Arabischer Frühling

Mutige Frauen stellen den Jemen auf den Kopf

Frauen im Jemen haben seit Beginn der Proteste nicht nur teilweise ihren Schleier abgelegt, sie halten auch Vorträge und legen sich mit Islamisten an.

Foto: REUTERS

Fast jeden Tag wickelt sich Kawkab al-Thaibani einen bunten Schal um den Kopf, küsst ihren ein Jahr alten Sohn und nimmt zwei Busse bis ans andere Ende von Sanaa, zum Universitätsplatz. Dort verlangen friedliche Demonstranten seit Februar die Absetzung des Präsidenten Ali Abdullah Saleh . Normalerweise würde sie ein Taxi nehmen, aber seit Treibstoff im Jemen knapp ist, gibt es davon nur noch sehr wenig. Selbst Busse fahren nur selten, und dann sind sie teuer. Aber al-Thaibani würde um nichts in der Welt auf ihre Fahrt zu dem Platz des Wandels, wie er jetzt heißt, verzichten.

Al-Thaibani besucht dort ihren Ehemann, den Anwalt und Menschenrechtsaktivisten Khaled al-Anesi. Seit die Proteste vor fünf Monaten begannen, zeltet er auf dem Platz. Er werde ihn erst verlassen, sagt er, wenn es im Jemen endlich die von den Demonstranten verlangte Zivilgesellschaft gebe. Doch er hat auch Angst davor, den Platz und den Schutz durch die Gleichgesinnten dort zu verlassen: Er hat mehrere Morddrohungen erhalten, und seine Frau musste wieder bei ihrer Mutter einziehen, nachdem mysteriöse wütende Männer auf der Suche nach al-Anesi zu ihrem Haus kamen.

Al-Thaibani vermisst ihren Ehemann und wünscht sich, ihr Sohn könnte ihn häufiger als einmal im Monat sehen. Aber die Aussicht auf einen neuen Jemen sei diese persönlichen Opfer wert.

Als Entwicklungshelferin, Menschenrechtsaktivistin und freischaffende Journalistin verbringt al-Thaibani einen Großteil ihrer Tage damit, die Ereignisse auf dem Platz des Wandels zu dokumentieren. Auf die Frage, ob sie sich eher als Demonstrantin oder als Journalistin sehe, antwortet sie, dass sie das nicht mehr unterscheiden könne: "Wir sind Jemeniten, von dieser Tatsache können wir uns nicht loslösen. Ich habe die Massaker gesehen, und dies ist der Wendepunkt in unserem Leben."

Der Platz ist frei von Waffen

Viele Jemeniten hoffen, dass der Aufstand nicht nur ein Wendepunkt für ihr Leben wird, sondern auch für ihr Land. Die Demonstranten haben aus dem Platz des Wandels die Miniaturversion eines Jemen gemacht, wie sie ihn sich wünschen. Zelte beherbergen Hunderttausende Menschen: Sunnitische und schiitische Muslime, Islamisten und Weltliche, sowie Männer und Frauen aus Stämmen aller Landesteile. Sie haben ihren eigenen Verhaltenskodex geschaffen, kritisieren die staatlichen Medien und debattieren über die Vorzüge der Demokratie.

Gruppen, die früher nie miteinander gesprochen haben, leben jetzt Seite an Seite. Vielleicht am ungewöhnlichsten ist die Tatsache, dass der Platz frei von Waffen ist – mitten in einem der waffenreichsten Länder der Welt. Und 17 ähnliche Zeltlager haben sich in verschiedenen Teilen des Jemen gebildet, in Taiz, Aden, Ibb, Hodeida, Hadramaut und anderen Provinzen.

"Das neue Gesicht des Jemen"

"Wenn Sie den Platz betreten, sehen Sie wirklich das neue Gesicht des Jemen" sagt Raja al-Thaibani, eine Fotojournalistin, die die Revolution seit April dokumentiert. Sie war überrascht, als sie herausfand, dass viele Frauen auf dem Platz ihr Gesicht nicht mit dem traditionellen Nikab verhüllen, dass sie Vorträge über Menschenrechte und Pressefreiheit halten und dass ihnen die Männer tatsächlich respektvoll zuhören.

Ganze Familien haben sich mit den Farben der jemenitischen Flagge bemalt und demonstrieren gemeinsam. Kinder kritzeln "Saleh ist gegangen, der Jemen ist vereint" auf ihre Handflächen. Kleine Jungen verkaufen gekochte Eier, auf deren Schale "Geh weg!" geschrieben steht – eine Botschaft an Saleh. Andere verkaufen Tee mit "Freiheitsgeschmack" und "revolutionäres" Kat, ein rauschgifthaltiges Blatt, das viele Jemeniten jeden Tag stundenlang kauen.

