Herrscher-Clan

Chamies al-Gaddafi, der Sohn für das blutige Geschäft

Er war fast unbekannt, doch während der Konterrevolution fiel ihm eine wichtige Rolle zu: Gaddafis Sohn Chamies soll durch eine Kamikaze-Attacke getötet worden sein.

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Zu den unverhofften Nebeneffekten der libyschen Revolution gehört, dass man plötzlich gewahr wird, wie sehr der Diktator offenbar bei seiner Machterhaltung in der typischen Art eines vormodernen Stammesfürsten auf seine Kinder vertraut.

Sie sind noch zahlreicher als man bisher ahnte. Einigermaßen bekannt waren ja nur Al-Saadi der eine erfolglose Karriere als Fußballspieler in Italien hinter sich hat, sowie Saif al-Islam, der als scheinbar moderates und weltoffenes "Gesicht" des Regimes von seinem Vater schon seit langem mit diplomatischen Missionen vor allem im Westen betraut wurde.

Einer wurde meist nur kurz erwähnt: Chamies al-Gaddafi, der den spärlichen und widersprüchlichen Meldungen der letzten Wochen zufolge an der vordersten Front kämpfte und nun beim Kamikaze-Angriff eines Rebellen gestorben sein soll.

Er war anders als sein Bruder Saif al-Islam (übersetzt: "Schwert des Islams"), der sich in der relativen Sicherheit des noch weitgehend von den Gaddafis beherrschten Tripolis aufhält, das wahre Schwert seines Vaters, und erledigte das blutige Geschäft der Konterrevolution.

Den Berichten der libyschen Opposition und den Wikileaks-Depeschen der US-Botschaft zufolge leitete Chamies die 32. Brigade, die als eine der am besten ausgebildeten Einheiten der libyschen Armee gilt. Im Umfeld dieser Brigade sollen auch viele der bei den Libyern naturgemäß besonders verhassten Söldner aus anderen afrikanischen Ländern operieren.

Angeblich hatte Chamies die meisten von ihnen höchstpersönlich im französisch-sprachigen Tschad südlich von Libyen rekrutiert. Diesen Söldnern soll Chamies auch befohlen haben auf 200 bis 300 Soldaten der regulären Armee zu schießen, die sich den diffusen Quellen zufolge geweigert hatten, auf die eigenen Landsleute zu schießen.

Eine weißrussische oppositionelle Webseite schreibt über ihn, er habe das Studium an Militärakademie in Tripolis mit einem Bachelor in Militärwissenschaften abgeschlossen, dann an der Frunse-Militärakademie der Russischen Streitkräfte seinen Doktor gemacht. Ein paar Tatsachen, die übrigens sehr schön zeigen, wer – trotz allem berechtigten Gerede über die Kumpanei des Westens mit Gaddafi – die wahren Freunde des libyschen Regimes sind.

Seinen Moskauer Doktortitel soll Chamies der Webseite afrol news zufolge 2007 erworben haben. Dort werden auch spanische Medien zitiert, die berichten, Chamies al-Gaddafi sei seit April 2010 an der Madrid IE Business School – unter dem Namen Khamis Muammer – für einen Masterstudiengang eingeschrieben gewesen.

Eigentlich hätte er sich in den letzten Wochen für praktische Übungen in den USA und für ein Seminar in Südafrika aufhalten sollen. Doch die spanische Zeitung "El Pais" zitiert Quellen aus der Business School, die erklären, seit dem Beginn des libyschen Aufstand "waren wir nicht mehr in der Lage, seinen Aufenthaltsort festzustellen".

Kein Wunder, wie afrol news schreibt: Am 22. Februar sei der (sichtlich von den Ereignissen der letzten Wochen gezeichnete) Chamies im libyschen Staatsfernsehen zu sehen gewesen, wie er seinen Vater nach einer Rede in Tripolis als erster umarmte und beglückwünschte. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass Muammar al-Gaddafi in diesen Tagen offenbar ganz besonders auf seinen militärisch versiertesten Sohn Chamies vertraute.