Unabhängiger Süden

Nuba sind die Leidtragenden der Teilung des Sudans

Im Sudan sind Bewohner ganzer Dörfer in die Berge geflüchtet, um sich vor Luftangriffen zu verstecken. Sie fühlen sich vom Süden im Stich gelassen.

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Sie sei gerade dabei gewesen, Wasser aus dem Brunnen zu holen, erinnert sich die sechzehnjährige Winasa Stephen. Eine blaue Decke bedeckt ihren verwundeten Körper, ihre Stimme ist kaum hörbar. "Es war fünf Uhr nachmittags und der Ort war voller Leute. Als ich das Flugzeug kommen hörte, versteckte ich mich unter einem Baum. Die Bombe schlug direkt neben mir ein. Als sie explodierte, dachte ich schon, ich wäre tot."

Erst nach zwei Uhr morgens gelang es ihr, das Lewere Krankenhaus, eine kleine Klinik in der nordsudanesischen Region der Nuba Berge, zu erreichen. "Ich brauchte vier Stunden, um die Bombensplitter aus ihrem Körper zu entfernen", erklärt Joseph Jacob, der einzige Arzt in der Klinik. "Mir fehlten die richtigen Instrumente und das Loch war sehr groß." Stephen, die an der rechten Hüfte verletzt wurde, ist inzwischen auf dem Weg der Besserung und schwebt nicht mehr in Lebensgefahr.

300 Patienten am Tag

In dem Krankenhaus ist sie eine von 47 Patienten, die dort nach Luftangriffen der Sudanesischen Armee verletzt eingeliefert wurden. Am 5. Juni waren die Feindseligkeiten offen ausgebrochen zwischen der Sudanesischen Armee – befehligt aus Khartum im Norden – und den ehemaligen Rebellen der Armee für die Befreiung des Sudanesischen Volkes (SPLA) in den Nuba-Bergen.

Das Krankenhaus befindet sich in den Hügeln um die Stadt Kauda, einer Hochburg der Rebellen. Früher behandelte es 300 Patienten am Tag. Doch jetzt, nachdem die Gegend um die Klinik mehrmals bombardiert wurde, kommen täglich nur noch weniger als Hundert Menschen. "Wenn sie die Antonov kommen hören, rennen die Leute aus dem Krankenhaus. Oft hängen ihnen noch die Katheter am Arm", erklärt Jacob. "Wir können ein Angriffsziel sein, die Leute wissen das."

Die Region gehört zum Bundesstaat Süd-Kordofan und damit zum Hoheitsgebiet des Nordens. Ihre Bewohner, die Nuba, sind jedoch keine Araber, sondern Afrikaner. Zwanzig Jahre lang kämpften die Nuba von diesen abgeschiedenen Hügeln aus an der Seite der Freiheitsbewegung SPLA gegen eine Regierung im Norden, deren Politik sie als diskriminierend gegenüber Afrikanern betrachteten.

Der Konflikt forderte zwei Millionen Todesopfer, weitere vier Millionen Menschen wurden vertrieben. Letztlich führte er im Jahr 2005 zu einem umfassenden Friedensabkommen, die dem Südsudan ein Referendum über seine Unabhängigkeit zugestand. Das Referendum wurde im Januar dieses Jahres abgehalten und 98 Prozent der Bevölkerung stimmten für die Unabhängigkeit.

Nuba-Berge als Kriegsschauplatz

Doch die Nuba konnten nicht an diesem historischen Moment teilhaben: Nach den Grenzen von 1956, auf der die Friedensvereinbarung basiert, fällt die Region unter die Kontrolle des Nordens. Während der Südsudan nun seine Unabhängigkeit feiert, werden die Nuba-Berge zum Schauplatz eines erneuten Krieges.

Der Auslöser dieses Konflikts war eine Gouverneurswahl, bei der der Kandidat der im Norden regierenden Partei gegen den populären Kandidaten der SPLM, des politischen Arms der SPLA, gewann. Während die SPLM von Wahlbetrug sprach, erklärte Khartum das Wahlergebnis für gültig und gab der SPLA ein Ultimatum, sich zu entwaffnen und in die Sudanesische Armee zu integrieren. Kämpfe brachen aus.

Als die Armee die Provinzhauptstadt Kadugli eroberte und die SPLA in die Vororte zurückdrängte, flohen zehntausende Zivilisten vor Vergeltung und den Luftschlägen der Sudanesischen Armee. Nach Angaben der Vereinten Nationen hat diese neueste Krise eine unbekannte Anzahl an Opfern gefordert und zu schätzungsweise 75.000 Vertriebenen geführt. Örtliche Menschenrechtsorganisationen sprechen sogar von knapp einer halben Million Flüchtlingen.

