Aristide wieder in Haiti

Der Ex-Präsident kehrt zurück – und mischt sich ein

Unmittelbar vor der Stichwahl in Haiti kehrt Ex-Präsident Aristide aus dem Exil zurück. Den Hoffnungen auf eine faire Wahl versetzt das einen Dämpfer.

Der Gegenspieler bringt sich schon einmal in Position: Unmittelbar vor der Stichwahl um das Präsidentenamt in Haiti ist der ehemalige Amtsinhaber Jean-Bertrand Aristide aus seinem siebenjährigen Exil in Südafrika zurückgekehrt.

Nur wenige Augenblicke nach seiner Heimkehr forderte er auf dem Flughafen von Port-au-Prince, seine Bewegung Fanmi Lavalas dürfe nicht weiter aus dem politischen Leben des Landes ausgeschlossen werden.

Damit haben die Hoffnungen der Haitianer auf einen reibungslosen Urnengang zwischen der favorisierten 70-jährigen Mirlande Manigat und dem 20 Jahre jüngeren Michel Martelly einen herben Dämpfer erhalten. Ex-Armenpriester Aristide war 1990 der erste frei gewählte Präsident Haitis. Wegen Korruptionsvorwürfen fand seine Amtszeit 2004 ein jähes Ende. „Der große Tag ist da. Wir kehren in unsere Heimat zurück. Viele Menschen in Haiti sind glücklich darüber – ein Traum wird wahr“, feierte Aristide sich selbst.

Die erste Runde der Wahl war von Betrugsvorwürfen überschattet

Damit findet ein erstaunlich ruhiger und vergleichsweise sachlicher Wahlkampf ein unschönes Ende. Manigat, Juraprofessorin und die Frau des früheren Präsidenten Leslie Manigat, versuchte in der thematischen Auseinandersetzung mit dem politischen Quereinsteiger Martelly eine Schlammschlacht zu vermeiden. Beim gemeinsamen TV-Duell vor wenigen Tagen ließen sich die beiden Kontrahenten lächelnd nebeneinander fotografieren. Das war der offensichtliche Versuch, nach der von schweren Betrugsvorwürfen überschatteten ersten Runde der Wahl im November ein wenig politische Stabilität und Seriosität zu vermitteln.

Die erste Runde hatte Manigat deutlich gewonnen, doch die 50-Prozent-Marke verfehlt. Martelly war zum Herausforderer erklärt worden, nachdem Vertreter der Organisation Amerikanischer Staaten Wahlbetrug im ersten Durchgang angeprangert hatten und sich der Kandidat des amtierenden verhassten Staatschefs René Préval zurückzog.

Beide Kontrahenten suchen einen Weg aus der Krise

Beide Präsidentschaftsanwärter versprechen dem Wahlvolk ein besseres Haiti. Dazu soll vor allem der Wiederaufbau der Mitte der 90er-Jahre aufgelösten Armee beitragen. Sie soll mithelfen, das Machtvakuum im Lande zu füllen und zugleich als Lieferant von dringend benötigten Arbeitsplätzen dienen.

Popstar Martelly, den seine Fans als „Kompa-Präsidenten“ nach einer haitianischen Musikrichtung verehren, versprach in seinen lauten Wahlkampfreden vor allem Investitionen in den Tourismus, der Haiti aus seiner tiefen Wirtschaftskrise führen soll. Der amerikanisch-haitianische Hip-Hop-Star Wyclef Jean, der sich selbst Hoffnungen auf das Präsidentenamt machte, aber nicht als Kandidat zugelassen wurde, unterstützt seinen vor allem bei der Jugend populären Kollegen aus der Musikbranche.

Die deutlich zurückhaltender auftretende Manigat setzte ihre Schwerpunkte dagegen im Bereich der Sozialpolitik und versprach konkrete Wiederaufbaumaßnahmen.

Ein Riesenberg Probleme

Egal, wer am Sonntag das Rennen machen wird, es wartet auf das künftige Staatsoberhaupt ein riesiger Berg an Problemen. Immer noch sind die Folgen des verheerenden Erdbebens, das im Januar 2010 rund 250.000 Menschen das Leben kostete, an jeder Straßenecke sicht- und spürbar.

Mit einer neuen Regierung soll endlich der Investitionsstau ein Ende haben. Zahlreiche Hilfsorganisationen stellten ihre Bauaktivitäten zurück, bis eine neue staatliche Administration Planungssicherheit ermöglicht und bürokratische Hürden abbaut.

Und der neue haitianische Regierungschef muss die internationale Staatengemeinschaft daran erinnern, dass erst ein Bruchteil der im Rahmen der Geberkonferenz zugesagten Hilfsgelder auch tatsächlich geflossen ist. Die korruptionsfreie Verteilung dieser Gelder wird die größte Herausforderung für die neue Regierung sein.

Ganz akut gibt es aber auch noch ein anderes Problem zu lösen: An der im Lande grassierenden Choleraepidemie könnten nach einer neuesten Studie eines US-Forscherteams allein in diesem Jahr bis zu 800.000 Menschen erkranken.

Für Rückkehrer Jean-Bertrand Aristide also genügend Gelegenheiten, Material für seine gefürchteten demagogischen Brandreden zu finden. Das vorläufige Ergebnis der Wahl soll am 31. März bekannt gegeben werden, das Endergebnis am 16. April.