Italien

Berlusconi ist amtsmüde und nimmt Kurs auf Brüssel

"Wenn ich könnte, würde ich jetzt schon aufgeben", behauptet der "Cavaliere". 2013 will er nicht mehr antreten. Ihn reizt eine neue Aufgabe.

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Silvio Berlusconi will 2013 von seinem Amt zurücktreten . Wirklich? „Ach, am liebsten heute schon!“, hat er gesagt – doch die Pflicht, die Pflicht lasse ihn leider noch nicht los. Sicher ist nur dies: Die erste Hitzewelle des Sommers sucht gerade Italiens Hauptstadt heim. Italien ermattet.

Diese Stimmung hat auch Auswirkungen auf die Beliebtheitswerte des lange Zeit erfolgreichsten Premiers nach dem Krieg. Selbst in Ferienlaune und am Strand scheinen die meisten Italiener ihres extravaganten Regierungschefs überdrüssig geworden zu sein. Seine trickreichen Manöver, seine schillernden Eskapaden, sein betörendes Gitarrenspiel, all dies will inzwischen sogar bei seinen Anhängern nicht mehr verfangen.

Seine Fähigkeit aber, auf der Medienklaviatur nach Belieben zu spielen, hat der „Cavaliere“ auch über den neuen Missmut an manchem Missmanagement nicht verloren. Wie er in die Schlagzeilen kommt, weiß er immer noch besser als jeder andere. Seit Kurzem etwa weiß die Nation von seinem Leibarzt Umberto Scapagnini, dass die Manneskraft des 74-Jährigen auch nach seiner Prostataoperation nicht gelitten hat.

Leibarzt gestattet Berlusconi sechsmal pro Woche Sex

Im Gegenteil: Sechs Mal Sex pro Woche sei für ihn überhaupt kein Problem. Nur am Sonntag rät ihm der Doktor zu einer Verschnaufpause. Demnach schießt der fidele Premier also auch heute noch deutlich über das gesunde Maß Martin Luthers hinaus („In der Woche zwier (zwei Mal), schadet weder ihm noch ihr“).

Aus Telefonmitschnitten mit seinen Gespielinnen haben die Wähler vor Wochen hingegen erfahren, dass der Geschlechtsverkehr mit dem Landesvater sehr „stressante“ sei. Danach ist zumindest für kräftige Schlagzeilen quer durch den Blätterwald das öffentliche Gegengutachten seines Arztes auf jeden Fall schon mal gut, zumal er seinem Patienten darin auch noch Geistesgaben „jenseits aller Norm“ bescheinigte. Der Patient selbst aber hat die Nation im letzten April gelassen wissen lassen, dass er erstens 120 Jahre alt werde und zweitens, natürlich, „noch so lange wie nötig im Amt bleiben“ wolle.

Nun hingegen hat er dieselbe Nation davon unterrichtet, dass sie doch nicht mehr 45 Jahre, sondern nur noch zwei Jahre auf sein politisches Ableben warten müsse. 2013, am Ende dieser Legislaturperiode, wolle er – wie er heute sagt – nicht mehr für das Amt des Premiers antreten.

Berlusconi will Italiens "vornehme Vaterfigur" bleiben

Diese Mühe solle dann ein Jüngerer übernehmen, genauer Angelino Alfano, Justizminister und neuerdings Parteichef der Berlusconi-Partei Volk der Freiheiten. Der „Cavaliere“ selbst wolle dem Land dann nur noch als „padre nobile“ zur Verfügung stehen, als vornehme Vaterfigur.

Als Plattform für die überraschende Ankündigung wählte der noble Premier diesmal ein Interview in der „Repubblica“, dem publizistischen Flaggschiff der Opposition, wo er die Leser fast in einem Stück Hofberichterstattung verfolgen ließ, wie der „presidente del consiglio“ den Interviewer so charmant umgarnte, wie es ihm in seiner Partei oder unter seinen Bundesgenossen von der Lega Nord schon lange mit keinem mehr so recht gelingen wollte.

Der Grund für seine Rücktrittgedanken sei einfach, erläuterte er dem Journalisten. Er wolle aufstrebenden Talenten nicht mehr im Weg stehen – und außerdem könne man „mit 77 Jahren kein Premier mehr sein“. Aus der Politik werde er sich deshalb ja noch nicht verabschieden.

Und nein, nein, Staatspräsident Giorgio Napolitano wolle er auch überhaupt nicht in den Quirinalspalast folgen, wie seit einem Jahr immer wieder spekuliert worden sei. Für dieses höchste Amt im Staat hat er stattdessen schon höchst souverän Staatssekretär Gianni Letta vorgesehen, seinen verlässlichsten Intimus, dessen Integrität aber auch von der Opposition noch nie ernsthaft infrage gestellt werden konnte.

Der Neue hat alles, um Berlusconi zu beerben – außer Charme

Angelino (das „Engelchen“) Alfano hingegen, den jungen Mann, den Silvio Berlusconi jetzt quasi nach Sultansart als seinen Nachfolger ausgerufen hat, gilt seit Jahren als selbstbewusster „shooting star“ in seinem Gefolge. Der 40-jährige Sizilianer ist gerade nach einer steilen Karriere auf dem Nationalkonvent von 1000 Delegierten per Akklamation als neuer Parteichef der Berlusconi-Partei auf den Schild gehoben worden.

Mit seinem Namen ist aber auch schon das inzwischen wieder ausgehebelte Immunitätsgesetz in die Geschichte eingegangen, das den Inhabern der vier höchsten Staatsämter nach dem Vorhaben des geschmeidigen Justizministers Schutz vor Strafverfolgung sichern sollte. Das Verfassungsgericht hob die „Lex Alfano“ wieder auf.

Dennoch umgibt den Vater von zwei Kindern auch selbst noch immer die Aura eines Glückskindes. Ob das genügt, die teilweise hypnotisierte Gefolgschaft und Fangemeinde Berlusconis in eine normale demokratische Partei umzuschmieden, ist fraglich.

Dottore Alfano hat alles, um seinen Förderer zu beerben, nur nicht dessen Charisma. Mit dieser Gottesgabe wird Italiens Premier – mehr noch als mit seiner Libido – noch lange einzigartig in Europa bleiben. Aus der Politik zurückziehen will er sich natürlich nicht. Im Gegenteil, ab 2013 will er sich gezielt dem Aufbau der PPE zuwenden, der Europäischen Volkspartei. Zeit in Brüssel, Italienisch zu lernen.