Diener ohne Herren

Die delikate Lage arabischer Botschafter in den USA

Libyen, Jemen, Syrien: In Arabien gärt es, und davon sind auch die jeweiligen Botschafter betroffen. Einige gehen in Deckung, andere stellen sich gegen ihre Herrscher.

Foto: REUTERS

Die Hausmädchen, die einst den weißen Marmorboden in der Residenz des libyschen Botschafters fegten, sind auf die Philippinen zurückgekehrt. Ihre Visa sind abgelaufen, nun da ihr Boss Ali Suleiman Audschali seinen Job gekündigt hat. Der Fahrer ist auch weg. Und bald, so befürchtet Audschali, könnte das US-Außenministerium die Diplomaten-Nummernschilder an dem schwarzen Mercedes und dem Audi in seiner Tiefgarage beschlagnahmen. Aber Audschali, gefangen in einem diplomatischen Niemandsland, gibt nicht auf.

Die Botschaft, die er zwei Jahre lang geleitet hatte – ein Büro im siebten Stock des Watergate Hotels in Washington – war in der vergangenen Woche vom US-Außenministerium geschlossen worden. Also führt Audschali, der im Februar mit Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi gebrochen und als Botschafter seines Landes zurückgetreten war, seine Geschäfte von zuhause.

Regieren aus dem Keller

Von mehreren Computern im Keller seines Hauses aus versucht er, sich als offizieller Vertreter einer neuen libyschen Regierung präsentieren – einer Regierung, die es noch gar nicht gibt. „Ich repräsentiere nicht mehr das Regime – ich repräsentiere das Volk“, sagt Audschali, während er seinen 15-monatigen Enkel auf den Knieen schaukelt. Oder, wie es Aly R. Abusaakuk, ein libyscher Menschenrechtsanwalt und Freund Audschalis, formuliert: „Er ist jetzt ein Botschafter eines Aufstandes.“

Audschali, der 40 Jahre lang in Diensten Libyens stand, ist Teil einer Welle von Ex-Diplomaten, die – je nach Einschätzung – außergewöhnlichen Mut oder einen gesunden Instinkt zur Selbsterhaltung beweisen. Der libysche Botschafter bei den Vereinten Nationen und andere Offizielle haben sich ebenfalls auf die Seite der Aufständischen geschlagen, genauso wie altgediente libysche Diplomaten in Frankreich, Indien und China. Drei jemenitische Botschafter – bei den Vereinten Nationen, in Syrien und im Libanon – legten ihr Amt aus Protest gegen die gewaltsame Niederschlagung der Proteste in ihrem Heimatland nieder.

Solche Fälle sind nicht neu. Ungewöhnlich sei aber die hohe Zahl, sagt David Mack, ehemaliger US-Botschafter in Libyen: „Es gab einzelne Fälle, aber ich kann mich nicht erinnern, dass so viele auf einmal mit ihrem Regime brechen.“ In Washington hat der demokratische Eifer, der durch die arabische Welt fegt, einige zum Umdenken gezwungen. Die Botschafter Tunesiens und Ägyptens, wo die Revolutionen größtenteils friedlich abgelaufen sind, haben ihre Posten behalten. Aber für die Vertreter von Ländern, in denen die Proteste eskalieren, sind die Entscheidungen komplexer.

Der Botschafter von Bahrain, Houda Ezra Nonoo, verhält sich möglichst unauffällig. Ebenso sein jemenitischer Kollege, Abdulwahab Abdullah al-Hadschri. Das „Time Magazine“ gab ihm einmal den Spitznamen „Washingtons Dekan der Diplomatie („D.C.’s Dean of Diplomacy“), in Anspielung auf seine nächtlichen Abendessen und Partys, von denen einige laut „Time“ bis in die frühen Morgenstunden dauerten.

Jemen-Botschafter klebt am Job

Al-Hadschiri, ein Schwager des jemenitischen Präsidenten, scheint an seinem Job festzuhalten. Der UN-Botschafter des Landes, Abdullah Alsaidi, legte sein Amt hingegen vor gut einer Woche nieder. „Scharfschützen schießen von Balkonen aus den Menschen in den Kopf und in den Hals – da kann ich nicht länger guten Gewissens die Position der Regierung gegenüber den Vereinten Nationen vertreten“, begründet Alsaidi seinen Schritt.

