100. Geburtstag

Reagan, der ewige Schauspieler und Ausnahmepolitiker

Am Sonntag wäre Ronald Reagan 100 Jahre alt geworden. Der ehemalige US-Präsident ist heute beliebt wie noch nie. Selbst Obama nimmt ihn zum Vorbild.

Er sei immer ein Schauspieler geblieben, schimpfen Kritiker über den 40. Präsidenten der Vereinigen Staaten. Sie haben Recht. Ronald Reagan, der in Tampico/Illinois am 6. Februar 1911 geborene konservative Ausnahmepolitiker, hat von Hollywood in seiner gesamten Amtszeit nicht wirklich Abschied genommen. Er beschwor in Reden beispielsweise einen "neuen Heroismus", indem er an einen verwundeten Air-Force-Piloten im Zweiten Weltkrieg erinnerte, dessen Bordschütze ihn im abstürzenden Flugzeug mit den Worten tröstete: "Es ist okay - wir gehen zusammen runter." Zuhörern kamen die Tränen. Ein Journalist, der wissen wollte, wie denn diese Worte hätten überliefert werden können, stellte schließlich fest, dass die Szene aus einem Kinofilm stammte (in dem Reagan allerdings nicht mitgespielt hatte).

Noch ein Beispiel: Nach acht Jahren als Gouverneur von Kalifornien verlor Reagan 1976 beim ersten Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner knapp gegen Amtsinhaber Gerald Ford. Sein Sohn Michael fragte, ob er enttäuscht sei. "Nicht wirklich", sagte Reagan, der vor allem in den 30-er und 40-er Jahren in Dutzenden Kinofilmen zum Teil Hauptrollen gespielt hatte, "abgesehen davon, dass ich mich darauf gefreut hätte, an einem Tisch Leonid Breschnew gegenüberzusitzen und zu wissen, dass ich aus einer Position der Stärke und er aus einer der Schwäche verhandeln würde. Er würde mir alle Dinge aufzählen - die Waffensysteme, die Schiffe, die Raketen -, die wir abschaffen müssten. Und wenn er fertig wäre, wäre ich aufgestanden, um den Tisch gegangen und hätte ihm nur ein Wort ins Ohr geflüstert: 'Njet.'"

Wiedererweckung des Glaubens an amerikanisches Heldentum

Den Film zur Szene hat es leider nie gegeben, aber dem Drehbuch ist Reagan während seiner Zeit im Weißen Haus von 1980 bis 1988 treu geblieben. Als er 1980 den glücklosen demokratischen Präsidenten Jimmy Carter nahezu vernichtend schlug, war die Sowjetunion im Jahr zuvor in Afghanistan einmarschiert, und US-Diplomaten saßen in Teheraner Geiselhaft. Als er 1988 nach zwei Amtszeiten nicht erneut antreten durfte, hatte Reagan die Sowjetunion, "das Reich des Bösen", durch konfrontatives Wettrüsten und SDI, sein "Star-Wars-Programm", an den Rand des Kollaps' gedrängt. Die Wiedererweckung des Glaubens an amerikanisches Heldentum und Härte im Zweikampf mit dem damaligen globalen Gegner Moskau waren zwei entscheidende Pfeiler seiner Programmatik. Sie machten den Präsidenten zur Polit-Ikone. Aktuell wäre die militärische Herausforderung durch Moskau wohl nur gegen die wirtschaftliche Herausforderung durch Peking auszutauschen, um einem rhetorisch ähnlich brillanten Kandidaten den Rahmen für ein Wahlkampfprogramm zu skizzieren. Immerhin beruft sich auch Barack Obama gelegentlich auf Reagan.

Zunächst ein eher linker Demokrat, der die staatsinterventionistische New-Deal-Politik Franklin D. Roosevelts unterstützte, entwickelte sich der Gouverneur und vor allem der Präsident Reagan zu einem Wirtschaftskonservativen, dessen innenpolitische Agenda sich auf drei Leitideen verdichten lässt: Steuern runter - Regierungsausgaben kürzen - Wirtschaft deregulieren. Zwar war Reagan in seiner Hollywood-Zeit der Durchbruch zum ganz großen Leinwand-Star versagt, und abgesehen von dem 1942 gedrehten Kriegsversehrten-Drama "Kings Row" stufte er seine Filme selbst mehrheitlich als "B-Movies" ein ("Die Produzenten wollten die Filme nicht gut, sondern bis Donnerstag"). Aber sein Siebenjahresvertrag mit Warner Brothers katapultierte den Chef einer gewerkschaftsähnlichen Schauspielergilde gleichwohl in die höchste Steuerstufe, die damals bei 94 Prozent lag.

