US-Aussenministerin

Warum Clinton den "besten Job der Welt" aufgibt

Schon im kommenden Jahr will Hillary Clinton sich aus der Politik zurückziehen. Sicher ist schon jetzt: Für Nachrufe ist es zu früh.

Wie nebenbei gab Hillary Clinton bekannt, dass sie künftig nicht mehr als Außenministerin der amerikanischen Regierung zur Verfügung stehen wird. Unterwegs nach Kairo antwortete sie auf die Reporterfrage, ob sie nach 2012 die Chefdiplomatin bleiben werde, wenn Barack Obama die Wahlen gewinnt, mit einem einsilbigen „no“.

Und als das Team von Journalisten der 63-Jährigen auf den Zahn fühlte, ob sie vielleicht daran denke, doch noch einmal Präsidentin werden zu wollen – oder vielleicht Vizepräsidentin oder Verteidigungsministerin – blieb die Antwort immer dieselbe: nein. „Ich habe den besten Job, den es je gab“, sagte Hillary Clinton, „es ist beinahe schwierig, zu Atem zu kommen. Ich will meinen Beitrag dazu leisten, dass die Vereinigten Staaten in diesem entscheidenden Moment vertreten werden und alles tun, was in meiner Macht steht, um den Präsidenten und die Regierung zu unterstützen, um für die amerikanischen Werte und Ideale und Interessen einzustehen.“

Neue Präsidentschaftskandidatur steht nicht zur Debatte

Und sie denkt wirklich kein bisschen daran, ihre alte Rivalität mit Obama wieder aufleben zu lassen? „Die Präsidentschaftskampagne war für mich eine wunderbare Erfahrung“, antwortete Hillary Clinton. „Ich bin stolz auf die Unterstützung und dass ich die Gelegenheit hatte. Aber ich werde mich nach etwas Neuem umschauen.“ Sie wolle sich sozialen und karitativen Belangen widmen.

So endet eine der interessantesten politischen Karrieren der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Diese Karriere begann schon im Teenageralter mitten in einer Phase des Umbruchs in Amerika. Und sie begann auf der rechten Seite des politischen Spektrums. Als 13-Jährige unterstützte Hillary Rodham – so seltsam das im Rückblick klingen mag – Richard Nixon; 1964 ergriff sie sogar für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater Partei.

Sie kam aus einem religiösen (genauer: methodistischen) und antikommunistischen Haus. Diese konservative Herkunft ist erwähnenswert, weil sie Hillary Clinton auch später geprägt hat. Gleichzeitig waren die frühen Sechzigerjahre in Amerika die Jahre der Bürgerrechtsbewegung, die sich gegen die Unterdrückung der Schwarzen vor allen in den Südstaaten wandte. Auch diese Erfahrung war wichtig für sie.

Clinton beginnt als Republikanerin und wird "rechte Linke"

Mit 15 Jahren war Hillary Rodham zusammen mit ihrem Pfarrer bei Martin Luther King zu Besuch. Als Studentin im College von Wellesley war sie in gewisser Weise zwiegespalten: sensibel für soziale Fragen und Antirassistin, aber auch Mitglied der „Young Republicans“, also (sozusagen) der „Jungen Union“.

Sie beschrieb sich als „im Herzen linksliberal, dem Verstand nach konservativ“. Was sie endgültig auf die andere Seite des politischen Spektrums trieb, waren sowohl die Bürgerrechtsbewegung als auch der Protest gegen den Vietnamkrieg.

1968 verließ sie die republikanische Partei, nachdem sie zusammen mit schwarzen Studenten einen Protest gegen den Mord an Martin Luther King organisiert hatte. Aber sie wurde trotzdem nicht das, was man in Deutschland eine 68-erin nennt.

Sie wollte das System nicht stürzen, sondern von innen heraus behutsam reformieren. Man könnte es vielleicht so formulieren: Als Teenager und junge Erwachsene war Hillary Rodham eine linke Rechte. Danach wurde sie zu einer rechten Linken. Sie blieb also im Herzen linksliberal, und der kühle Kopf blieb stets konservativ.

Ehrgeizige Hillary folgt Bill Clinton in die Provinz

Ihren Mann Bill Clinton hat sie 1971 als Jurastudentin in Yale kennengelernt. Sie weigerte sich dann aber vier Jahre lang, ihn zu heiraten, und sie bestand darauf (damals war das noch ungewöhnlich), ihren eigenen Nachnamen zu behalten. Schon damals sagte man ihr eine große politische Zukunft voraus; sie habe das Zeug, hieß es, Senatorin oder sogar Präsidentin zu werden.

Hillary Rodham und ihr Mann lebten damals in Washington, DC. Und hier kann man sich eine „Was-wäre-gewesen-wenn“-Frage nicht verkneifen: Was, wenn sie ihrem Mann nicht in die Provinz, nach Arkansas, gefolgt wäre, was also, wenn sie ganz auf eigene Faust Karriere gemacht hätte?

