Hungersnot in Somalia

Jedes zweite Kind stirbt auf der Flucht

Die Hungersnot in Somalia spitzt sich zu: Hunderttausende Menschen flüchten aus dem Land. Experten reden von der "mit Abstand schlimmsten Katastrophe weltweit".

Wegen der Hungerkrise am Horn von Afrika wächst der Flüchtlingsstrom aus Somalia. Täglich schleppten sich rund 3000 unterernährte, durstende und total erschöpfte Somalier nach Äthiopien und Kenia, teilten die Vereinten Nationen in Genf mit. UN-Hilfswerke bemühen sich unterdessen um einen Zugang zu den Dürregebieten im Süden Somalias.

Das Welternährungsprogramm (WFP) verhandle derzeit mit den dortigen Machthabern, sagte der Leiter des Berliner WFP-Büros, Ralf Südhoff. „Wir mussten unsere Aktivitäten dort Anfang 2010 aussetzen, weil gezielt WFP-Mitarbeiter getötet wurden“, sagte er. Der Ausgang der Verhandlungen sei offen.

Sicherheitslage ist angespannt

Große Teile Somalias werden von islamistischen Milizen beherrscht, die international anerkannte Übergangsregierung kontrolliert nur einen kleinen Teil des Landes. Laut Südhoff kann das Welternährungsprogramm wegen der schwierigen Sicherheitslage auch in der Hauptstadt Mogadischu nur auf sehr niedrigem Niveau Hilfsgüter verteilen.

„Es ist sehr schwer abschätzbar, wie verlässlich Zusagen sind“, sagte Südhoff. In der vergangenen Woche hatte die radikal-islamische Al-Schabaab-Miliz, die große Teile Somalias kontrolliert, ihre Drohungen gegen ausländische Helfer zurückgenommen und um Hilfe gebeten.

Eine muslimische Organisation begann am Dienstag, in Mogadischu Mais und Trockennahrung an Hungernde zu verteilen. Die „Organisation für islamische Zusammenarbeit“ forderte laut dem britischen Rundfunksender BBC auch andere Hilfswerke auf, ihrem Beispiel zu folgen. Westliche und UN-Organisationen verlangen aber verbindliche Sicherheitsgarantien für ihre Mitarbeiter.

Jedes zweite Kind könnte sterben

Die Hungerkrise im Nordosten Afrikas ist laut Südhoff „die mit Abstand schlimmste Katastrophe weltweit“. Insgesamt leiden zehn Millionen Menschen in Somalia, Kenia, Äthiopien, Dschibuti und Uganda unter der Dürre. Das UN-Flüchtlingshilfswerk schätzt, dass jedes zweite Kind auf der Flucht nach Kenia und Äthiopien stirbt.

In Somalia sind Schätzungen zufolge mindestens drei Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen - ein Drittel der Bevölkerung. In Zentral- und Nordsomalia plant das WFP Hilfen für 1,5 Millionen Bedürftige.

Der Einsatz steht allerdings im Zeichen knapper Finanzen. Für die erste Linderung der Hungerkatastrophe in Somalia sind nach UN-Einschätzung der Vereinten Nationen rund 500 Millionen US-Dollar (rund 360 Millionen Euro) bis zum Ende des Jahres notwendig. Bislang fehlten noch 40 Prozent, sagte Südhoff.

Flüchtlingslager in Kenia sind schon jetzt überfüllt

Der UN-Gesandte für Somalia, Mark Bowden, war am Dienstag in Mogadischu, um sich ein Bild von der humanitären Lage zu machen. Am Wochenende hatte sich der Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks, Antonio Guterres, in Kenia und Äthiopien informiert.

Die Flüchtlingslager im kenianischen Dadaab sind bereits dramatisch überfüllt. Ausgelegt für ursprünglich 90.000 Menschen, haben dort zurzeit rund 380.000 Somalier Zuflucht gesucht, womit es das größte weltweit ist. Während ihres Kenia-Aufenthaltes besuchte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel das Lager. Sie sicherte eine Million Euro Direkthilfe zu.

Gleichzeitig appellierte Guterres eindringlich an die kenianische Regierung, ein weiteres Lager zu errichten. Ein geplantes Gespräch mit den kenianischen Präsidenten Mwai Kibaki wurde laut BBC in letzter Minute ohne Begründung abgesagt.

Ostafrikas Regierungen seien mitverantwortlich für die Krise

Die Gesellschaft für bedrohte Völker macht Regierungen für die Hungerkrise in Ostafrika mitverantwortlich. Nicht nur die anhaltende Dürre, sondern auch eine verfehlte Agrarpolitik, Bürgerkriege und fehlendes Engagement der Industrieländer hätten zu der Notlage geführt, erklärte die Organisation.

Auch der Afrika-Beauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke (CDU), sprach von hausgemachten Problemen. Vorräte seien nicht angelegt worden, und die Logistik für den Transport von Nahrungsmitteln stimme nicht, sagte Nooke im Deutschlandfunk. Auch das Thema Korruption müsse angesichts der Hungerkatastrophe angesprochen werden.