Tötung Bin Ladens

Islamisten machen Jagd auf CIA-Agenten

Der CIA-Agent "John" spürte Terrorchef Osama Bin Laden in Pakistan auf. Jetzt wurde der Mann enttarnt und muss nun um sein Leben fürchten. Denn al-Qaida macht ihn für die Tötung ihres Chefs verantwortlich.

Es begann so harmlos. Die Nachrichtenagentur AP präsentierte am 5. Juli ein Portrait jenes Mannes, der im Auftrag der CIA jahrelang Terrorchef Osama Bin Laden gejagt, und schließlich auch aufgespürt hatte - "The Man Who Hunted Osama Bin Laden", so der Titel. Die Reporter Adam Goldman und Matt Apuzzo wollten die Identität des Geheimdienstlers schützen, und nannten den Mann nach seinem zweiten Vornamen einfach nur "John".

"John" machte in der Russland- und Balkan-Abteilung der CIA Karriere, bevor er sich ab 2003 der Anti-Terror-Einheit verschrieb. Detailversessen sei er, berichten Kollegen, er könne aus scheinbar unwichtigen Informationen wichtige Elemente herauslesen und geheimdienstliche Puzzleteile zusammensetzen. Mit beachtlichem Erfolg: Die Festnahme von 9-11 Chefplaner Khalid Sheikh Mohammed und Ramzi Binalshibh gelang offenbar durch die Arbeit von "John".

Jagd auf Osama Bin Laden wurde Lebensaufgabe

Für "John" wurde die Jagd auf al-Qaida-Chef Osama Bin Laden zu einer Lebensaufgabe. Er studierte den Terrorführer wie kaum ein anderer und beleuchtete alle Aspekte aus dem Leben Bin Ladens. Besessen davon den Top-Terroristen aufzuspüren, arbeitete "John" mit seinem Team an jedem noch so kleinen Detail, das vielleicht der entscheidende Hinweis sein könnte.

Schließlich heftete sich eine von "Johns" Mitarbeiterinnen im Jahr 2007 an die Fersen eines "Ahmed al-Kuwaiti". Die Spur war heiß, der Mann war einer von Bin Ladens Kurieren. Doch erst drei Jahre später, im August 2010, konnten sie al-Kuwaiti ausfindig machen. Letztendlich führte er die CIA zu Bin Ladens Versteck im pakistanischen Abbottabad.

"John" nahm die Verantwortung auf sich, trat vor den Senat und briefte den Präsidenten. Zu 80 Prozent sei er sich sicher, dass in dem Gebäude in Abbottabad Osama Bin Laden lebe. "John" sollte recht behalten. Nach acht Jahren Jagd tötete ein Team der US Navy Seals den al-Qaida-Anführer in der Nacht des 2. Mai in einer 40-minütigen Kommandoaktion.

Trotz der Details über "John", den Bin Laden-Jäger, schien der CIA-Analyst geschützt zu sein – den echten Namen verriet AP nicht, seine unglaubliche Geschichte konnte man dennoch erzählen. Diese Geheimhaltung rief jedoch findige Internet-Aktivisten auf den Plan. Die Jagd auf den Jäger begann.

Die wahre Identität des CIA-Mannes

John Young, der Betreiber der Webseite Cryptome.org, gab sich nicht mit "John" zufrieden. Er wollte die wahre Identität des CIA-Mannes herausfinden und machte sich auf die Suche. Er untersuchte eine Reihe von Fotos, die am Tag nach der Tötung Osama Bin Ladens vom Weißen Haus an die Presse weitergegeben wurde.

Sie zeigten den US-Präsident und eine Reihe weiterer hochrangiger Regierungsoffizieller und Geheimdienstler, die am Bildschirm des "Situation Room" live die Kommandoaktion der US Navy Seals im pakistanischen Abbottabad verfolgten.

Young entdeckte etwas Ungewöhnliches. Laut AP war "John" in jenen Stunden im Raum anwesend, doch alle Personen auf dem Foto waren mehr oder weniger bekannt. Wo also war "John"? Am rechten Bildrand stand eine Person, dessen Oberkörper abgeschnitten wurde.