Eine Gruppe von Demonstranten auf dem Platz des Wandels hat eine Fotoausstellung organisiert, die die Revolutionen im Jemen, in Tunesien und in Ägypten dokumentiert. Junge Menschen lernen, wie man das soziale Netzwerk Facebook als Instrument für den Wandel nutzen kann. Ein Netz aus elektrischen Kabeln hat sich über den Platz ausgebreitet und liefert Strom für Computer, Fernseher und große Bildschirme.

Was passiert mit Saleh?

Über all dem schwebt die große Frage, ob Präsident Saleh in den Jemen zurückkehren wird. In der ersten Juniwoche wurde er nach Saudi-Arabien geflogen, um dort medizinische Betreuung zu bekommen. Er war bei einem Raketenangriff auf seine Palastmoschee am 3. Juni schwer verletzt worden.

Seine Unterstützer behaupten steif und fest, er werde schnell zurückkehren. Doch die meisten Berichte sagen, dass 40 Prozent seines Körpers verbrannt seien und die Heilung Wochen dauern werde. Die Demonstranten jedenfalls scheinen überzeugt zu sein, dass er den Jemen nie wieder betreten wird.

"Glaube an friedlichen Wandel"

Aber ganz unabhängig davon hat die Opposition im Jemen bereits weitreichende Veränderungen eingeleitet. "Diese Revolution hat die jemenitische Mentalität verändert", sagt Menschenrechtsaktivist al-Anesi. "Sie hat dem jemenitischen Volk den Glauben an einen friedlichen Wandel gegeben. Das ist es, wofür wir uns einsetzen: dass die Leute weiter friedlich kämpfen und nicht zu Waffen und Gewalt zurückkehren."

Ein schwieriger Weg. Denn am 18. März schossen Scharfschützen auf eine Gruppe friedlicher Demonstranten und töteten 52 Menschen, unter ihnen Kinder. Die Regierung stritt jegliche Beteiligung ab, doch die Demonstranten sagen, die Mörder seien Sicherheitskräfte der Regierung gewesen.

Doch an jenem blutigen Tag geschah auch ein Wunder. Obwohl Kugeln auf sie niederregneten, schossen die Demonstranten nicht zurück. Und das in ein Land, in dem es nicht ungewöhnlich ist, wenn Männer im Streit um 100 Rial (gut 30 Euro-Cent) sterben.

Einer der ersten Anführer war eine Frau

Eine besondere Qualität der Oppositionsbewegung im Jemen ist, dass sich zum ersten Mal Frauen im öffentlichen Leben engagieren. "Eine Analphabetin hat mir gesagt, sie fühle sich, als würde sie gebildet – nur dadurch, dass sie dem Leben auf dem Platz des Wandels ausgesetzt sei", sagt die Journalistin al-Thaibani.

Einer der ersten Anführer der Proteste war eine Frau. Tawakkol Karman, Menschenrechtsaktivistin und Mitgründerin der Organisation Journalistinnen ohne Ketten, führt regelmäßig Demonstrationen und Kundgebungen an. Während Karman auf dem Platz zeltet, leben ihre drei Kinder bei ihrer Großmutter. Sie vermisse sie, sagt sie. "Aber was ich hier mache, ist für meine Kinder; es ist für alle jemenitischen Kinder zukünftiger Generationen. Wir müssen für unsere Freiheit bezahlen."

Wamid Schakir, eine Feministin, besucht den Platz des Wandels zweimal und ermuntert Frauen, sich in den politischen Prozess einzumischen. Sie möchte eine Charta schaffen, um Frauen ihren Platz im neuen Machtgefüge zu sichern. Sie sorgt sich, dass der islamistische Flügel der Islah-Partei – der mächtigsten Partei innerhalb der Oppositionskoalition – versuchen wird, Frauen auszuschließen und bereits erreichten Fortschritt rückgängig zu machen.

Das Land habe noch einen weiten Weg vor sich, warnt Nadia Abdullasis al-Sakaf, Chefredakteurin der "Yemen Times", einer der wenigen unabhängigen Zeitschriften im Land. "Es ist schwierig für uns, unser Land und unsere Kultur über Nacht zu ändern", sagt sie. Es gebe zwar viele Frauen auf dem Platz des Wandels, doch sie hielten sich vornehmlich von den Männern fern.

Einige Frauen hätten sogar Probleme bekommen, weil sie sich unter Männer gemischt haben, sagt Dschamila Radschaa, eine ehemalige Beraterin des Außenministers, die nach dem Massaker vom 18. März zurücktrat. Sie war in einer Gruppe von Demonstranten, die von Islahis angegriffen wurde. Die Angreifer wollten nicht, dass Frauen an der Seite von Männern marschieren. "Sie umzingelten uns mit ihren Körpern, sodass wir nicht weitermarschieren konnten, und schossen in die Luft, um uns Angst zu machen", sagt sie. Eine Frau sei mit einem Gewehrkolben geschlagen worden. Islahis (Mitglieder der größten Oppositionspartei, d. Red.) haben zu viel Macht auf dem Platz, sagt Radschaa.

