Afghanistan

Attentat bei Baghlan überschattet erste Erfolge

Afghanische und deutsche Soldaten müssen kooperieren. Durch ein Attentat ist das Misstrauen gewachsen, dabei ist der Kampf noch nicht vorbei.

Der Personenschützer zuckt kurz. Da nimmt gerade sein Chef – der Mann, der in diesem Land als „Hochwertziel“ gilt – seinen Helm ab. In einer Region, in der bis vor drei Monaten noch scharf geschossen wurde auf deutsche Soldaten. Doch Hans-Werner Fritz ist es wichtig, heute, Anfang Februar, als Freund nach Quatliam zu kommen. Die Soldaten, die ihn durch das Dorf begleiten, tragen Maschinengewehre und Handfeuerwaffen. Als Fritz aber vor den Dorfältesten und den Mullah tritt, nimmt er seinen Gefechtshelm vom Kopf und zieht die Lederhandschuhe aus. „Wir vertrauen euch, und ich hoffe, ihr vertraut uns“, lässt er den Männern über seinen Sprachmittler ausrichten.

Generalmajor Fritz ist seit neun Monaten Kommandeur der rund 11.000 im Norden Afghanistans stationierten Soldaten der Internationalen Schutztruppe Isaf, und vertraut hat er bisher auch den Partnern der afghanischen Nationalarmee ANA. Selbst der jüngste Zwischenfall in einem Außenposten bei Baghlan lässt ihn daran nicht zweifeln. Im „OP North“ hat am Freitag ein Soldat der ANA unerwartet auf deutsche Kameraden gefeuert, drei von ihnen getötet und weitere verletzt. Dieser Anschlag hinter Lager-Stacheldraht ist der härteste Verlust für die Deutschen seit über einem Jahr, er wirft einen traurigen Schatten auf die jüngsten Erfolge im Kampf gegen die Aufständischen.

Das Attentat des Afghanen bedroht den Kurs, den die Isaf eingeschlagen hat und der von Kommandeur Fritz personifiziert wird: Die Taliban vertreiben, Fuß fassen, Vertrauen der Einheimischen gewinnen, ihnen Sicherheit geben. Die Afghanen müssten sehen, dass etwas besser wird, sagt Fritz, und zwar sofort nach den Gefechten.

Und die waren hart in dieser Gegend. Bis Ende November gingen deutsche Kampftruppen mit amerikanischen, belgischen und zum Teil frisch ausgebildeten afghanischen Kräften gegen die Aufständischen im Distrikt Chahar Darreh vor. Letztlich sei es gelungen, die Feinde in die Knie zu zwingen, sagt Fritz. Wenn sie bis zum Sommer nicht wieder auftauchten, sei das ein echter Erfolg, ein langfristiger. Doch der hänge davon ab, wie sich das Frühjahr entwickelt, ob es wirklich geglückt sei, „jedes Fuchsloch“ zuzustopfen. Der Erfolg hängt auch davon ab, ob die Taliban neue Wege suchen, die Isaf-Truppen zu bekämpfen, sie von innen heraus zu treffen – so wie jetzt im „OP North“.

Die Operation „Halmazag“ (Dari für „Blitz“) jedenfalls ist geglückt. Selbst der Oberbefehlshaber der Isaf, US-General David Petraeus, sagt seinen Kommandeuren inzwischen, sie sollten sich bei den Deutschen abgucken, wie seine Theorie der Aufstandsbekämpfung in der Praxis funktioniere. Noch während der Operation bauten Bundeswehr-Pioniere vor Quatliam einen „combat outpost“, von diesen Außenposten gibt es schon mehr als ein Dutzend in der Region. Noch sind hier rund 20 Soldaten des neuen Ausbildungs- und Schutzbataillons, der Task Force Kundus, stationiert. Künftig soll hier eine aus dem Dorf rekrutierte Bürgerwehr für Ruhe sorgen – aber erst, wenn der Ort wirklich „befreit“ ist.