Nicht zuletzt diese Erfahrung führte Reagan ins Lager der Republikaner. Der große konservative Publizist Irving Kristol, der selbst als Trotzkist begann, bezeichnete Reagan als ersten "Neoconservative". Dabei handele es sich um "einen Liberalen, der von der Realität überfallen wurde". Schon als Gouverneur im zutiefst liberalen Kalifornien mit der aufbegehrenden Berkeley-Universität hielt Reagan mit seinen konservativen Überzeugungen nicht hinter dem Berg. Er wurde dennoch im Amt mit eindeutigem Ergebnis bestätigt.

"Regierung ist nicht die Lösung, sondern das Problem"

In seiner Zeit im Weißen Haus fand seine Wirtschafts- und Finanzpolitik als "Reaganomics" einen genuinen Platz in den Wörterbüchern. Ronald Reagan befreite die Welt von dem Aberglauben, Steuererhöhungen sanierten angeschlagene Volkswirtschaften. Stattdessen reduzierte er die Zahl der Steuerklassen auf vier, stopfte Schlupflöcher und senkte den Spitzensatz von 70 auf letztlich 28 Prozent. Den Eingangssteuersatz erhöhte er von 14 auf 15 Prozent. Mit Ökonomen wie Milton Friedman und Art Laffer war der Präsident überzeugt, dass hohe Abgaben die Bereitschaft zur Leistung erdrücken und Arbeitsplätze vernichten.

Die Zahlen gaben ihm recht: Als Carter abgewählt wurde, lag die Inflation auf einer Rekordhöhe von 13,5 Prozent. In Reagans letztem Amtsjahr war sie auf durchschnittlich 4,4 Prozent gesunken. Die Arbeitslosigkeit, die nach Reagans Amtsantritt 1982 auf unerhörte 9,7 Prozent stieg, lag im Jahr seines Abschieds bei 5,3 Prozent. Der Wohlstand wuchs. Der Anteil der Steuereinnahmen am Bruttoinlandsprodukt sank leicht von 20,2 Prozent (1981) auf 19,2 Prozent (1989). ). Allerdings verdreifachte Reagan auch die Staatsverschuldung von 997 Milliarden auf 2,8 Billionen Dollar.

Die Regierung sei "nicht die Lösung, sondern das Problem", ließ der Präsident wissen. Die Vokabel "Government" verkürzte der "große Kommunikator" dabei in seiner charakteristischen großväterlichen und leicht heiseren Stimmlage auf ein distanziertes "guv-ment". Ihr entgegen stellte er das Volk und Amerika, die "glänzende Stadt auf dem Hügel". Reagan, der den Konservativismus von einer Idee zur Regierungspolitik gemacht hat, versammelte eine breite Wählerkoalition von Antikom8munisten, Traditionalisten, christlichen Rechten, Wirtschaftskonservativen und moderaten Demokraten. Schon das zeigt, dass der Nachkomme irischer und schottischer Einwanderer kein simpler Cowboy war. Er war alles andere als ein Pazifist und er wollte das System der UdSSR "beenden". Aber er suchte nie die militärische Auseinandersetzung mit der zweiten Supermacht. "Er hatte nur einige Ideen, aber es waren große Ideen und gute Ideen", sagte Margaret Thatcher.

1994 ließ Reagan, zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alt, eine erschütterte Öffentlichkeit in einem Brief an seine "lieben Landsleute" wissen, dass er Alzheimer habe. Sein Sohn Ron Reagan behauptet, er habe erste Symptome schon während der Amtszeit des Vaters registriert . Dem widersprechen Weggefährten des 40. US-Präsidenten. Auch die noch lebende Witwe Nancy Reagan hat die Darstellung ihres Sohnes nicht bestätigt.

Ronald Reagan war der erste Präsident, der, im Jahr 1981, ein Attentat überlebte, und der erste Präsident, der nach einer Scheidung (von seiner ersten Frau, der berühmten Schauspielerin Jane Wyman) ins Amt gewählt wurde. Er war in vielerlei Hinsicht einzigartig. Am 5. Juni 2004 starb Ronald Reagan in seinem Haus im kalifornischen Bel Air.