Freizeit contra Arbeit

Israel hadert mit Einführung der Fünf-Tage-Woche

Israel möchte sein Wochenende verlängern. Doch soll man Freitag, Sonntag oder beide Tage freimachen? Wie immer geht es auch um die religiöse Identität des Landes.

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Als der Staat noch jung, die Gewerkschaft Histadrut noch staatstragend und das Verhältnis der Israelis zur Arbeit noch – sagen mir mal – sozialistisch geprägt war, wurde Ministerpräsident Levi Eschkol einmal gefragt, was er denn von der Einführung der Fünftagewoche halte. Das sei gar keine schlechte Idee, entgegnete der immer etwas gemütlich wirkende Regierungschef gut gelaunt. Aber man solle doch erst mal mit zwei Arbeitstagen beginnen, sich dann auf drei und vier hinaufarbeiten und schließlich wirklich an fünf Tagen in der Woche produktiv sein.

Die Zeiten haben sich geändert. Laut Statistik arbeiten heute 71,7 Prozent der Israelis wöchentlich mehr als 40 Stunden, in Deutschland sind es nur 52,5 Prozent und in Frankreich gar nur 34,7 Prozent. Jeder arbeitende Israeli stemmt jährlich 1943 Arbeitsstunden – etwa 500 mehr als der durchschnittliche deutsche Arbeiter.

Der moderne Israeli braucht mehr als einen freien Tag

Kein Wunder, denn der Jahresurlaub ist meist nicht mal halb so lang wie in Deutschland und das Wochenende ist kürzer. Mit dem Sonnenuntergang am Freitag beginnt der Schabbat, der jüdische Ruhetag, und ist am Samstagabend auch schon wieder zu Ende. Das mag Adam und Eva im Paradies die notwendige Entspannung verschafft haben, der moderne Israeli aber möchte mehr.

Der Minister für regionale Entwicklung, Silwan Schalom, hat deshalb nun vorgeschlagen, auch den Sonntag freizumachen. Das sei gut für die Wirtschaft, gut für die Arbeitnehmer und außerdem schon deshalb wünschenswert, weil Israel sich so den Gepflogenheiten der „entwickelten Staaten der Welt“ anpassen würde.

Es sei ein „kosmopolitischer Schachzug“, sagt Schalom. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will die möglichen Auswirkungen einer Verlängerung des Wochenendes nun von einem Ausschuss untersuchen zu lassen.

Listen der Vor-und Nachteile sind lang

Denn es gibt Vor- und Nachteile: International tätige Geschäftsleute merken an, dass für sie die sonntägliche Arbeit eh sinnlos sei – weil sie nämlich weder in Armerika noch in Europa Geschäftspartner haben. Banken sind am Sonntag in Israel bisher zwar meist geöffnet, können aber keine Devisengeschäfte machen, weil die Märkte geschlossen sind und es keine Kurse gibt.

Andererseits merken Börsenmakler an, es sei auch ein Vorteil, dass der israelische Markt am Sonntag in aller Ruhe auf Entwicklungen an internationalen Märkten reagieren könne. Wer im High-Tech-Bereich schon heute zehn bis elf Stunden täglich arbeitet, fragt sich, wo er die halbe Stunde tägliche Mehrarbeit unterbringen soll, die Schalom einführen möchte, um den freien Sonntag ohne Produktivitätsverlust einzuführen.

Auch das Finanzministerium erhob prompt Einspruch: Sollte Sonntag Teil des Wochenendes werden, müsse man Angestellten in den Krankenhäusern astronomische Summen an Wochenendzulagen zahlen.

Für Orthodoxe ist Arbeiten am Freitag schwierig

Viele bezweifeln auch, dass es gelingen könnte, den Freitag zu einem halben Arbeitstag zu machen. Heute sind Regierungsbüros am Freitag geschlossen, viele Banken öffnen nicht, Kindergärten und Schulen schließen früher. Wer die Schabbatruhe halten will, und das ist immerhin ein Drittel der jüdischen Bevölkerung, muss bis Sonnenuntergang geputzt und gekocht haben.

In den Wintermonaten kann die Sonne aber schon mal gegen 16 Uhr untergehen. Andererseits würde ein freier Sonntag es den orthodoxen Juden ermöglichen, an einem arbeitsfreien Tag einzukaufen oder Ausflüge zu machen – was sie am Schabbat nicht können, weil sie weder Geschäfte machen noch Auto fahren dürfen.

Das sind nur die wirtschaftlichen Verwicklungen. Doch wie immer in Israel ist ein solcher Vorstoß auch ein Politikum, bei dem es um die Stellung von Minderheiten und die religiöse Identität des Staates geht. So hat Innenminister Eli Jischai deutlich gemacht, dass seine sefardisch-orthodoxe Schas-Partei auf Weisung ihres spirituellen Führers Rabbi Ovadia Jossef gegen die Ausweitung des Wochenendes auf den Sonntag sei.

Arabische Minderheit lehnt freien Sonntag ab

Auch die Vertreter der arabischen Minderheit sind gegen den freien Sonntag. Der arabische Knessetabgeordnete Taleb al-Sanaa unterstellte, der Vorstoß sei gegen die muslimische Bevölkerungsminderheit von 17 Prozent gerichtet, deren Ruhetag der Freitag sei. In muslimischen Ländern wie Tunesien, Marokko, Libanon, Indonesien, Malaysia und Pakistan scheint man das weniger eng zu sehen – auch dort wird am Samstag und Sonntag geruht.

Einen Verbündeten haben die Araber in Finanzminister Juval Steinitz gefunden, der den Freitag zum arbeitsfreien Tag machen möchte. Die Kosten dafür seien überschaubar, die jüdische Identität des Staates werde bewahrt und die Rechte der muslimischen Minderheit respektiert. Ein goldener Weg zum sehr ersehnten langen Wochenende? So einfach wird das wohl nicht sein in Israel.