Aktivismus ersetzt den Drogenkonsum

Doch trotz allem hört sie nicht auf zu protestieren und freut sich über das wachsende politische Bewusstsein der Jemeniten. "Egal, was passiert – kein Präsident wird je wieder 30 Jahre im Amt bleiben", sagt sie, "nicht nach dieser Revolution." Die Veränderungen, die bereits eingetreten sind, haben die Wirkung eines Erdbebens. "Es hat die Erde auf den Kopf gestellt, sodass die darunter versteckten Edelsteine herausfallen konnten", sagt sie.

Chefredakteurin al-Sakkaf ist auch beeindruckt davon, dass der Protest viele junge Männer vom Kat abgebracht habe. Die Droge saugt mehr Wasser auf als jede andere Nutzpflanze, ist oft mit Pestiziden bedeckt, verursacht Gesundheitsprobleme und verringert die Produktivität. Doch jetzt habe Aktivismus das Kauen ersetzt, sagt al-Sakkaf. "Wenn man Jemeniten sieht, die am Nachmittag lieber demonstrieren, als Kat zu kauen, dann fängt man an zu glauben, dass wirklich etwas passieren wird."

Allerdings muss viel passieren, ehe die Ideale der Revolution Realität werden können. Einige wollen, dass Saleh sofort ein Abkommen unterschreibt, das vom Golfkooperationsrat (GCC) erstellt wurde und Salehs Rücktritt herbeiführen würde. Andere halten dagegen, dass das GCC-Abkommen nutzlos sei, da es nur zu einem Wechsel des Präsidenten, nicht aber des Systems führen würde.

"Wir kämpfen alle für dasselbe Ziel"

Mohammed Abu Lahum, ein ehemaliges Mitglied der Regierungspartei, glaubt, dass das GCC-Abkommen die besten Aussichten auf eine friedliche Lösung bietet. Lahum hat sich nach den Massakern vom 18. März von der Regierungspartei abgewandt und die Partei Gerechtigkeit und Aufbau gegründet. Er hofft, dass sie eine Partei der Mitte wird und Anhänger aus dem gesamten politischen Spektrum gewinnt.

Obwohl sich einige Demonstranten darüber ärgern, dass der islamistische Flügel der Islah zu viel Macht innerhalb des Platzes des Wandels habe, macht sich Lahum keine Sorgen, dass Radikale die Kontrolle übernehmen könnten. "Islah hat bewiesen, dass sie an den politischen Prozess glaubt, und bis jetzt hat sie gezeigt, dass sie sich für Demokratie einsetzt", sagt er. Obwohl es einige Extremisten in der Islah gebe, sei die Partei alles in allem "recht moderat".

Die Aktivistin Karman ist Mitglied der Islah-Partei, doch sie glaubt nicht, dass Parteizugehörigkeit in einer Phase wie dieser nützlich ist. "Wir alle sind jetzt Teil des Jemen, und wir denken nicht über Parteien nach", sagt sie, "wir kämpfen alle für dasselbe Ziel."

"Sie haben gemerkt, dass sie Macht haben"

Selbst Meinungsverschiedenheiten geben Anlass zur Hoffnung, denn viele Jemeniten sind begeistert, zum ersten Mal an einem freien Gedankenaustausch teilnehmen zu können. In einem jedenfalls sind sich alle einig: Der Jemen kann nicht mehr zurück.

Die Leute lernen, für sich selbst zu denken und staatliche Propaganda kritisch zu betrachten. Sie haben gemerkt, dass sie tatsächlich etwas Macht haben. Dies ist der Grund, warum Kawkab al-Thaibani keine Angst hat und warum sie bereit ist, die Zeit mit ihrem Sohn und ihrem Ehemann der Sache zu opfern. "Der Jemen ist durch eine schwere Phase gegangen, aber jetzt spüre ich unsere nationale Einigkeit. Jetzt bin ich stolz, Jemenitin zu sein."

Ihre Cousine Radscha al-Thaibani hat früher immer zu ihrer Familie gesagt: "Ihr leidet so viel, wieso verlangt ihr keinen Wandel?" Die Antwortet habe immer gelautet, das sei doch sinnlos, der Jemen sei nun mal so. Doch nachdem sie andere despotische Regimes kollabieren sah, sagt Radscha: "Es ist, als hätte sich die Himmelspforte geöffnet."