In einem Vorort des Dorfes Lewere, ein paar Kilometer von dem Krankenhaus entfernt, sitzt eine Gruppe Frauen auf einem Bergkamm. Die meisten von ihnen sind umgeben von ihren kleinen Kindern, eine ist sogar schwanger. "Wir verbringen den ganzen Tag hier und tun nichts", sagt die 35-jährige Fatima Ramadan.

Viel Rauch, Schutt und Steine

Ihre Kinder haben gelernt, in einer nahegelegenen Höhle Schutz zu suchen, sobald sie das Summen einer Antonov über sich hören. Denn sollte die Sudanesische Armee das Dorf bombardieren, hätten die Frauen nicht genug Zeit, um ihre Kinder einzusammeln und wegzulaufen. Also verbringen sie lieber gleich den ganzen Tag auf dem Berg. "Vor ein paar Tagen explodierte eine Bombe direkt über der Höhle", erklärt Ramadan, die mit ihren vier jüngsten Kindern hier ist. "Es gab viel Rauch, Schutt und Steine fielen herab, aber zum Glück wurde niemand verletzt."

Genau wie sie haben sich Tausende andere Zivilisten über die Hügel verteilt. Nachdem sie sich den ganzen Tag versteckt haben, kommen sie erst bei Sonnenuntergang zurück ins Tal, wenn die Luftangriffe aufgehört haben. Dann kochen die Frauen nicht nur das Abendessen, sondern holen Wasser und bereiten Mahlzeiten für den kommenden Tag vor, wenn sie erneut auf den Berg steigen müssen.

Strategie der Regierung

Die Nuba sind solche Entbehrungen gewöhnt. Mehrmals in den vergangen 28 Jahren suchte sie der Krieg heim in diesem Gebiet, in dem das Leben immer noch von Landwirtschaft und dem Zyklus der Jahreszeiten geprägt ist. Die Region ist extrem unterentwickelt. Es gibt weder Straßen noch Infrastruktur, eine Tatsache, die viele Einheimische für eine bewusste Strategie der Regierung halten, um ein stolzes und dickköpfiges Volk zu bestrafen.

"Seit der Zeit der britischen Kolonisierung waren wir nie leicht zu unterwerfen, deshalb haben sie uns bestraft", sagt der Sozialarbeiter Montasir Nasir. "Die Nuba-Berge wurden als ‚geschlossenes Gebiet’ definiert. Das bedeutet, hier durfte nichts gebaut oder verbessert werden."

Zusätzlich begann die Regierung nach der Unabhängigkeit des Sudans von britischer Herrschaft mit einer Kampagne der Arabisierung und Islamisierung der Region. Arabische Stämme erhielten das beste Land, während die Afrikaner hinsichtlich ihrer Bildung und Jobaussichten vernachlässigt wurden. Heute, mit der Abspaltung des Südens, ist ein weiteres Element zu dieser ohnehin schon explosiven Mischung hinzugekommen: Einige der Ölvorkommen, die der Norden behalten will, befinden sich in der Region.

Zudem fielen die Luftangriffe der Sudanesischen Armee mit dem Beginn der Regenzeit zusammen, einer Zeit, in der sich die Menschen eigentlich um ihre Felder kümmern müssen. Wenn sie auch in den kommenden Wochen nicht auf ihre Felder können, könnte Hunger für eine noch vom letzten Krieg geschwächte Gesellschaft eine viel größere Belastung werden als der Krieg selbst. "Jede Familie hier hatte vor dem Bürgerkrieg mehr als Hundert Tiere", erklärt Nasir.

"Die Erholung wird Zeit brauchen"

"Heute haben sie nur noch ein paar Dutzend. Die Erholung wird Zeit brauchen". Selbst soziale Ereignisse wie Tänze oder Ringkämpfe, der traditionelle Sport hier in Nuba, wurden aus Sicherheitsgründen verboten. Im Prinzip soll jede Form von Menschenansammlung vermieden werden. In Kauda, einem der wichtigsten Zentren der Region, ist der Markt so gut wie geschlossen. Nur ein paar Stände, die einfache Dinge verkaufen, sind noch offen für die Zivilisten, die nicht aus der Stadt geflohen sind.

Unterdessen gehen die Luftangriffe auf verschiedene Regionen wie Tes, Kauda und Kurchi täglich weiter. Auf dem Boden herrscht seit Wochen Stillstand, auch wenn die SPLA behauptet, die Sudanesische Armee schicke Truppennachschub, um eine große Offensive zu starten. "Sie schicken sogar junge Kinder her, die gerade erst ihr Schuljahr beendet haben", erklärt Mubarak Ahmed, Vorsitzender der Jugendorganisation der SPLA. Ihrerseits scheint die SPLA den Großteil des Nuba-Gebirges zu kontrollieren.

