Aufruhr in Saudi-Arabien

"Wir werden jeden Finger abschneiden"

Über Facebook haben sich 32.000 Saudis zum Tag des Zorns gegen ihre Regierung verabredet. Die Herrscher sind besorgt, verschenken Geld und drohen unverhohlen.

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Die Zutaten ergeben das gleiche explosive Gemisch, das Tunesiens und Ägyptens Autokraten aus dem Amt gesprengt hat: 30 Prozent der Einwohner unter 24 Jahre alt, hohe Arbeitslosigkeit, Akademiker ohne Perspektive, eingeschränkte Bürgerrechte. Die arabische Revolution sucht ein neues Opfer. Ist es Saudi-Arabien?

Nach Tunesien, Ägypten, Libyen, Bahrain und dem Jemen soll nun das sunnitische Kernland, Hort der heiligen Stätten Mekka und Medina, in Angriff genommen werden. Eine Facebook-Gruppe mit inzwischen 32.000 „Freunden“ hat für Freitag zu einem „Tag des Zornes“ aufgerufen, dem dann am 20. März die „saudische Revolution“ folgen soll.

Zwölf Forderungen haben sie, darunter: Eine konstitutionelle Monarchie soll die absolutistische ablösen, eine Verfassung zur Definition der herrschenden Organe, Transparenz und eine verantwortliche Korruptionsbekämpfung, volle Bürgerrechte, Respektierung der Rechte der Frauen und eine unabhängige und gerechte Rechtsprechung. In Kairo hat es auch so angefangen.

Tag des Zorns in Riad

Aber wird der Tag des Zornes in Riad so viel Wucht haben wie der in Kairo am 25. Januar? Die vornehmlich jungen Aktivisten wägen noch ab, ob sie für mehr Rechte auf die Straße gehen und damit Gefängnis, Prügel oder Schlimmeres riskieren wollen.

„Ich werde wohl nicht gehen“, sagt einer von ihnen, „viele meiner männlichen Angehörigen sitzen schon im Gefängnis, meine Familie braucht mich in Freiheit.“ Auch Mohammed al-Qatani, Chef der saudischen Menschenrechtsvereinigung, ist sich nicht so sicher, ob und, wenn ja, was am Freitag passieren wird. „Es ist ein Experiment“, sagt er.

Dieses Experiment wird im wahhabitisch-strengen Königreich beaufsichtigt von rund 10.000 Sicherheitskräften, die in den großen Städten Präsenz zeigen sollen. Prinz Saud al-Faisal, Außenminister und Neffe von König Abdullah Bin Abdul Asis, möchte lieber einen zivilisierten Dialog unter den Maßgaben der Herrscherfamilie.

Ministerium verhängt Demo-Verbot

„Demonstrationen bringen keine Reformen“, sagte der Prinz und referierte ein Urteil des Rates der Obersten Religionsgelehrten, wonach Kundgebungen und Proteste in der Öffentlichkeit „unislamisch“ seien und dem Koran und der Sunna (überlieferte Handlungen und Aussagen des Propheten Mohammed) widersprächen.

Insofern sei das vom Innenministerium verhängte Demonstrationsverbot eine gute Sache: „Reformen und gute Ratschläge entstehen nicht durch Proteste oder Methoden, die zum Aufruhr führen.“

Im Übrigen, so diktierte der Prinz insbesondere den ausländischen Reportern in den Block, verbitte sich Riad jede Einmischung von außen. „Der Wandel wird von den Bürgern dieses Königreiches vollbracht werden, nicht durch fremde Finger. Wir werden jeden Finger abschneiden, der das Königreich berührt“, fügte er etwas martialisch hinzu.

Saudi-Arabien kein geschlossenes Biotop

Aber Saudi-Arabien ist im Zeitalter von Facebook, Twitter, al-Dschasira und al-Arabija kein geschlossenes Biotop mehr. Die Ereignisse in den nordafrikanischen Staaten und in der unmittelbaren Nachbarschaft sind dem saudischen Volk nicht verborgen geblieben.

