Medienmogul vor dem Parlament

Murdoch will von nichts etwas gewusst haben

Rupert und James Murdoch sagten öffentlich über illegale Abhör- und Bestechungsmethoden bei "News of the World" aus. Der Medienmogul entschuldige sich zwar, will aber von nichts etwas gewusst haben. Unterdes gab es einen Toten und eine Hacker-Attacke auf die "Sun"-Website.

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Im Abhörskandal um seinen Medienkonzern News Corp in Großbritannien hat Firmenchef Rupert Murdoch jede Kenntnis des Fehlverhaltens von Mitarbeitern bestritten.

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Medienmogul Rupert Murdoch und sein Sohn James haben sich in der Abhör- und Korruptionsaffäre vor einem britischen Parlamentsausschuss entschuldigt. „Das ist der Tag der größten Demut in meinem Leben“, sagte Rupert Murdoch am Dienstag zu Beginn der Befragung. Mit versteinertem Gesicht antwortete er auf Fragen der Abgeordneten zunächst mit knappen Aussagen – teilweise nur mit „Ja“ oder „Nein“. James Murdoch begann seine Stellungnahme ebenfalls mit einer Entschuldigung.

Der Medienunternehmer hat trotzdem jegliche Verantwortung für den Abhörskandal bei seinen britischen Zeitungen zurückgewiesen. Er habe außerdem weder Beweise dafür gesehen, dass Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA von Journalisten abgehört worden seien, noch gehe er davon aus, dass die US-Bundespolizei über solche Beweise verfüge, sagte Murdoch am Dienstag vor einem Parlamentsausschuss in London. Die „News of the World“ sei wegen der Vorwürfe gegen die Zeitung eingestellt worden. Das FBI hat eine Untersuchung eingeleitet, ob die Mobiltelefone von 9/11-Opfern von Boulevardjournalisten gehackt wurden.

Schlimmste Erfahrung

Murdoch hat das Abhören des Handys eines jungen Mordopfers durch seine Zeitung „News of the World“ als schlimmste Erfahrung seiner Karriere bezeichnet. Er stehe seit 57 Jahren an der Spitze seines Konzerns News Corporation und habe zahllose Journalisten beschäftigt und Geschichten verfolgt, hieß es in einer von Murdoch vorbereiteten Stellungnahme, die er am Dienstag einem Parlamentsausschuss in London übergab. „Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so schlecht gefühlt zu haben.“ Er verstehe, dass es seine Verantwortung sei, auch in Zukunft bei den Ermittlungen im Abhörskandal zu helfen.

Auf die Frage, warum er sich aus den Übernahmeplänen um den britischen Bezahlsender BSkyB herausgezogen habe, sagte Rupert Murdoch, die „Hysterie“ um den Abhörskandal und die Stimmung im Land habe es unmöglich gemacht, weiter zu verhandeln. Murdoch, der in Großbritannien neben der mittlerweile eingestellten Zeitung „News of the World“ auch das Massenblatt „The Sun“ und die renommierte „Times“ besitzt, hatte seit langem um die Komplettübernahme des TV-Senders gekämpft.

Rupert Murdoch betonte, es sei keine kommerzielle Entscheidung gewesen, die traditionsreiche und auflagenstarke „News of the World“ zu schließen. Er und seine Vorstandsmitarbeiter hätten sich dazu entschlossen, weil sie sich geschämt hätten. „Wir haben das Vertrauen unserer Leser gebrochen“, sagte er.

Es gebe zudem noch keine Entscheidung darüber, ob eine neue Sonntagszeitung auf den britischen Markt kommen solle. Nach dem Ende der „News of the World“ hatte es Spekulationen gegeben, Murdoch habe die Zeitung ohnehin schließen und stattdessen das Schwesterblatt „The Sun“ auch am Sonntag herausbringen wollen, um Geld zu sparen

Das Erscheinen des 80-jährigen Medienzars wurde als Sensation gewertet. Nach Angaben des Senders BBC war es das erste Mal in rund 40 Jahren, seit Murdoch Anteile an britischen Medien besitzt, dass er sich vor Parlamentariern verantworten musste. Der Australier mit US-Pass galt in Großbritannien bisher als nahezu unantastbar.

Im Laufe des Nachmittags sollte auch Murdochs langjährige Vertraute Rebekah Brooks aussagen. Die Macht des Ausschusses ist begrenzt. Er kann nur Empfehlungen weitergeben. Eine Aussage unter Eid ist nicht möglich. Beobachter erwarten, dass sich die Vorgeladenen streng an die Vorgaben ihrer Juristen und daher eher bedeckt halten werden.

