Kommunistisches Lexikon

Wie sich Pekings Sprachhüter die Welt zurechtdrehen

Die neueste Ausgabe von Chinas wichtigstem Sprachlexikon zeigt, wo sich das Land verändert hat – und wo nicht. Erstmals mit dabei: TV-Shows und Haargel.

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Das aus dem Englischen übernommene "Bye-bye" für "Tschüss" ist eines der beliebtesten ausländischen Lehnworte in China. Bis Anfang Juli gab es jedoch noch keine vereinheitlichte chinesische Schreibweise für den internationalen Abschiedsgruß. Pekings Sprachhüter einigten sich nun, das Wortpaar "Bai Bai" in ihre Neuausgabe des wichtigsten Sprachlexikons des Landes aufzunehmen.

Aber sie gingen noch einen Schritt weiter: Sie passten die Aussprache der lautähnlichen Zeichen dem englischen "Bye-bye" noch stärker an. Im Hochchinesischen gibt es vier Töne, das Schriftzeichen "Bai" wird im vierten Ton gesprochen. Weil es zu hart klang, erfanden die Sprachforscher ein weiteres "Bai" – im neuen Wörterbuch steht nun "Bai Bai" im zweiten Ton.

Flexible Integration neuer Ausdrucksweisen

Das Beispiel zeigt die Flexibilität, mit der Sprachwissenschaftler helfen, neue Ausdrucksweisen und Begriffe in der immer internationaler werdenden volksrepublikanischen Gesellschaft ins Chinesische zu integrieren. Acht Jahre arbeiteten Dutzende Linguisten aus der Akademie für Sozialwissenschaften und Redakteure des Pekinger Verlags Commercial Press an der elften Ausgabe des "Xinhua Zidian", des "Wörterbuch des Neuen China".

Nun ist das einflussreichste Sprachlexikon Chinas mit einer Startauflage von vier Millionen Exemplaren erschienen. Jedes Schulkind seit Gründung der Volksrepublik ist mit dem heute mehr als 700 Seiten umfassenden Taschenlexikon aufgewachsen. Mit einer Gesamtauflage von mehr als 400 Millionen Exemplaren ist es nach der Bibel eines der vier weltweit meistverkauften Bücher.

In ihm spiegeln sich seit seinem erstmaligen Erscheinen im Jahr 1953 auch die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der chinesischen Gesellschaft und Politik.

Begriffe werden auf den Kopf gestellt oder getilgt

Im neuen Wörterbuch werden alle Begriffe auf den Kopf gestellt oder getilgt, die nicht mehr in die heutige Zeit passen, aus der der Gedanke an den Klassenkampf verschwunden ist. So lautete etwa der Beispielsatz für die Anwendung des Pronomens "Zanmen" (Wir allesamt) in der Ausgabe von 2004: "Wir Armen haben allesamt unser Dorf revolutioniert."

Sieben Jahre später heißt es dort an gleicher Stelle: "Wir sind allesamt in unserem Dorf reich geworden." Auch das Wort für Sklave (Nu) bekommt eine neue, moderne Anwendung, die es in der chinesischen Alltagssprache schon längst hat. Unter "Fang-Nu" oder "Che-Nu" versteht das Wörterbuch "Wohnsklaven" und "Autosklaven" im heutigen China, die sich mit ihren Wohn- oder Autokrediten so verschuldet haben, dass sie zu Abzahlungssklaven wurden.

Überholte Begriffe wie "Meiyou" (Öl für Petroleumlampen) oder "Hezuoshe" (landwirtschaftliche Genossenschaft) sind für die Ausgabe 2011 entsorgt worden. Neu aufgenommen wurden Begriffe wie "Harmonie", "Medien", "Volkswohl" oder "Wanderarbeiter".

Tierschutz spielt erstmals eine Rolle

Erstmals spielt Tierschutz in einem chinesischen Wörterbuch eine Rolle. Bei bedrohten Tierarten lassen die Verfasser diesmal bewusst alle einst über diese Tiere gemachten Angaben weg, ob sie für den Menschen mit Fleisch, Lebertran, Fell oder Elfenbein nützlich sind.

Das gilt in der Neuausgabe etwa für Wale, Füchse, Nashörner oder Elefanten. Neue Lehnwörter müssen mindestens ein Jahrzehnt im Volksmund verbreitet sein, bevor sie Aufnahme finden. "Di-Shi" schafft es für die im chinesischen Straßenverkehr allgegenwärtigen Taxis, "Zhe Li" für das in Frisuren geschmierte Gel, oder "Xiu" für TV-Shows.

Die meisten neuen Begriffe stammen aus dem Internet, wo das Wörterbuch mit dem realen Tempo, mit dem fast eine halbe Milliarde Chinesen heute online gegangen sind, nicht Schritt halten kann. Viele Begriffe, die schon zum Massensprachgebrauch gehören, müssen nun auf die nächste Ausgabe warten, von "Weibo" (Mikroblog) bis "Xia Zai" (herunterladen).

Wörter wie Firewall oder Proxyserver, mit denen sich die Zensur überspringen lässt , sind von Vornherein tabuisiert.

"Xinhua Zidian" springt über viele Schatten

Dennoch springt das neue "Xinhua Zidian" über viele Schatten. Seit der Rückkehr Hongkongs und der Entspannung mit Taiwan holt es die dort beibehaltene traditionelle Schreibweise von Schriftzeichen nun wieder nach China zurück. In der Volksrepublik wurde die geschriebene Sprache seit 1949 radikal vereinfacht.

Im neuen Wörterbuch mit seinen 13.000 Begriffen sind 1500 Zeichen auch in alter Schreibweise neu aufgenommen worden. "Das hilft unserem Kulturaustausch", zitiert die Nachrichtenagentur Xinhua Zhou Hongbo, in dessen Verlag Commercial Press das Wörterbuch erscheint.

Nur eine Handvoll Zeichnungen finden sich auf den mehr als 700 Seiten. Eine Illustration ist aber über alle elf Ausgaben des "Xinhua Zidian" seit 1953 gleich geblieben. Unter dem Stichwort "Yi Fu" (Kleidung) wird die auf Republikgründer Sun Yatsen zurückgehende Jacke mit Hose abgebildet. Einst wurde diese Bekleidung unter dem Namen Mao-Anzug weltbekannt.

Obwohl kaum jemand heute noch die altmodische Kluft trägt, ist sie das Einzige, was von Mao durch alle Zeiten in dem Wörterbuch unverändert stehenblieb.

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