Vor allem die Proteste im mehrheitlich schiitischen Königreich Bahrain gegen die sunnitische Herrscherfamilie machen den Saudis in dem Maße Mut, wie es die Herrscher in Riad beunruhigt. Knapp 15 Prozent der Saudi-Araber sind Schiiten, die vornehmlich die Ostprovinzen besiedeln – dort liegen die größten und wichtigsten Ölfelder.

Wenn der Funke von der Insel auf das saudische Festland überspringt und womöglich nicht nur die dortigen Schiiten, sondern auch unzufriedene Sunniten mitreißt, hat die Königsfamilie ein ernstes Problem.

Brot und Spiele für das Volk

Wie ernst sie die noch sporadischen schiitischen Proteste nimmt, zeigt sich an mehreren Indizien. Als König Abdullah nach dreimonatiger Rekonvaleszenz in den USA und Marokko in seine Heimat zurückkehrte, war eine seiner ersten Amtshandlungen, persönlich mit Bahrains König Hamad Bin Isa al-Chalifa die Unruhen in dem kleinen Inselstaat mit 1,5 Millionen Einwohnern zu erörtern.

Als Nächstes ließ er nach entsprechenden Forderungen schiitische Häftlinge frei. Schließlich versuchte König Abdullah, sich Frieden zu erkaufen: 35 Milliarden Dollar sollen künftig in die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, den Bau von Sozialwohnungen, in Auslandsstipendien und neue Arbeitsplätze investiert werden.

„Das ist zu spät und zu offensichtlich“, sagt Christian Koch vom Gulf Research Center in Dubai. Im Moment profitiere der König vom hohen Ölpreis, doch die Schenkungen könnten nur eine kurzfristige Beruhigung der Lage bringen. „Entscheidend wird sein, welche Reformanstrengungen folgen werden“, sagt der deutsche Analyst, „denn die Unzufriedenheit ist groß.“

Noch sind viele Saudis dankbar

Es gebe Armut in den großen Städten, die Wartezeiten für Wohnungen betrügen bis zu 25 Jahre, es gebe kaum adäquate Jobs für Akademiker. Viel hänge davon ab, was in Bahrain geschehe, aber noch sei Saudi-Arabien nicht umsturzgefährdet.

„Noch überwiegt die Dankbarkeit des saudischen Volkes gegenüber dem Königshaus für die rasante Entwicklung und die Stabilität“, meint Koch. Vor allem die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Libyen seien für viele Saudis extrem abschreckend.

Reichtum und Apparat – das sind die beiden Säulen, auf die sich das Königshaus mit den insgesamt mehr als 8000 Prinzen stützt. Bei 24.000 Dollar pro Kopf liegt das saudische Bruttoinlandsprodukt. Mit seinen behutsamen Reformen vor allem im Bildungswesen hat der König sein Reich auf einen vorsichtigen und sehr langsamen Weg in die Moderne geführt, was – gemeinsam mit finanziellen Zuwendungen – den Leidensdruck der Bevölkerung etwas mildert.

Königsfamilie kontrolliert Militär

Zudem kontrollieren Mitglieder der Königsfamilie die Streitkräfte, die Nationalgarde und die Religionspolizei. Über mangelnde Loyalität, gar einen Militärputsch muss sich der König deshalb wohl keine Sorgen machen. Zu viele einflussreiche Saudis verknüpfen ihr Wohl und Wehe direkt mit der Herrscherdynastie. Sie werden sie stützen um jeden Preis – oder mit ihr zusammen untergehen.

Letzteres hätte weltweite Konsequenzen. Es gibt schon jetzt genug nervöse Händler und Analysten, die bei anhaltenden Massendemonstrationen, verbunden mit eingeschränkter Ölförderung, das Barrel Öl bei 200 Dollar sehen – momentan liegt es bei 115 Dollar. Dann wird die arabische Revolution endgültig in Europa angekommen sein – an den Zapfsäulen.