Kommunalwahl in Italien

Berlusconi erlebt in Mailand sein rotes Wunder

Für Berlusconi war die Kommunalwahl die "Schlacht um Stalingrad" – und er hat sie verloren. Seine Heimatstadt Mailand wird künftig von einem Linken regiert.

Foto: AP / AP/DAPD

Das Regierungslager Silvio Berlusconis hat Mailand und Neapel in zwei Stichwahlen an die Opposition verloren. In Mailand war das Debakel erwartet worden, in Neapel ist der Übergang der Macht an Luigi De Magistris von der Partei „Italien der Werte“ (IDV) für die meisten Italiener eine Überraschung.

Berlusconi kämpfte fast hysterisch um Mailand

Doch am meisten dürfte Berlusconi wohl der Verlust Mailands schmerzen. Denn seit ein spektakulärer Stimmeneinbruch in den Teilkommunalwahlen vor wenigen Wochen eine Stichwahl in seiner Heimat und Hochburg Mailand und anderen Städten notwendig machte, lagen die Nerven bei Italiens Premier blank.

Einen Herausforderer wie Giuliano Pisapia nämlich, der seine Kandidatin Letizia Moratti mit 48 zu 42 Prozent in der Vorentscheidung um die Macht in Mailand ausbremste, hatte er vorher einfach nicht auf dem Radar. Seitdem hielt er Italien mit einer Kampagne in Atem, die nicht immer frei von hysterischen Zügen war.

Mailand selbst hat er in dieser Zeit nicht betreten. Auf dem Bildschirm aber suchte er den Kampf um die Wählergunst auszutragen wie ein Fußballendspiel. Ohne Bremsen überrollte er etwa den populären Talkmaster Bruno Vespa in dessen Sendung „Porta a Porta“, dem er gerade zweimal erlaubte, ihn in seiner Attacke gegen die roten Horden zu unterbrechen, die sich wie einst die Hunnen vor den Toren Mailands sammelten.

Sanfter Ex-Kommunist Pisapia bewirkt das "rote Wunder"

Doch da waren die feindlichen „Horden“ längst nicht mehr vor der Stadt, sondern tief darinnen und nur auf Armeslänge vom Rathaus entfernt, wie die erste Wahl offenbarte, die schon einem wahren „miracolo rosso“ (einem roten Wunder) gleichkam, wie selbst der Staatssender RAI zugab. Jetzt hat sich das „Wunder“ noch einmal wiederholt. Das Rathaus ist gefallen, das seit Jahrzehnten dem Mitte-Rechts-Lager gehörte.

Daran hat Giuliano Pisapia entscheidenden Anteil, der wie kaum ein anderer jener politischen Klasse der „toghe rosse“ (der Roten Roben) entstammt, auf die sich Berlusconi seit Jahren eingeschossen hat – und der rein gar nichts von jenen monströsen Zügen hat, wie sie der Premier stets beschwört.

Pisapia verkörpert auf geradezu klassische Weise, was man in England einen Gentleman nennen würde. Vor zehn Tagen, am 20. Mai, ist er 62 Jahre alt geworden. Als er sich im letzten November dazu entschloss, für die oppositionelle Partito Democratico in einem fast aussichtslos scheinenden Rennen um die Position des ersten Bürgers Mailands zu bewerben, ließ er den offiziellen Kandidaten Stefano Boeri auf Anhieb weiter hinter sich.

Sensationeller Stichwahl-Erfolg in Berlusconis Hochburg

Danach verfolgte er strategisch geschickt nur das Ziel, eine Stichwahl gegen Letizia Moratti, die amtierende Bürgermeisterin zu erzwingen. Doch dann fegte er sie mit 48,4 Prozent fast schon im Handstreich aus dem Amt der als uneinnehmbar geltenden Hauptstadt aller Bewegungen Berlusconis. Jetzt hat er diesen Erfolg mit 55,14 Prozent sensationell überboten.