Lediglich sein schwarzer Anzug und die gelbe Krawatte hatte die Fotoabteilung des Weißen Hauses übersehen. John Young suchte in den vergangenen Wochen fieberhaft nach einer Person, die von Körpergröße und Krawattengeschmack ins Bild passte. Und er wurde fündig.

Ein weiteres Foto, aufgenommen im "Situation Room" am 1. Mai zeigte CIA-Direktor Leon Panetta vor versammelter Mannschaft. Im Hintergrund stand ein ungewöhnlich großer Mann, der bislang auf keinem Foto aus Regierungskreisen zu sehen war. Er trug die gleiche Krawatte, wie jene Person, die aus dem anderen Foto herausgeschnitten wurde.

Zwei Tage nach der Bin Laden-Tötung, am 3. Mai, ist "John" ebenfalls zu sehen. Wieder im Hintergrund, im Moment als Leon Panetta nach einem Briefing das Kapitol in Washington verließ.

Der namenlose Krawattenmann

Das New Yorker Magazin "The Observer" heftete sich ebenfalls an die Fersen des unbekannten Mannes, bei dem es sich um "John" handeln musste. Es gelang den Reportern, die Identität des namenlosen Krawattenmannes zu enthüllen.

Innerhalb kürzester Zeit förderten die Reporter sämtliche Details aus "Johns" Leben zu Tage: auf welche Schulen er gegangen war, was seine Abschlussnoten waren, in welchen Jahrbüchern sein Foto klebte, wo er wohnt, welche Schulen seine Kinder besuchten, wie seine Frau heißt. Sie zoomten über Google Earth direkt auf sein Haus.

"Wie lautet sein Vorname?"

"The Observer" zögerte, Details über den CIA-Mann zu veröffentlichen und entschied, den Geheimdienst im Vorfeld zu informieren. Ein Anruf beim CIA-Hauptquartier in Langley genügte. Man wisse, wer "John" ist, sagten die Journalisten. "Wie lautet sein Vorname?", fragte eine Frau am anderen Ende der Leitung. Die Mitarbeiter von "The Observer" nannten den Namen und wurden sofort durchgestellt.

Es sei ein Fehler gewesen, derart viel aus dem Leben des Analysten preiszugeben, erklärte die CIA. Die Sicherheit des Mannes und dessen Familie sei nun gefährdet.

Der ehemalige Vize-Direktor der CIA, John McLaughlin, war eine der wenigen Quellen, die von AP in der "John"-Story namentlich genannt wurden. Er kennt "John" und lieferte einige Details über den CIA-Analysten. Als "The Observer" McLaughlin mit den neuen Informationen zu "John" konfrontierte, reagierte dieser sofort.

"Sie hatten mir gesagt, sie würden seinen Namen nicht schreiben", so McLaughlin über AP, "Aber ich hätte wissen sollen, dass es eine Jagd auf ihn geben würde." Weiter sagte McLaughlin: "Ich flehe euch an, publiziert den Namen dieses Mannes nicht."

Machtkampf hinter den Kulissen der CIA?

Derweil sprießen die Gerüchte, weshalb der im Hintergrund arbeitende CIA-Analyst "John" überhaupt auf Pressefotos zu sehen sein konnte. Normalerweise werden derart sensible Informationen akribisch genau geprüft, um die Personen bestmöglich zu schützen.

Insider vermuten einen Machtkampf hinter den Kulissen der CIA. Nur wenn jemand wollte, dass "John" bekannt wird, wäre eine solche Panne möglich, meint die Terrorismusexpertin Jessica Stern der Universität Harvard, oder aber das ganze sei ein "unglaublich dummer Fehler".

Status "covert"

Bevor sich die Nachrichtenagentur AP für "John" interessierte, hatte der Geheimdienstler den Status "overt" (offen) inne, das heißt, er durfte erzählen, dass er für die CIA arbeitet und was er davor gemacht hatte. Nachdem "The Observer" die CIA informierte, dass man "John" identifiziert habe, erhielt der Agent den Status "covert" (geheim).

"John" muss nun um sein Leben fürchten. Al-Qaida mache nun Jagd auf den , warnen Geheimdienstler. Durch das Portrait von AP sei der Eindruck entstanden, ein einzelner Mann sei verantwortlich für die Tötung Bin Ladens.

Nach Morgenpost Online-Informationen kursieren Fotos von "John" bereits in islamistischen Internet-Foren.