Massenmobilisierung

Die arabische Revolution verwirrt al-Qaida

Das Terror-Netzwerk diskutiert über eine neue Strategie. Der friedliche Wandel widerlegt das Argument der blutigen Anschläge gegen den Westen.

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Die arabischen Völker erheben sich gegen ihre Diktatoren. Und sie tun es nicht mit Gewalt, sondern erzwingen in friedlichen Demonstrationen den Wandel von Staat und Gesellschaft. Kaum jemand hatte das für möglich gehalten, am wenigsten das Terror-Netzwerk al-Qaida. Die Selbstbefreiung der arabischen Völker besiegt nicht nur die Tyrannen in den Hauptstädten des Orients, sondern vorerst auch die Tyrannei des Terrors. Dessen Argument, ein Wandel in den muslimischen Ländern sei nur im blutigen Kampf gegen den Westen zu erreichen, ist widerlegt worden.

Die Revolutionen seien „kontraproduktiv für al-Qaida“, bestätigt der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Ernst Uhrlau, im Gespräch mit Morgenpost Online . Als Grund nennt er den fehlenden religiösen Impetus der Demonstrationen.

Bei den Ägyptern waren die Gotteskrieger um al-Qaida-Chef Osama Bin Laden ohnehin nie sonderlich wohl gelitten. Dabei gingen einflussreiche Führer der Organisation aus der in Ägypten beheimateten islamistischen Muslimbruderschaft hervor. Zu ihnen zählen etwa der Al-Qaida-Wegbereiter Abdullah Azzam oder der heutige Bin-Laden-Stellvertreter und frühere Chirurg Aiman al-Zawahiri. Doch die ägyptischen Muslimbrüder haben der Gewalt abgeschworen. Ihre Haltung ist mit der al-Qaida-Ideologie des weltweiten Kampfes gegen die Ungläubigen nicht vereinbar.

Al-Qaida ist ausgezehrt und steht militärisch unter Druck

Wenig Rückhalt hatte al-Qaida immer schon auch unter Palästinensern und im Libanon. Dort geben die libanesische Hisbollah und die palästinensische Hamas unter den radikalislamistischen Gruppen den Ton an. Der Terror der beiden Gruppen, die jeweils über einen militärischen und einen politischen Arm verfügen, verfolgt allein regionale Ziele. Die Hisbollah will die Macht im Libanon, die Hamas will Israel vernichten. Doch auch auf ihre Anhänger dürften die friedlichen Revolutionen nicht ohne Wirkung bleiben. Schließlich hat der Terror im Nahen Osten in all den Jahren auch ihnen nur Leid und Zerstörung gebracht.

Überdies treffen die Revolutionen al-Qaida zu einem Zeitpunkt, an dem die Terror-Organisation personell ausgezehrt ist und militärisch unter enormem Druck steht. Die beinahe täglichen Drohnenangriffe der Amerikaner auf die Verstecke der Al-Qaida-Führung behindern deren Kommunikationsmöglichkeiten massiv. „Die sogenannte Kern-al-Qaida um Osama Bin Laden ist nachhaltig geschwächt“, sagt BND-Chef Uhrlau. „Inzwischen beeinträchtigt, begrenzt oder unterbindet die weltweit enge Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden die Handlungsmöglichkeiten der Führungsebene beträchtlich. Deshalb gibt es von Bin Laden oder seinem Stellvertreter al-Sawahiri nicht mehr die regelmäßigen Videobotschaften.“

Noch vor zwei Jahren hätte Osma Bin Laden ganz sicher mit einem Video auf die Ereignisse in Ägypten und Tunesien regiert. Nun reicht es lediglich noch zu einer Ton-Botschaft mit Standbild seines Stellvertreters al-Sawahiri. Und die war auch schon fast veraltet, als sie erschien. In dieser Botschaft droht Zawahiri zwar mit neuem Terror gegen den Westen, warnt aber erstmals davor, „Unschuldige“ zu töten. Mögliche Anschläge sollten sich ausschließlich gegen strategische Ziele richten. Ganz offensichtlich überdenkt al-Qaida ihre Taktik grundlegend.

Terrornetzwerk geht in Wartestellung

Wie tief die Zweifel gehen, belegen die Debatten auf den einschlägigen Internetplattformen. „Die Demokratie stellt al-Qaida und ihre Vorhaben vor eine wichtige Weggabelung“, zitiert etwa die Nachrichtenagentur AFP einen Kommentar einer islamistischen Internetseite. Ein anderer ist wütend. „Welcher Wandel“, fragt er. „Sie haben vielleicht Symbole und Gesichter gestürzt.“

Vor einem Ausschuss des US-Kongresses sagte al-Qaida-Experte Jarret Brachman jetzt: „Momentan verfolgt al-Qaida die Strategie abzuwarten und sich wegzuducken. So nachdenklich hat man die al-Qaida-Führung noch nicht erlebt.“

Er habe neulich die Predigt des al-Qaida-Ideologen Abu Baseer al-Tartusi gehört, in dem dieser beschrieben habe, wie der ägyptische Google-Manager Ael Ghonim nach seiner Freilassung aus ägyptischer Haft im Fernsehen geweint habe, sagt der Islamwissenschaftler Bernhard Haykel der „Süddeutschen Zeitung“. „Das war in Ägypten ein ganz entscheidender Moment, der Hunderttausende mobilisierte. Tartusi war sehr erstaunt, dass es eben Tränen waren, die die Massen mobilisierten“, sagt Haykel.

In den blutigen Kämpfen Libyens sieht al-Qaida eine Chance

Die Ereignisse hätten die Terroristen um Osama Bin Laden gründlich verwirrt. „Im Moment tappt al-Qaida im Dunkeln“, sagt Haykel. „Al-Qaida fragt sich vor allem, warum ihr das alles nicht selbst gelungen ist.“ Irgendwie bewunderten die Terroristen Leute wie Ghonim.

Eine Chance sehe die Terror-Organisation allerdings in den blutigen Kämpfen zwischen dem libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi und der Bevölkerung. „Mehrere al-Qaida-Ideologen sehen die Kämpfe als gute Gelegenheit, das Chaos auszunutzen“, sagt Haykel.

Viel wird jetzt also wohl davon abhängen, ob es gelingt, Arbeitsplätze für die vielen arbeitslosen jungen Menschen in Ägypten und Tunesien zu schaffen und so die wirtschaftlichen Grundlagen für den Aufbau demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen zu schaffen. Denn darauf, dass dies nicht gelingt, spekulieren die gewaltbereiten Islamisten im fernen Pakistan. Sie hoffen, die wirtschaftliche Hilfe des Westens möge gering ausfallen, und die Umstürze könnten die Länder langfristig destabilisieren. Sie hoffen auf ein neues Pakistan. Noch hält der Westen die Karten in der Hand.