Er ist das vierte von sieben Kindern einer katholischen Familie Mailands, dessen Vater das italienische Strafgesetzbuch von 1989 verfasst hat. Auch er machte sich vor allem als Anwalt einen Namen, etwa als er den Kurdenführer Abdullah Öcalan verteidigte oder die Eltern Carlo Giulianis, der vor 10 Jahren bei dem G-8-Gipfel in Genua von der Polizei erschossen worden war.

Für die „Diktatur der Richter“, die Berlusconi immer wieder als Gefahr herauf beschwört – und letzte Woche sogar vor Präsident Obama beklagte – , lässt sich Pisapia nicht ins Feld führen. Und als „Terroristenfreund“ lässt sich der „sanfte Kommunist“ auch nicht glaubhaft beschimpfen.

Vor über 30 Jahren wurde er einmal mit einer Handvoll linker Extremisten festgenommen. Die Amnestie, die ihm danach jedoch angeboten wurde, hat er konsequent abgelehnt, um einen wasserdichten Freispruch durchzusetzen.

Linke feiert Pisapia als "Obama" Italiens

Sonst verlief die Karriere des zurückhaltenden Advokaten eher unspektakulär, wenn auch mit romantischen Noten. In seiner Militärzeit soll er etliche Liebesbriefe für Kameraden aus dem mezzogiorno geschrieben haben, die sich in der Sprache Dantes nicht annähernd so elegant auszudrücken wussten wie der auch literarisch ambitionierte Student, dem seine Mutter ein starkes soziales Engagement mit in die Wiege gelegt hatte.

Erst nach dem Studium der Politischen Wissenschaft wandte er sich dem Recht zu. Vor 15 Jahren ließ sich der Strafverteidiger erstmals als unabhängiger Kandidat für die linke Reformpartei (Rifondazione Comunista) ins Parlament wählen, wo er Vorsitzender des Justizausschusses wurde und eine dritte Kandidatur und Wiederwahl dann aus der Sorge ablehnte, „Politik nicht zum Hauptberuf“ werden zu lassen.

Diese Pläne könnten durch seinen Überraschungssieg nun freilich gründlich durchkreuzt werden – und vielleicht auch sein Vorhaben, seine Karriere in Mailand statt in Rom zu beenden. Schon vor der Stichwahl wurde der Shooting-Star in dem chronisch hoffnungslosen Lager der italienischen Linken als neuer Hoffnungsträger und sogar als „Obama“ gefeiert.

Rom ordnet die Schlachtreihen neu

Das allein sichert ihm noch keine Zukunft in Rom, wie das Schicksal Walter Veltronis zeigt, dem Ex-Bürgermeister der ewigen Stadt, der vor drei Jahren noch mit dem Motto „Si può fare („Das lässt sich machen“, als italienische Variation des „Yes, we can“) zum Sprung auf Rom ansetzte, bevor er ein Jahr später resigniert das Handtuch warf.

Nur die „Schlacht um Stalingrad“, die Berlusconi im Kampf um Mailand ausgerufen hatte, hat mit dem klaren Sieg Pisapias ein Ende. Gescheitert sind damit auch die gewaltigen PR-Kampagnen zur Verhinderung einer angeblich von den Linken geplanten Umgestaltung der lombardischen Finanzmetropole in ein „Mekka der Schwulen“, ein Eldorado islamistischer Terroristen, eine Freihafen der Dealer und Junkies und zu einem gewaltigen „Zingaropoli“, eine Zigeuner-Metropole, über der ein Fahnenmeer roter Flaggen mit Hammer und Sichel im Sturm der neuen politischen Entwicklung flattern würde.

„Wenn Pisapia gewinnt, schneiden wir uns die Eier ab!“ hatte Umberto Bossi, der Regierungspartner Berlusconis, vor Tagen noch versprochen. Dazu wird es nicht kommen. Doch nun werden in Rom die Schlachtreihen neu geordnet.

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