"Sie sind bereit zu kämpfen"

Sie haben die Sudanesische Armee, die nur wenige wichtige Städte und einige Nachschubrouten zum Norden kontrolliert, eingekreist. For einer Woche fing die SPLA an, ihre Positionen mit Granaten zu beschießen. Sie behauptet, al-Hamra, ein strategisches Zentrum, das einige Kilometer von Kadugli entfernt ist, wiedererobert zu haben.

"Viele unserer Männer haben weder Waffe noch Uniform, aber sie sind bereit, zu kämpfen", erklärt ein einheimischer Sozialarbeiter, der aus Sicherheitsgründen nicht namentlich genannt werden will. "Während der Umsetzung des Friedensabkommens wurden sie von der SPLA ausgebildet und ausgerüstet. Dadurch sind wir wenigstens besser vorbereitet als während des letzten Krieges."

Zwei Kriege und eine lange Geschichte der Diskriminierung

Damals zahlten die Nuba einen hohen Preis für die Freiheit des Südens. Eine militärische Kampagne der Sudanesischen Armee in den 90er-Jahren tötete 200.000 Menschen in der Region, eine Tatsache, die hier niemand vergessen will. Zwei Kriege und eine lange Geschichte der Diskriminierung und pro-arabischen Politik haben die Nuba überzeugt, dass Verhandlungen mit Khartum zu nichts Gutem führen können.

"Die Grenzen von 1956 sind mir egal. Es geht mir um meine Rechte. Das ist es, wofür ich gekämpft habe", erklärt der 35-jährige Yohanes Mudeir. Während des Bürgerkrieges kämpfte er vierzehn Jahre lang in der SPLA. "Ich werde wieder eine Waffe in die Hand nehmen, wenn es für den Frieden nötig ist."

Betrug durch Friedensvertrag

Wie immer mehr seiner Landsleute sieht Mudeir den Umgang des Südsudans mit der Nuba-Krise zunehmend skeptisch. Zwar ist der nördliche Sektor der SPLA immer noch die wichtigste Kraft in der Region und viele Nuba freuen sich über die Unabhängigkeit des Südens. Doch einen wachsende Anzahl Nuba fühlt sich betrogen durch den Friedensvertrag.

Es ist ein Abkommen, das die Erwartungen einer Region enttäuscht hat, die in einem langen und kräftezehrenden Krieg kämpfte, nur um mit einer schlecht definierten "Konsultierung der Bevölkerung" belohnt zu werden. Erhofft hatte man sich ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region vom Nordsudan. Die SPLA in der Region behauptet, bislang keine Unterstützung vom Süden erhalten zu haben. Dies passt zu den Aussagen der Regierung in Juba im Südsudan, die immer wieder betont hat, dass eine Wiederaufnahme des Krieges mit Khartum keine Option sei.

Misstrauen gegen internationale Gemeinschaft

Das wachsende Misstrauen und die Frustration der einheimischen Bevölkerung richten sich zunehmend auch gegen die internationale Gemeinschaft. "Wie kann es sein, dass die Nato Libyen bombardiert, aber nicht Khartum?", fragt der 24-jährige Jalal Hussein aus Kauda. "Warum können sie nicht auch hier eine Flugverbotszone durchsetzen?"

Das zunehmende Schweigen der Welt über die Nuba-Krise passt zu dem Schweigen der örtlichen Friedensmission. Die Truppenkontingente der Unmis, der UN-Mission im Sudan, werden Süd-Kordofan verlassen, sobald sie die Sudanesische Regierung darum bittet. Die Nuba werden sie nicht vermissen. Sie beschuldigen die ägyptischen Blauhelme der Untätigkeit. Obwohl diese außerhalb von Kauda und Kurchi stationiert sind, seien sie nirgendwo zu sehen. "Sie kommen nie, um die Lage zu analysieren. Selbst dann nicht, wenn Bomben neben ihrer Basis einschlagen", erklärt Dr. Jacob, "ich habe kein Vertrauen in sie."

Nuba geben sich kampfbereit

Von Khartum vernachlässigt, von ihren ehemaligen Kameraden im Süden ignoriert und von der Welt im Stich gelassen, bereiten sich die Nuba darauf vor, im Notfall auf sich selbst gestellt zu sein. Wenn es sein müsse, seien sie bereit, sich bis nach Khartum durchzukämpfen, geben sie sich kampfbereit.

Ihnen schwebt eine Rebellion wie die in Libyen vor. "Der Krieg wird sich mit Sicherheit auf die (Bundesstaaten) Blauer Nil und Darfur ausweiten", erklärt ein Parlamentsabgeordneter aus Nuba, der aufgrund des sensiblen Themas anonym bleiben möchte. "Es liegt am Süden, ob sie uns unterstützen wollen, oder nicht. Doch wenn uns Khartum mit Gewalt zurückholen will, bleibt uns keine andere Wahl."