„Was braucht ihr am dringendsten?“, fragt Fritz, als er Anfang Februar mit dem Dorfältesten durch Quatliam geht. Straßen und Strom, sagt der sofort. Und eine Schule. Ruhig erklärt der General, dass nur eins nach dem anderen möglich sei. Einen kleinen Brunnen haben die Dorfbewohner schon bekommen, jetzt soll noch die Verbindungsstraße Richtung Kundus geteert werden. Stromleitungen sind in Arbeit. Für Kai Hennig ist diese Entwicklung in Chahar Darreh ein Musterbeispiel. In enger Kooperation haben die im Land engagierten Bundesministerien des Auswärtigen, der Verteidigung, der Entwicklung und des Innern die Phase nach der Operation vorbereitet, sagt der Mitarbeiter des Auswärtigen Amts. Schon vorher habe man überlegt, welche Projekte hier fruchten könnten. „Wenn Tag X kommt, muss ein Plan vorhanden sein“, sagt Hennig. Er ist der zivile Koordinator im Stab des Regionalkommandos Nord und steht gleichberechtigt neben dem militärischen Befehlshaber.

Den Tag, an dem deutsche Soldaten wirklich gehen können, sieht General Fritz zwar noch nicht in nennbarer Nähe. Allmählich aber kehre Normalität in das Leben der Menschen ein, sagt er. Schweigend blickt er über die Äcker in der Umgebung Quatliams. Von der Höhe 432 aus sieht er Arbeiter, die kleine Brunnen neben der Straße bauen, und Bauern mit ihren Pferden. „Wer sein Feld pflügt, der will auch ernten“, sagt Fritz. „Die spüren, dass sich was ändert.“ Die Höhe 432 gehört zu den ständig bemannten Außenposten der Isaf. Bis vor Kurzem gab es einen guten Kilometer nordwestlich noch die Höhe 431. Dort weht jetzt keine deutsche Flagge mehr, der Posten konnte aufgegeben werden – auch das ist ein Ergebnis wochenlanger Gefechte.

Der Blick des Kommandeurs wandert Richtung Süden, rund 100 Kilometer entfernt, bei Pol-e-Khumri, liegt die „Pauli-Brücke“. Im Oktober starb dort der 26-jährige Oberfeldwebel Florian Pauli. Auch er gehörte – wie die drei Gefallenen Kameraden vom Karfreitag – zur Division Spezielle Operationen, die Fritz in Deutschland führt. Kein Großverband der Bundeswehr hat mehr Gefallene zu beklagen als dieser. Fritz kennt jeden beim Namen. Er nimmt an jeder Trauerfeier teil, auch an denen der verbündeten Nationen.

Am Montag wird der Kommandeur wieder vor drei Särgen gehen: Mit einem Ehrenspalier nehmen Soldaten aller in Masar al-Scharif stationierten Nationen Abschied von dem 30-jährigen Hauptfeldwebel, dem 22-jährigen Stabsgefreiten und dem 21-jährigen Hauptgefreiten, die am Freitag auf dem „OP North“ fielen. Fünf deutsche Kameraden hat Fritz in seiner Zeit als Kommandeur verloren. Auch jeder Verwundete setzt ihm zu. Man sehe es ihm an, sagen seine engeren Mitarbeiter. Jeden Abend. Er könnte die Traurigkeit nicht verbergen.

„Glück ab, Jungs“, sagt der General den Fallschirmjägern auf der Höhe 432 zum Abschied, „und denkt dran: Ich will zu Hause wieder mit euch springen!“ Zu Hause – das ist für Hans-Werner Fritz bald nicht mehr das Büro und das kleine Container-Schlafzimmer in Camp Marmal. Sein Nachfolger ist schon da, am Donnerstag übergibt er das Kommando an Generalmajor Markus Kneip. Nach neun Monaten voller Tage mit mindestens 14 Stunden Arbeit, nach neun Monaten voll mit dem einen Thema, das ihn bis in die Nacht begleitet.

Fritz hat die Afghanen schätzen gelernt. Er spricht mit hohem Respekt von ihnen, von Generälen genau wie von den einfachen Menschen. Darüber, dass sich der Dorfälteste in Quatliam Bildung gewünscht hat, hat er sich besonders gefreut. „Die haben genau erkannt, worauf es ankommt“, sagt der 57-Jährige, als er gegen 23 Uhr die letzten Akten auf seinem Schreibtisch beiseiteschiebt. „Man sollte die Afghanen nicht unterschätzen.“ Sie hätten die Nase voll vom Krieg nach all den Jahren. Noch heute erinnern fußballgroße Einschusslöcher in vielen Lehmwänden an die Zeit der sowjetischen Besatzung. In Gedenken an die vielen Toten, die es damals gab, haben die Einwohner ihren Ort benannt: Quatliam bedeutet Massenmord. Und der Kampf ist noch lange nicht vorbei.