Kampf gegen Gaddafi

Libyens Gemüsehändler ziehen an die Front

Den libyschen Rebellen fehlt es an Waffen mit großer Reichweite und an einem zentralen Kommando. Viele kämpfen mit Verwandten und Freunden.

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Das dumpfe Geräusch von Gaddafis Granaten erschüttert den Sandboden vor Ras Lanuf. Hunderte von Männern springen in ganz normale Autos, auf die die Rebellenflagge aufgesprüht ist. Auf den Ladeflächen sind Maschinengewehre montiert oder leichte Flugabwehrgeschütze. Manche Wagen führen sogar schwere Artillerie mit sich. Nur für den Bruchteil einer Sekunde schalten die Fahrer das Licht an, um die Umrisse der Straße erkennen zu können. Dann stoßen die Autos im Feuerschutz der eigenen Flugabwehrwaffen in den Staub vor.

Der Kugelhagel schickt rote Blitze durch den Nachthimmel. Gaddafis Granaten haben eine Reichweite von mindestens 20 Kilometern, einige sogar bis zu 40. Die Waffen der Rebellen hingegen reichen nur 15 Kilometer weit, und so konnten Gaddafis Truppen die Aufständischen vertreiben und wieder nach Osten hin vorstoßen. Dadurch verloren die Rebellen am Dienstag Ben Dschawad und am Tag darauf Ras Lanuf.

Nach ein paar Minuten endet der Wahnsinn. Die Fahrzeuge halten an einem Kontrollpunkte östlich von Ras Lanuf, um sich neu zu formieren. Ein Transporter, in dem sich dampfende Mengen Reis und Bohnen befinden, wurde großzügigerweise von Restaurantbetreibern aus Bengasi am Straßenrand geparkt. „Ganz Bengasi hat das zusammen erreicht“, erklärt einer der Restaurantbesitzer, die nicht genannt werden möchten. Jeden Tag ist er bisher hierher gekommen. „Libyer helfen sich gegenseitig“, meint er. Beleuchtet von den Scheinwerfern der Autos essen hunderte dankbare Soldaten ihre warme Mahlzeit.

Rebellen kämpfen in kleinen Gruppen aus Freunden und Verwandten

Anstelle einer formalen Kommando-Struktur sind die Rebellen in kleinen Verbänden aus Verwandten und Bekannten organisiert. Diese werden von einem Anführer geleitet, der die Strategie der Gruppe mit anderen Gruppen koordiniert.

Auf der Suche nach einem Nachtquartier wenden sich Adel al-Hassi und seine Männer östlich in Richtung Al-Uqayla. Al-Hassi, der von seinen Männern respektvoll „Hadschi Adel“ genannt wird, führt seine fünfköpfige Mannschaft, die nur gelegentlich um eine arme Seele ergänzt wird, die eine Mitfahrgelegenheit brauchte. Sie kauern sich unter die am Wagen angebrachten Geschütze und versuchen, es sich auf den 20 Liter fassenden Benzintanks gemütlich zu machen, um deretwillen ein strenges Rauchverbot gilt.

Nach einer ruhigen und windigen Stunde auf der ausgestorbenen Straße – die Frontscheibe des Wagens war einem der häufigen Schusswechsel zum Opfer gefallen – erreichen Adel und seine Männer ein verlassenes Arbeitslager, etwa 30 Kilometer östlich von der Stadt Brega. Dort werden sie von Muntasser, einem bärtigen Ägypter erwartet, der gerade Feuerholz zerkleinert.

Der Mann, an dessen Hals eine mit Nylonschnur befestigte Brille baumelt, ist augenscheinlich in seinen Zwanzigern. Wie auch zahlreiche andere in der Gruppe bezeichnet sich Muntasser selbst als Mudschtahid. Er, der in stillen Momenten den Koran liest, bereitet schnell Tee und Knabbereien für die Ankömmlinge vor. Unterdessen fegen andere die Schlafräume und legen Decken aus. In fast völliger Stille wird so innerhalb von Minuten ein voll ausgestattetes Lager aus dem Boden gestampft. Für die spärliche Ausstattung der Toilettenräume entschuldigen sich die Gastgeber. Es gibt nur die Wahl zwischen Latrinen, deren Spülung schon seit Wochen nicht mehr funktioniert, und der weiten Wüste. Den Gästen werden zusätzliche Decken angeboten.

Nach einem frühen und hastigen Frühstück und einer kurzen Benzinpause brechen die Rebellen wieder in Richtung Front auf, wo es nach Meinung von al-Hassi für Zivilisten zu gefährlich sei. An einem Sammelpunkt irgendwo zwischen Brega und Ras Lanuf, stehen dutzende Trucks aufgereiht, um wieder zur Front zurückzukehren. An der Front sind die „Schabaab“, die jugendlichen Revolutionäre, zum alltäglichen Anblick geworden. Junge Männer sind es – müde vom Kämpfen – in Kefija-Kopftücher gehüllt und bekleidet mit Lederjacken oder Jeans, mit Militärstiefeln oder italienischen Designerschuhen, die viele junge Libyer gerne tragen.

Eine Gruppe solcher junger Männer hält am Mittwochmorgen an einem Waffendepot, an dem dutzende Fahrzeuge versammelt sind. Sie wollen die Gegenoffensive vorbereiten. Auch sie betrachten sich als Mudschtahid. „Wir wollen unsere Namen nicht nennen, weil wir nur für Gott hier sind“, sagt einer, der einen langen Bart und eine Gebetskappe zur Schau stellt. Er und seine Freunde kämen aus dem östlichen Libyen – aus Derna, Baida und Bengasi. Selbsternannte „Heilige Krieger“ waren bisher nicht wirklich unter den Gruppen der „Schebaab“ an der Front vertreten.