Derweil gab es neue dramatische Entwicklungen in dem Skandal. Kurzzeitig wurde die Webseite der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ gehackt, Besucher wurden zu einer gefälschten Meldung über einen angeblichen Selbstmord Murdochs weitergeleitet. Laut einem CNN-Bericht bekannte sich die Hackergruppe Lulz Security am Montag via Kurznachrichtendienst Twitter zu dem Angriff. Die Gruppe kündigte weitere Cyberattacken in den kommenden Tagen an. Lulz Security hatte sich bereits auf Webseiten von Unternehmen wie Sony und auch des US-Senats eingehackt.

Hauptbelastungszeuge gegen Andy Coulson ist tot

Am Montag starb überraschend der Hauptbelastungszeuge gegen Andy Coulson, den früheren Chefredakteur der Murdoch-Zeitung „News of the World“ und späteren Berater von Premierminister David Cameron. Der Journalist Sean Hoare wurde tot in seiner Wohnung gefunden. Zeichen für ein Verbrechen gebe es nicht, teilte die Polizei mit. Die Leiche werde obduziert.

Hoare hatte im vergangenen Jahr in einem Interview der „New York Times“ erklärt, Coulson habe vom Anzapfen der Telefone nicht nur gewusst, sondern ihn persönlich sogar angestiftet, „die schwarzen Künste“ zu nutzen. Der 2005 bei der „News of the World“ gefeuerte Journalist galt als alkoholabhängig.

Im Marathon der Anhörungen in den Parlamentsausschüssen hatte am Montag zuerst der zurückgetretene Chef von Scotland Yard, Sir Paul Stephenson, ausgesagt. Er sei nicht zurückgetreten, weil er gezwungen worden sei oder neue Enthüllungen um zu enge Verstrickungen oder Bestechungsgelder befürchtete, die „News of the World“ an Polizisten gezahlt haben soll. Er habe lediglich Schaden von seiner Behörde abwenden wollen, sagt er. Diese müsse sich auf die Sicherung der Olympischen Spiele 2012 in London vorbereiten.

Druck auf Premierminister Cameron wächst

Stephenson war vorgeworfen worden, er habe sich einen Kuraufenthalt für sich und seine Ehefrau zum Teil bezahlen lassen. Für die Kureinrichtung hatte auch der ehemalige „News-of-the-World“-Journalist Neil Wallis gearbeitet. Wallis war später von Scotland Yard als PR-Berater engagiert worden.

Stephenson zog – wie bereits bei seinem Rücktritt am Sonntag - erneut den Vergleich zu Premierminister Cameron, der mit Coulson ebenfalls einen „News-of-the-World“-Journalisten eingestellt hatte. Coulson sei wegen seines Rücktritts als Chefredakteur der Zeitung bereits mit dem Abhörskandal in Verbindung gebracht worden. Das habe für Wallis zum damaligen Zeitpunkt nicht zugetroffen.

Unterdessen wuchs der Druck auf Premierminister Cameron. Inzwischen sieht er sich mit offenen Rücktrittsforderungen konfrontiert. Sein Parteifreund Gerald Kaufman fragte: „Sollte der Premierminister nicht seine Position überdenken?“ Oppositionsführer Ed Miliband attestierte Cameron eine „katastrophalen Einschätzungsfehler“, als er Coulson zu seinem Regierungssprecher machte.

Brooks war auf Camerons 40. Geburtstag

Auch aus seiner eigenen konservativen Partei wurde Kritik an Cameron laut, weil er trotz der Affäre seine geplante Reise nach Südafrika antrat. Der Regierungschef musste den Besuch nun verkürzen und sollte bereits am Dienstagnachmittag nach London zurückkehren. An diesem Mittwoch will er im Parlament sprechen.

Zusätzlich unter Druck geriet Cameron am Dienstag, als herauskam, dass die im Abhörskandal vorübergehend festgenommene Murdoch-Managerin Brooks als Gast bei seinem 44. Geburtstag im vergangenen Oktober war. Es war die 27. Begegnung Camerons mit Murdoch-Managern in nur 15 Monaten Amtszeit. Die Geburtstagseinladung war von der Downing Street zunächst verschwiegen worden.

Brooks war von 2000 bis 2003 Chefredakteurin des inzwischen eingestellten Blatts „News of the World“. Dessen Reporter hatten die Telefone von 4000 Prominenten, Verbrechensopfern, Hinterbliebenen und Soldatenwitwen illegal abgehört. Coulson soll Geldanweisungen abgezeichnet haben, mit denen Polizisten bestochen wurden. Camerons früherer Spin-Doktor war am 8. Juli vorübergehend festgenommen worden

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