Unruhe im Irak

"Viele meinen, Saddam ist gar nicht tot"

Die Geister von einst kehren zurück: Terror und die Sehnsucht nach Saddam. Hat der "arabische Frühling" am Tigris eine Chance?

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Die Tür zum Mausoleum ist abgeschlossen. In der brütenden Mittagshitze ist in dem kleinen Vorort von Tikrit niemand zu sehen. Odscha ist bei 48 Grad im Schatten ausgestorben. „Die haben hier alle irgendetwas mit Saddam zu tun“, sagt der Begleiter der Provinzverwaltung. „Wir werden den Schlüssel schon auftreiben.“

Und tatsächlich kommt ein angeblich enger Verwandter Saddam Husseins schlurfend und mit verschlafenem Blick aus dem Nebenhaus und schließt die hölzerne Tür auf. Dahinter verbirgt sich ein runder Saal, in dessen Mitte sich das Grabmal des im Dezember 2006 hingerichteten irakischen Diktators befindet.

Besucher aus allen Teilen des Irak

Der Leichnam sei in die weißen Marmorplatten auf dem Boden eingelassen, erklärt der Mann mit dem Schlüssel. Darüber ist ein Bettgestell installiert, das mit einer irakischen Fahne und Korankalligrafien bedeckt ist und einer Menge Plastikblumen. Am Kopfende prangt ein Foto Saddam Husseins, darüber ein Bouquet rosaroter Rosen, ebenfalls aus Plastik. In den beiden kleinen Räumen links und rechts sind Büro und Schlafzimmer des Gewaltherrschers aufgebaut.

Seine beiden Söhne Udai und Kusai sowie sein Cousin Ali Hassan al-Madschid, wegen der von ihm befohlenen Giftgasangriffe auf kurdische Dörfer auch Chemie-Ali genannt, sind im Vorhof begraben. Das Gästebuch des Mausoleums weist Besucher aus allen Teilen des Irak auf.

Der Vizegouverneur verwaltet Vergangenheit und Zukunft zugleich

„Viele meinen, Saddam ist gar nicht tot“, erzählt Amin Asis über das Misstrauen der rund 100.000 Einwohner von Tikrit. Der 38-Jährige ist Vizegouverneur der Provinz Salahuddin, nordwestlich von Bagdad, dessen Hauptstadt Tikrit ist. Nur 20 Prozent der Wahlberechtigten seien im letzten Jahr zur Wahl gegangen – ein Negativrekord landesweit. Asis wertet dies als Beweis, dass der Großteil der Bürger noch nicht in der Gegenwart angekommen sei.

Er selbst verwaltet Vergangenheit und Zukunft zugleich. Aus den unzähligen Palästen, die Saddam Hussein am Tigrisufer in Tikrit bauen ließ, sollen Hotels und Museen werden. Infrastrukturmaßnahmen sind bereits eingeleitet. Überall liegen Abwasserrohre, die verlegt werden, stehen Asphaltmischer für neuen Straßenbelag.

Der Vizegouverneur weigert sich, in einen der ihm von der Provinzverwaltung angebotenen Paläste einzuziehen. „Dann werden mich meine Uni-Kollegen doch nicht mehr besuchen“, erklärt er seine Entscheidung.

Drei Mordanschlägen ist er entkommen

Monatelang wurde der Doktor für islamisches Recht bekniet, in die Politik zu gehen und die Universität für einige Zeit zu verlassen, bis er schließlich einwilligte. Die Allianz der Kurdenparteien suchte einen Technokraten, der Provinz und Stadt voranbringen kann. Zusammen mit dem Gouverneur, einem Araber, versucht der Vater von drei Kindern und Ehemann zweier Frauen nun seit zwei Jahren, das Erbe Saddam Husseins in die Zukunft zu lenken.

Sein Amtszimmer im Gouverneursgebäude strahlt den neuen Politikstil des Inhabers bereits aus. Helle Wände, weiße Polstermöbel, echte rote Blumen. Alle Besucher sitzen zusammen, bekommen Tee und Bonbons serviert. Nur ganz vertrauliche Gespräche finden im Hinterzimmer statt. Ansonsten kann jeder mithören, was besprochen wird. „Wenn ich hier fertig bin, gehe ich zurück an die Uni“, sagt Asis.

