei Millionen Kinder in der Region unterernährt und 500.000 davon „in lebensgefährlichem Zustand“. Eine dramatische Situation, sagt Unicef-Sprecherin Marixie Mercado: „Das sind 50 Prozent mehr als im Jahr 2009.“ Die Kindersterblichkeit der unter Fünfjährigen in der Region ist stark gestiegen.

Zwei schlechte Regenzeiten

In ganz Ostafrika, aber besonders in Somalia, das sich seit über 20 Jahren im Bürgerkrieg befindet, haben zwei schlechte Regenzeiten dramatische Folgen. Im Juni flohen 54.000 Menschen aus dem Land, dreimal so viele wie im Vormonat. UN-Flüchtlingskommissar Antonio Gueterres sagt: „Wir müssen alles unternehmen, um innerhalb Somalias Hilfe zu leisten.“

Bislang aber war das angesichts der dort herrschenden islamistischen al-Schabab-Milizen unmöglich. Vor zwei Jahre warfen sie die meisten Hilfsorganisationen aus dem Land; inzwischen sind sie offenbar wieder bereit, Hilfe anzunehmen.

Tausende Rinder starben

Die Ursachen für die Katastrophe am Horn von Afrika sind vielfältig. Die letzten beiden Regenzeiten brachten in einigen Gebieten Ostafrikas nur zehn bis 30 Prozent des erwarteten Niederschlags. In der jeweils folgenden Dürre starben tausende Rinder und Getreide vertrocknete.

Gleichzeitig stiegen weltweit die Lebensmittelpreise, was nicht nur Importe für die gebeutelten Länder sehr teuer macht. Die Bevölkerung kann sich auch immer weniger zu essen kaufen. In Äthiopien etwa stieg der Preis für Mais innerhalb eines Jahres um 117 Prozent.

Hilfsgelder fließen spärlich

UNOCHA-Mitarbeiterin Mwate spricht enttäuscht von der „Ignoranz“ der internationalen Gemeinschaft: „In Somalia ist der Zugang schwierig. Aber es ist nicht zu entschuldigen, dass die Krise in Kenia oder Äthiopien derartige Ausmaße annehmen konnte.“

Hilfsgelder fließen spärlicher als nötig. Angesichts der Katastrophen in Haiti, Japan und Pakistan sowie der Finanzkrise hat sich in den reichen Ländern der Welt eine gewisse Spendenmüdigkeit eingestellt. Die Aufforderung der UN, rund 300 Millionen Euro für Ostafrika zu spenden, blieb vor einigen Monaten nahezu unerhört. Erst in den vergangenen Wochen reagierten die meisten Industrienationen. Deutschland etwa sicherte zusätzliche Unterstützung in Höhe von einer Million Euro zu – im Vergleich zu England (43 Millionen) oder zu Dänemark (8,5 Millionen) ist dies ein bescheidener Betrag.

In zwei oder drei Jahren ist die nächste Dürre zu erwarten

Mwate fordert mehr als nur Geld: „In zwei oder drei Jahren ist die nächste Dürre zu erwarten, die weit schlimmere Auswirkungen haben wird.“ Manchmal würden schon kleine Schritte helfen. Sie erzählt das Beispiel der kenianische Gemeinde Fololo an der Grenze zu Äthiopien. Die Bauern dort hätten ihren Anbau diversifiziert. „Und sie haben Gräser für ihre Kühe gepflanzt, die widerstandsfähig gegen Trockenperioden sind.“

Die Tiere der rund 200 Familien in der Gemeinde, die mitten im Dürregebiet liegt, hätten bisher überlebt. „Sie geben weiterhin Milch, was für das Überleben der Menschen extrem wichtig ist“, sagt Mwate. Einer Nachbargemeinde gehe es viel schlechter. „Dieses Beispiel muss in ganz Ostafrika Schule machen.“