Festnahme im Wald

Geldnot wird Kriegsverbrecher Hadzic zum Verhängnis

Der Geheimdienst BIA fasst den 161. und letzten Angeklagten des UN-Tribunals. Serbien rückt durch diesen Ermittlungscoup weiter an die Europäische Union heran.

Seinen unverwechselbaren Vollbart hatte sich der letzte flüchtige Angeklagte des UN-Tribunals in der Illegalität sicherheitshalber abrasiert. Trotzdem endete seine Flucht ziemlich genau dort, wo sie vor sieben Jahren begann. In einem Wald bei Krusedol, 22 Kilometer südlich von Novi Sad, wurde Goran Hadzic von einer Sondereinheit der serbischen Geheimdienstes BIA gefasst .

Die Geldnot soll den einstigen Präsident der so genannten „Republik der Serbischen Krajina“ (RSK) in die Fänge seiner Häscher getrieben habe: Der 52-Jährige sei beim Versuch festgenommen worden, ein gestohlenes Gemälde des italienischen Malers Amedeo Modigliani zu verkaufen. Ein Werk des Künstlers, der 1920 im Alter von 36 Jahren verstarb, wird zwischen vier und zehn Millionen Dollar gehandelt, auf dem Schwarzmarkt bringt ein gestohlenes Gemälde indes nur fünf bis zehn Prozent seines Wertes.

Vladimir Vukcevic, Serbiens Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, sagte, Hadzic sei zum Zeitpunkt seiner Festnahme bewaffnet gewesen, habe aber keinen Widerstand geleistet. Sein Ausweis war gefälscht.

Überraschend kam der spektakuläre Fahndungserfolg – fast zwei Monate nach der Verhaftung von Ratko Mladic – für Serbiens Öffentlichkeit keineswegs. Gerüchte über eine bevorstehende Festnahme des letzten der 161 Angeklagten des UN-Tribunals kursieren in dem Balkan-Staat seit Tagen.

Am Mittwoch um 11 Uhr vermeldete Staatspräsident Boris Tadic auf einer eilig einberufenen Presse-Konferenz mit ernster Miene endlich den Vollzug. Mit der Verhaftung von Hadzic habe Serbien das „schwierigste Kapitel“ der Zusammenarbeit mit dem UN-Kriegsverbrecher-Tribunal endlich „beendet“.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit und zahlreiche Verstöße gegen die Völkerrechtkonvention wirft die erst im Juni 2004 verfasste Anklageschrift des Tribunals dem nach Ende des Kroatienkriegs 1995 zunächst lange unbehelligt gelassenen Hadzic vor. Mord, Folter, Plünderung und Diebstahl bis hin zur Inhaftierung nichtserbischer Zivilisten soll der aus dem kroatischen Slawonien stammende Serbe verantwortet oder sogar befohlen haben.

UN-Tribunal macht ihn für Folterung und Ermordung verantwortlich

In seiner Jugend hatte sich Hadzic in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens engagiert, bevor er sich als Angehöriger der serbischen Minderheit in Kroatien Ende der 80-er Jahre der Serbischen Demokratischen Partei (SDS) von Slobodan Milosevic anschloss.

Doch erst der 1991 ausgebrochene Kroatienkrieg sollte den Lagerarbeiter für kurze Zeit in das Scheinwerferpolitik der Weltöffentlichkeit befördern. Der glühende Nationalist kämpfte schon im März 1991 in ersten Scharmützeln zwischen kroatischen und jugoslawischen Truppen an den Plitvicer Seen mit. Die Anklage legt ihm auch die Mitverantwortung für die in der von serbischen Truppen völlig zerstörten Donaustadt Vukovar begangenen Verbrechen an der Zivilbevölkerung zur Last.

Im Februar 1992 wurde Hadzic zum Präsidenten des selbst ernannten Quasi-Staats der Krajina-Serben ernannt. Zeitweise erstreckte sich das Territorium des Belgrader Marionettenstaates über fast ein Drittel des kroatischen Territoriums.

Das UN-Tribunal macht Hadzic für die planmäßige Vertreibung, Folterung und Ermordung der nichtserbischen Zivilbevölkerung verantwortlich. Zudem soll er die Verbrechen serbischer Paramilitärs wie die des Milizenführers Zeljko „Arkan“ Raznatovic während seiner knapp zweijährigen Ägide gedeckt haben.

Offenbar rechtzeitig von heimischen Sicherheitskräften gewarnt, tauchte der Serbe kurz vor seiner Verhaftung im Sommer 2004 in die Illegalität ab. Seine Spur verlor sich damals in Novi Sad. Es hieß, er habe sich nach Russland abgesetzt. Doch tatsächlich hatte Hadzic sich ohne Bart, aber mit falscher Identität sieben Jahre offenbar relativ frei in seiner Heimat bewegt. Hartnäckig hält sich das Gerücht, das serbisch-orthodoxe Kloster in der Hügelkette der Fruska Gora habe ihm Unterschlupf und logistische Hilfe gewährt.

Ausdrücklich widersprach Staatschef Tadic Berichten, Hadzic sei auf dem Weg von einem Armee-Camp zu einem Kloster in Krusedol verhaftet worden. Vehement wandte er sich auch gegen Vermutungen, dass Serbiens Sicherheitsbehörden schon seit Jahren über den Aufenthaltsort von Mladic und Hadzic informiert gewesen seien: „Das ist absolut nicht die Wahrheit.“

Während der Präsident die Fahndungserfolge in auffällig kurzer Zeitabfolge der Arbeit des vor drei Jahren neu formierten Sicherheitsrats zuschreibt, scheint tatsächlich vor allem der anhaltende Druck der EU-Partner die lange eher zögerlichen Ermittlungsanstrengungen Serbiens beschleunigt zu haben. Mit der Festnahme des letzten Tribunal-Flüchtigen hat Belgrad einen großen Stolperstein auf dem Weg der anvisierten Annäherung an die Europäische Union aus dem Weg geräumt. Hadzic wird in den nächsten Tagen an das Haager Tribunal ausgeliefert.

Erleichterung und Genugtuung

Er stehe „unter Schock“ und fühle sich „schrecklich“, bekannte der in Novi Sad lebende Sohn des mutmaßlichen Kriegsverbrechers.

Doch im benachbarten Kroatien, in Brüssel und in Den Haag wurde die Nachricht der Verhaftung von Hadzic mit Erleichterung und Genugtuung aufgenommen. Dies sei „ein weiterer wichtiger Schritt für Serbien“ und die „europäische Perspektive“ des Landes , ließen EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton in einer gemeinsamen Erklärung wissen.

Von einem „Meilenstein“ in der Geschichte des UN-Tribunals sprach dessen Chefankläger Serge Brammertz. „18 Jahre nach seiner Schaffung können wir sagen, dass keine der angeklagten Personen einem juristischen Verfahren vor dem Gerichtshof entgangen ist.“ Er fand auch lobende Worte für Belgrad: „Serbien hat beweisen, dass seine Kooperation mit dem Tribunal echt und nicht bloß ein leeres Versprechen ist.“