Nach der Revolution

Ohne Mubarak ist Ägypten kaum wiederzuerkennen

Die "Revolution der Jugend" hat Ägypten stark verändert. Im berüchtigten Kairoer Straßenverkehr etwa hat Höflichkeit die Wut verdrängt.

Ägypten ist nicht wiederzuerkennen. Es ist, als ob ein Schalldämpfer über Kairo, Alexandria und Suez liegt. Die Städte wirken ruhiger, harmonischer. Es ist die „Revolution der Jugend“, die vor einem Monat in Ägypten anfing und die den Dampf der Frustration aus dem Kessel ließ.

Nahezu zeitgleich begann am 25. Januar in den drei größten Städten des Landes der Aufstand der Massen. Nach 18 Tagen Dauerdemonstrationen musste Husni Mubarak sen Hut nehmen, fast 30 Jahre autokratischer Herrschaft gingen zu Ende.

Wer heute die Epizentren des Volksaufstands besucht, stellt eine wohltuende Unaufgeregtheit fest. Der Autoverkehr fließt wesentlich ruhiger durch die Straßen der notorisch verstopften Innenstädte als vorher. Lächelnd lassen die Fahrer andere vorbei. Dort, wo früher gnadenlos gedrängelt wurde, heftige verbale Wutausbrüche dominierten, herrscht jetzt artige Höflichkeit.

Die Hupen werden zwar noch bedient, aber meist nur von Taxifahrern, die sich bei potenziellen Fahrgästen Gehör verschaffen wollen. Selten hat man in der Kasr-al-Aini-Straße, die zum Tahrir-Platz in Kairo führt, so viele Männer in Anzug und Krawatte gesehen, selten so viele Leute mit stolzen, erhobenen Köpfen. „Es ist, als ob die Menschen ihre verlorene Würde wiedergefunden haben“, sagt Melanie Winkler, die vor 18 Jahren nach Kairo kam, einen Ägypter heiratete und auch hier blieb, als während des Aufstandes viele flohen.

Auch am Demonstrationsplatz in Alexandria herrscht Entspanntheit. Unweit der Corniche, der Uferstraße am Mittelmeer, stehen nach wie vor Menschen vor der Ibrahim-Moschee und fordern die Abdankung des Gouverneurs. Adel Labib war Offizier der Staatssicherheit, bevor er diesen Posten bekam, ihm werden Korruption und Vetternwirtschaft vorgeworfen.

Der Rücktritt Mubaraks hat Selbstbewusstsein erzeugt und gibt Hoffnung auf weitere Rücktritte. Dabei ist es den „jungen Revolutionären“ egal, ob sie es waren, die den Sturz bewirkten, oder das Militär ihn letztendlich fallen ließ.

Der Freudentaumel über den Aufbruch in eine neue, vermeintlich bessere Zukunft ist ungebrochen. „Es ist toll, wie die Leute miteinander umgehen“, begeistert sich Haythem Hamed über die Atmosphäre in Alexandria. „Anstatt sich anzubrüllen, wenn man angerempelt wird, umarmt man sich oder lächelt.“ Die Ägypter hätten den Respekt füreinander entdeckt. Hamed ist Mitarbeiter beim staatlichen Fernsehen in Alexandria und bekennt sich zu seiner Rolle als Handlanger des Regimes. Dafür werden er und seine Kollegen derzeit heftig angefeindet. Hamed nimmt es dennoch gelassen. Die nächsten Monate würden entscheiden, welchen Weg Ägypten einschlägt.

In Suez sind die Forderungen der Protestbewegung andere. Nicht in erster Linie für Freiheit und Demokratie gehen die Leute am Kanal auf die Straße, sondern für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Nicht Angehörige der Mittelschicht dominieren, sondern Industriearbeiter und Tagelöhner. Aber auch in Suez ist die Absetzung des Gouverneurs nach wie vor Hauptthema.