In der realen Welt wurde sie eine erfolgreiche Juristin, während ihr Mann es bis zum Gouverneur von Arkansas brachte; ihr Spezialgebiet waren die Rechte von Kindern. Wenn sie diese zwölf Jahre in der Provinz nichts anderes gemacht hätte, würde man sie heute als Topanwältin kennen.

Eigenes Büro im "West Wing" schon als "First Lady"

Es kam bekanntlich anders. 1993 wurde ihr Mann ins höchste Amt gewählt, das die amerikanische Republik zu vergeben hat; und Hillary Clinton – das „Rodham“ hatte sich mittlerweile auf ein Mittelinitial reduziert – wurde die aktivste First Lady, die die USA bis dahin gesehen hatten.

Sie war noch sichtbarer und umtriebiger als Eleanor Roosevelt, mit einem eigenen Büro im Westflügel des weißen Hauses, wo die ernsthaften Entscheidungen gefällt werden. Das Wichtigste, was sie in ihrer Zeit als First Lady tat, war nicht, dass sie versuchte, eine Reform des amerikanischen Gesundheitssystems durchzusetzen (ein Unterfangen, mit dem sie grandios scheiterte).

Das Wichtigste war, dass sie zu ihrem Mann stand, nachdem der in der Monica Lewinsky-Affäre als Ehebrecher und Lügner entlarvt worden war. Wieder kann man die „Was-wäre-gewesen-wenn“-Frage kaum unterdrücken. Was, wenn es damals zum Bruch mit Bill Clinton gekommen wäre? Was, wenn die Wege der beiden sich für immer getrennt hätten?

Tränen im Wahlkampf

Ihren eigenen Weg ging Hillary Clinton später ohnehin. Ihr Mann hatte das Weiße Haus kaum verlassen, da saß sie schon als Senatorin für den Bundesstaat New York wieder in der Hauptstadt. Und damit stand sie in der Startposition bereit, als der glücklose George W. Bush abtrat und ein Nachfolger gesucht wurde.

Jeder weiß, wie das Rennen um die amerikanische Präsidentschaft 2008 in den Vorwahlen ausgegangen ist – trotz ihrer Tränen vor der Fernsehkamera, die bewiesen, dass sie nicht das kalte Geschöpf war, als das ihre Gegner sie gezeichnet hatten.

Das nächste war eine überraschende Kehrtwende: Der Präsident, der sie gerade eben in den Vorwahlen geschlagen und im Wahlkampf nicht mit harschen Worten gespart hatte, bat sie plötzlich in sein Kabinett. Und das wirklich Überraschende: Hillary Clinton sagte sofort zu.

Als Außenministerin hält sich Clinton lange im Hintergrund

Bei der amerikanischen Außenpolitik muss die erste Frage nicht lauten: welche? Die wichtige Frage ist eher: wie viel davon? Die Antwort des Obama-Teams war: möglichst wenig. Amerika hatte unter Bush quasi eine zu hohe Dosis von dieser unguten Sache abbekommen und wollte sich davon erst einmal erholen.

Darum war es in den ersten zwei Jahren der Obama-Regierung sogar für Insider in Washington schwierig herauszubekommen, wer eigentlich in Washington das bisschen Außenpolitik machte: der Präsident oder die Herrin des State Department? Die entscheidenden Reden hielt Obama, Hillary Clinton blieb im Hintergrund. Aber was tat sie da?

Arabische Welt lässt sie ihre Stimme finden

Erst vor kurzem ist sie aus dem Schatten herausgetreten: Als Demonstranten das Regime von Husni Mubarak in Ägypten durch gewaltfreien Widerstand besiegten, war ihre Stimme mit einem Mal deutlich zu hören. Hillary Clinton stand öffentlich dafür ein, dass die amerikanische Regierung binnen kurzer Zeit vollkommen umschwenkte und den Verbündeten Mubarak fallen ließ.

Was allerdings Libyen und den Krieg gegen das eigene Volk betrifft, den Oberst Muammar al-Gaddafi dort führt, hat Amerika nun wieder gar keine Außenpolitik mehr. Ob es wahr ist, dass Hillary Clinton sich in Paris mit Vertretern der libyschen Opposition getroffen hat, die sie um Waffen gebeten haben?

Es ist müßig, über die Gründe zu spekulieren, die sie jetzt veranlasst haben mögen, ihren Rückzug aus der Politik bekannt zu geben. Sicher ist nur eines: Für Nachrufe auf diese ehrgeizige, hochintelligente und komplexe Frau ist es zu früh. Von Hillary Rodham Clinton werden wir auch nach 2012 vermutlich noch viel hören.