Syrien

Militär feuert aus Hubschraubern auf Demonstranten

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad geht weiter brutal gegen die Opposition im Land vor. Besonders angespannt ist die Lage in Dschisr al-Schugur. Die Stadt wird mit Panzern abgeriegelt und Demonstranten vom Militär beschossen.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Die Lage in der nordsyrischen Stadt Dschisr al-Schugur bleibt angespannt: Regierungstruppen haben mit Panzern die Zufahrten zu der Stadt abgeriegelt, Aktivisten erwarten einen massiven Angriff. Die meisten Einwohner haben die Stadt an der türkischen Grenze in den vergangenen Tagen bereits verlassen. Die Zurückgebliebenen sind von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten.

In Dschisr al-Schugur waren in der vergangenen Woche rund 120 Angehörige der Sicherheitskräfte getötet worden. Aktivisten zufolge war es zu einer Meuterei von Soldaten gekommen, die sich geweigert hätten, weiter gewaltsam gegen Demonstranten vorzugehen. Die Regierung macht jedoch „bewaffnete Gruppen“ für den Tod der Sicherheitskräfte verantwortlich. Laut einem Bericht des Staatsfernsehens vom Samstag nahmen Soldaten mehrere Anführer dieser Gruppen in Dschisr al-Schugur fest.

Regierungstruppen und Panzer sind seit Tagen in der Region präsent. Etwa 80 Prozent der 40.000 Bewohner haben sich aus der Stadt in Sicherheit gebracht, mehr als 4000 Syrer suchten Zuflucht in der benachbarten Türkei. Dort wurde inzwischen ein drittes Lager für die Flüchtlinge errichtet.

Seit mehreren Tagen operieren die von Panzern unterstützten syrischen Regierungstruppen bereits in der Gegend um Dschisr al-Schugur. Auf ihrem Weg dahin sicherten sie umliegende Städte und Dörfer. Allerdings hätten die Streitkräfte Angst loszuschlagen, sagte der Aktivist und Bewohner der Stadt Dschamil Saeb per Telefon. Die Streitkräfte wüssten, dass die in der Stadt verbliebenen Menschen als besonders erbitterte Kämpfer bekannt seien. Über ein Mobiltelefon eines türkischen Netzbetreibers sagte er, etliche desertierte Soldaten und Offiziere hielten sich noch immer in der Stadt auf. Sie hätten geschworen, sich zu wehren und die unbewaffnete Bevölkerung zu schützen.

Dass Präsident Baschar al-Assad eine von seinem Bruder Maher befehligte Eliteeinheit nach Dschisr al-Schugur geschickt hat, wird von einigen Beobachtern als Beleg dafür angesehen, dass er sich der Loyalität der normalen Wehrpflichtigen nicht mehr sicher sein kann. Die mit Panzern und Hubschraubern ausgerüstete Einheit soll für die meiste Gewalt am Freitag verantwortlich gewesen sein.

Blutige Revolte vor 30 Jahren

Die Provinz Idlib und die Stadt Dschisr al-Schugur waren in der Vergangenheit bereits Schauplatz von Auseinandersetzungen mit dem Regime. Ende der 70er-Jahre begehrten die Muslimbrüder in der Stadt gegen Assads verstorbenen Vater, Hafes al-Assad, auf. 1980 ließ er die Stadt bombardieren. Dabei kamen angeblich 70 Personen ums Leben, Bewohner der Stadt berichteten jedoch von entschieden höheren Opferzahlen.

Die Niederschlagung der Revolte von Dschisr al-Schugur war jedoch nur ein Vorspiel für die Ereignisse von 1982 in Hama. Zur Niederschlagung einer sunnitischen Revolte ließ Hafes al-Assad auch diese Stadt beschießen. Amnesty International schätzt die Zahl der damals getöteten Menschen auf 10.000 bis 25.000.

Bei der Niederschlagung der seit Wochen anhaltenden regierungskritischen Demonstrationen kamen Menschenrechtsorganisationen zufolge mehr als 1300 Menschen ums Leben, die meisten Opfer waren unbewaffnet.

Schwere Zusammenstöße

Zu schweren Zusammenstößen soll es am Freitag unter anderem in der Stadt Maaret al-Numan gekommen sein, 40 Kilometer südöstlich von Dschisr al-Schugur. Tausende Demonstranten hätten dort Sicherheitskräfte überwältigt und das Gerichtsgebäude und eine Polizeiwache in Brand gesteckt, verlautete aus Kreisen der Opposition. Die Streitkräfte hätten daraufhin Panzergranaten abgefeuert und aus mindestens fünf Hubschraubern das Feuer aus automatischen Waffen eröffnet, um die Proteste aufzulösen, berichtete ein Augenzeuge über Telefon: „Die Menschen flohen in Felder, unter Brücken und in ihre Häuser, aber obwohl die Straßen dann fast menschenleer waren, dauerte der Beschuss noch Stunden an.“ Das syrische Fernsehen schien Teile dieser Angaben zu bestätigen. Bewaffnete hätten das Feuer auf Polizeiwachen eröffnet. Unter Sicherheitskräften sei es zu Opfern gekommen.

Der syrische Präsident al-Assad verweigerte unterdessen mehrere Anrufe von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. UN-Sprecher Martin Nesirky erklärte am Freitag, Ban habe mehrfach vergeblich versucht, Assad zu erreichen. Der syrische Präsident sei jedoch nicht zum Telefon gekommen. mit dapd

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