Seitdem die jetzt regierende Militärjunta verkündete, dass alle Gouverneursposten vorerst unverändert besetzt blieben, schwindet das Ansehen der Generäle allmählich. Jetzt macht sich Ungeduld breit. Was früher Monate, gar Jahre gedauert hätte, soll nun in Windeseile geschehen. Das geflügelte Wort der Ägypter, „Wir haben 7000 Jahre Geschichte, was sind da 100 Jahre?“, zählt nicht mehr. Man will Veränderung – jetzt, sofort!

„Masr al huraya“ – Freiheit für Ägypten – steht auf der einen Seite des Ordnerausweises, die rund um den Tahrir-Platz in Kairo verkauft werden und mit einem schwarzen Band um den Hals gehängt werden können. „Die Revolution der Jugend vom 25.?Januar 2011“, steht auf der anderen Seite.

Fast die Hälfte der mittlerweile gut 80 Millionen Nilbewohner ist unter 30 Jahre alt. Sie sind es, die diese Bewegung hauptsächlich tragen. Beide Seiten des Ausweises sind mit einer ägyptischen Fahne bemalt und kosten zwei Pfund, etwa 25 Euro-Cent. Was noch vor vier Wochen zum Eintritt in den inneren Kreis des Demonstrationszirkels diente, ist jetzt zum Revolutionssouvenir geworden.

Auf der Verkehrsinsel mitten auf dem Tahrir stehen jetzt Farbtöpfe. Der Platz der Befreiung wird zur Ikone hergerichtet. Durchaus denkbar, dass künftig gleichbedeutend mit dem Ägyptischen Museum, das jetzt wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist, auch der Tahrir-Platz als Dokument ägyptischer Geschichte gezeigt wird.

Schon heute gibt es Pilger, die den Platz ehrfurchtsvoll umlaufen, Ägypter, die ansonsten jede Strecke mit dem Auto zurücklegen. Stolz tragen Jugendliche die ägyptischen Farben Rot-Weiß-Schwarz auf ihren Wangen. „Masr helwa auwi!“ rufen sie den wenigen Fremden zu, die derzeit durch Kairo wandern: „Ägypten ist sehr schön!“

Damit es noch schöner wird, hat sich unter den Nilbewohnern ein Putzfimmel breitgemacht. Überall ziehen Jugendliche in Gruppen durch die Straßen, fegen Müll zusammen, säubern die Plätze, streichen Bordkanten und Mittelstreifen der Fahrbahnen. Fröhlich sitzen sie anschließend am Straßenrand, Jungen und Mädchen zusammen, rauchen, trinken Tee.

Manche haben Trommeln mitgebracht und singen alte Revolutionslieder von Shadia und Umm Kalthom, der Mutter des arabischen Chansons. Aber auch bei den Älteren gehört es mittlerweile zum guten Ton, bei den Aufräumaktionen mitzumachen. Damen in Designerjeans im Kairoer Reichenviertel Maadi schwingen ebenso die Besen wie Frauen in traditionellen Gewändern im Armenviertel Shubra. In Alexandria wird die Uferstraße geputzt, in Suez die Demonstrationsstraße Arbeen. Die Botschaft: Aufräumen mit der Vergangenheit.

Aber mit dem Sturz Mubaraks wurde lediglich ein Etappensieg erreicht. So finden in vielen Stadtvierteln derzeit Mini-Revolutionen statt: Bankangestellten gegen ihren Chef, Ärzte gegen Klinikleitung, Staatsangestellte gegen Innenminister, Journalisten gegen Chefredakteur, Textilarbeiter gegen Werksleitung. Sie alle wollen bessere Arbeitsbedingungen, mehr Lohn oder einen von der Belegschaft gewählten Chef.

Es ist völlig offen, ob die institutionellen Aufräumaktionen zum Erfolg führen. Aber Kairo, Alexandria und Suez strahlen derzeit eine Leichtigkeit aus, die man am liebsten einfangen und festhalten möchte.