Kämpfe um Brega sollen noch andauern

Als ein Mann das Wort „Mudschtahid“ hört, tritt er an die Gruppe heran und meint wütend: „Kein Mudschtahid! Ein Revolutionär.“ Der 42-jähirge Bankier Abdulmanam El-Ruweity aus Misrata findet „Mudschtahid heißt al-Qaida. Wir sind hier nur für Libyen, wir wollen nur unsere Freiheit.“

Seit zehn Tagen agiert der Mann, der einen Masterabschluss in Marketing besitzt, als Führer einer Rebelleneinheit, so wie al-Hassi. Aus Sicherheitsgründen kann er nicht verraten, wie viele Männer er anführt.

Der 250 Kilometer lange Wüstenabschnitt zwischen Ben Dschawad und Adschdabija war einfach einzunehmen – und auch wieder einfach zu verlieren. Wegen Gaddafis Luftangriffen mussten sich die Rebellen den ganzen Weg von Ben Dschawad nach Bengasi zurückziehen. Als das Flugverbot durch die Nato durchgesetzt wurde, hatten viele Rebellen die Hoffnung, dass sie wieder Boden gutmachen könnten und sogar eine Chance hatten, Sirte einzunehmen. Aber die vergangenen 48 Stunden haben gezeigt, dass sich die Bedingungen in diesem Krieg noch nicht ausreichend hin zu den Aufständischen verschoben haben.

Aber auch wenn es am Mittwoch so schien, als seien die Rebellen alle zurück nach Adschdabija geflohen, so gab es am Donnerstag doch auch Berichte, dass die Kämpfe in Brega andauern. Da es in diesem Abschnitt nicht mehr viele Zivilisten gibt, so verlangt das Mandat für die Flugverbotszone und zum Schutz der Zivilisten nicht unbedingt, dass die Nato hier weiter Luftangriffe fliegen müsste. Die strategisch wichtige Stadt Adschdabija wäre als nächstes an der Reihe, wenn es Gaddafi gelingen sollte weiter vorzurücken.

Es ist für Gaddafi schwieriger, ganze Städte zu halten, weil die Soldaten aus dem Osten sich hier besser auskennen als Gaddafis Truppen. Die Straßen sind oft zu eng für Panzer und Verteidigungspositionen, etwa im Inneren der Häuser, können leichter gehalten werden. Und das informelle Netzwerk, das für den Nachschub an Nahrungsmitteln und anderen Dingen sorgt, mit dem die östliche Armee von ihrem Stützpunkt in Bengasi am Laufen gehalten wird, funktioniert weiter sehr gut.

Rebellen verstehen sich als "Zivilisten"

„Gaddafi hat mehr Soldaten und mehr Ausrüstung. Wir sind Zivilisten, ich habe einen Gemüseladen in Bengasi und fünf Kinder“, sagt Adel Sanfas, ein Soldat der Rebellenarmee am Dienstagabend am Checkpoint in Ras Lanuf. „Wir stoßen vor und ziehen uns zurück. Wenn er schwere Artillerie einsetzt, ziehen wir uns zurück. Wenn er aufhört, rücken wir vor. Für die Verständigung untereinander verfügen wir nur über Walkie-Talkies mit geringer Reichweite. Es bereitet uns Sorgen, wenn die Luftangriffe ausbleiben.“

Trotz der Kalaschnikow, die er trägt und obwohl der Toyota Highlander seiner Mannschaft mit einem Luftabwehrgeschütz bestückt ist, sagt auch Sanfas: „Wir sind Zivilisten“. Er scheint zu erwarten, dass sich die UN-Resolution zum Schutz der Zivilbevölkerung gegen Gaddafis Gewalt sich auch auf ihn selbst bezieht. Es gibt Gerüchte über vergiftetes Wasser und über Spione Gaddafis, die dieselben Autos fahren und dieselben Fahnen benutzen wie die Rebellen, um deren Positionen ausfindig zu machen.

Niemand spricht hier von einem zentralen Kommando. „Wenn es gilt eine Richtung festzulegen, folgen wir nur unserem Gefühl“, sagt Abdulwahid Aguri, ein 28-Jähriger Buchhalter aus Bengasi, der seit dem Ausbruch der Gewalt am 17. Februar kämpft. Am Dienstagabend hielt er eine Verteidigungsposition in Ras Lanuf. Aguri war mit zwei Cousins und einem Freund unterwegs und sagte, dass sie sich selbst ihre Befehle geben. „Ich wurde drei oder vier Tage lang am Luftabwehrgeschütz ausgebildet“, sagt Aguri. „Ich hatte ein gutes Gefühl dabei, sie zu benutzen. Nun ist es ganz normal, ihren Lärm zu hören.“ Sein Cousin Salem Aguri meint ebenfalls, es sei ein interessantes Gefühl, die Waffen zu benutzen. Unter Gaddafi war es Zivilisten verboten, Waffen zu tragen.

„Vorher gab es zahlreiche Kommandeure hier, aber viele von ihnen sind inzwischen tot. Wir müssen es eben so zu Ende bringen. Es ist das erste Mal, dass wir Gaddafi gegenüberstehen“, sagt Aguri. „Keiner in Libyen kannte den anderen vorher, und nun sind wir ein Herz, ein Gehirn, eine Familie“.

Aus dem Englischen von Maren Erdmann und Clemens Wergin