Nun sucht er eine Unterkunft, denn seine Regierung hat bereits einen Nachfolger ernannt und Alsaidi muss die vom Jemen gemietete Wohnung in Manhattan verlassen. Alsaidis drei Kinder wurden in den USA ausgebildet, er selbst hat einen Abschluss in Philosophie von der renommierten Columbia Universität. Aber nun ist der Ex-Diplomat nicht sicher, ob er bleiben kann. Er habe etwas Geld gespart, nun wolle er sich Zeit nehmen „um zu reden und zu reflektieren“.

Der libysche Ex-Botschafter Audschali geht da aggressiver vor. Der Sohn eines Bauern und einer Hausfrau ist in einer Oase in der Nähe von Bengasi aufgewachsen, heute eine Hochburg der Rebellen. Der 66-Jährige kam 2004 nach Washington, um die libysch-amerikanischen Beziehungen wieder herzustellen, nachdem Gaddafi Ambitionen nach Atomwaffen abgeschworen hatte.

Im Januar 2009 wurde Audschali, der sagt, er kenne Gaddafi nicht gut, offiziell Botschafter in den USA – der erste seit 35 Jahren. Er ließ die alte muffige Residenz Libyens renovieren. Audschalis diplomatische Arbeit für Gaddafi scheint kompliziert gewesen zu sein. Einerseits unterstützte er die Zahlung von Entschädigungen an Opfer des Lockerbie-Attentats, andererseits vertrat er die Position seines Staatschefs als es darum ging, den zu lebenslanger Haft in Schottland verurteilten libyschen Lockerbie-Bomber in die Heimat zurückzuholen (er wurde 2009 aus gesundheitlichen Gründen begnadigt und nach Tripolis ausgeflogen).

Audschali will Gaddafis Sturz

Dennoch hat Audschali viel Lob dafür bekommen, dass er sich mit Gaddafi-Kritikern getroffen und sich dafür eingesetzt hat, mehr libysche Studenten, Geschäftsleute und Touristen in die USA zu holen. Seit er seinen Posten aufgegeben hat, trägt er jedem, der es hören will – Journalisten, Senatoren und sogar Außenministerin Hillary Clinton – vor, dass die USA die libysche Übergangsregierung anerkennen sollten.

Er besteht darauf, dass Gaddafi gestürzt wird: „Man kann ihm niemals trauen.“ Am dringendsten ist laut Audschali allerdings, dass das Finanzministerium die eingefrorenen 30 Milliarden Dollar Libyens freigibt. „Dann können wir unser Büro betreiben, können dafür Räume mieten, können humanitäre Hilfe für unsere Leute leisten.“

Nicht so schnell, sagt ein Mitarbeiter der US-Regierung, der seinen Namen nicht nennen wollte. Während das Außenministerium Audschali als Repräsentanten des libyschen Nationalrats akzeptiere, „betrachten wir ihn jetzt als Privatmann“. Das Treffen mit Clinton sei Teil des Versuchs gewesen, „ein Gefühl dafür zu bekommen, wer diese Leute sind und woher sie kommen“.

Und während Audschalis Freunde seinen Bruch mit dem Regime als mutigen Akt betrachten, sehen einige Libyen-Experten eher politische Zweckmäßigkeit. Schließlich könnte Audschali bei einem Sieg der Rebellen seinen Job zurückbekommen – einschließlich Haushälterinnen, Fahrer und allen anderen Annehmlichkeiten.

„Ich denke, all diese Rücktritte sind zu einem Zeitpunkt gekommen als es so aussah, als habe die Opposition gute Chancen“, sagt Diederick J. Vandewalle, ein Politikwissenschaftler vom Dartmouth College in Hanover (New Hampshire). „Ich glaube, die wollten nur ihre Schäfchen ins Trockene bringen.“

© New York Times 2011. Übersetzung: Jens Wiegmann