Dass er von den Gestrigen nicht gern gesehen wird, zeigen die drei Mordanschläge, denen der Vizegouverneur auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz bereits entkommen ist. Auch Tikrit bleibt nicht verschont von Anschlägen. Im Juni sprengte sich ein Selbstmordattentäter in der Nähe des Gouverneurspalastes in die Luft, im März stürmten Terroristen das Provinzparlament und nahmen 60 Geiseln, im Januar fielen 50 Polizeirekruten einem Terroranschlag zum Opfer.

Demonstrationen auf dem Bagdader Tahrir-Platz

„Jetzt geht es im Irak nicht mehr um ethnische oder religiöse Konflikte“, erklärt Amir Aiasch die Entwicklung in seinem Land, „sondern um die von gestern und die von morgen.“ Bei so drastischen Umbrüchen, wie sie die Iraker in den letzten acht Jahren seit dem Einmarsch der britischen und amerikanischen Truppen erlebten, blieben einige auf der Strecke. Andere schafften es, mit der neuen Situation fertigzuwerden.

Aiasch selbst ist hin- und hergerissen zwischen Vergangenheit und Zukunft. Der Dekan der juristischen Fakultät der Universität Tikrit hat ständig mit Menschen zu tun, die sich die Zeiten Saddam Husseins zurückwünschen. „Und es werden derzeit immer mehr.“

Doch auch anderswo regt sich Unmut gegen die neue Zeit, empfinden die Menschen die negativen Auswirkungen der Wende schlimmer als den Zugewinn an Freiheiten. Sogar in den kurdischen Autonomiegebieten, wo der Widerstand gegen das Saddam-Regime am stärksten und die Unterstützung für die amerikanischen „Befreier“ am größten war, hört man dieser Tage den Ausspruch: „Unter Saddam war unser Leben besser.“

Von der Weltöffentlichkeit nahezu unbeachtet, gehen seit März Hunderte, manchmal Tausende Iraker am Freitag auf die Straße, um gegen die Regierung und die für sie unannehmbaren Lebensbedingungen zu demonstrieren. Vor allem am Bagdader Tahrir-Platz formiert sich seit Monaten heftiger Widerstand. Wasserwerfer und Tränengas, ein riesiges Polizeiaufgebot sind die Folge.

Im kurdischen Sulaimanija wurden Demonstranten getötet, Journalisten verhaftet und verprügelt. In Bagdad klagt Polizeichef Kassim Atta die Tageszeitung „al-Mada“ auf sieben Millionen Dollar Schadenersatz an. Die Zeitung habe zu „positiv“ über die Proteste berichtet und einseitig verletzte Demonstranten auf einer Pressekonferenz vorgeführt, ohne die Position der anderen Seite genügend berücksichtigt zu haben.

Korruption, Machtkonzentration, zerbröselte staatliche Autorität

Die politische Krise im Irak hat vor allem zwei Gesichter: Nuri al-Maliki und Ijad Allawi. Beide waren maßgeblich an der Bildung der sogenannten Regierung der nationalen Einheit beteiligt. Nun bekämpfen sie sich gegenseitig. Ihre Lager sind untereinander derart verfeindet, dass es kürzlich im Parlament zu einem offenen Eklat kam, als zwei Abgeordnete einander verprügelten. Der Streit der beiden Politiker legt jede Regierungsarbeit lahm und ist auch der Grund, warum die drei Ministerposten für Sicherheit bis jetzt nicht besetzt worden sind. Sie wurden kommissarisch von Maliki übernommen.

Ein Zustand, der angesichts der weiterhin starken Bedrohung durch das Terrornetzwerk al-Qaida, Reste von Saddams Baath-Partei und fanatische Schiiten kaum haltbar ist. Diplomatische Beobachter in Bagdad sehen darin den Grund für die Zunahme an Gewalttaten. Die Führungslosigkeit beim Innen- und Verteidigungsressort verhindere klare Kommandostrukturen und lasse die staatliche Autorität zerbröseln.

Im Juni gab es so viele Anschläge und Tote wie seit zwei Jahren nicht mehr. Der Hauptgrund für die Demonstrationen aber sei die Korruption, sagt Jurist Aiasch. Da es keine Opposition gebe, könne die Einheitsregierung machen, was sie wolle. Jeder denke nur an sich, keiner an das Wohl der Allgemeinheit.

Durch die Machtfülle des Premiers käme er manchen vor wie ein neuer Diktator. So benehme er sich zumindest. Wenn jemand ihn kritisiere, müsse er um seinen Posten bangen. Es habe zwar unter Saddam Hussein auch Korruption gegeben – „aber dieses Ausmaß ist neu!“