Trotz Fukushima

Japans Nachbarländer planen ehrgeizige Atom-Projekte

Mehrere asiatische Länder haben schon konkrete Pläne für neue Atomkraftwerke. Doch langsam regt sich der Widerstand.

Foto: AFP / FP PHOTO / HO / Nuclear Power Corporation of India Limited (NPCIL)

Vorsicht!“, hieß es in der SMS, die in Singapur und verschiedenen anderen asiatischen Ländern verbreitet wurde, und die sich später als niederträchtige Fälschung herausstellte, „heute könnte die Strahlung schon die Philippinen erreichen. Wenn es regnet, bleibt im Haus und bestreicht Euren Hals mit Betadin-Lotion, dort, wo die Schilddrüsen liegen“. Angeblich kam die Warnung von der renommierten BBC, und so wurden die Menschen nervös.

Der Katastrophenreaktor in Fukushima ist von Singapur rund 5000 Kilometer entfernt. Zu weit, um Panik auszulösen, zu nah je nach Windrichtung, um sich sicher zu fühlen. Die Krise in Japan hat einen Nerv getroffen, und wie in Deutschland werden auch in den Ländern Asiens Stimmen laut, die die Zukunft der Atomenergie infrage stellen.

Denn nicht wenige asiatische Staaten setzen bereits verstärkt auf Kernkraft. Der aufstrebende Kontinent braucht Strom – besonders jetzt, da die Ölversorgung angesichts der Ereignisse im Mittleren Osten weniger sicher erscheint. Pläne sind bereits gefasst, erste Schritte eingeleitet.

Große Pläne in China und Indien

China prescht mit Konstruktionsprojekten für Atomkraftwerke schneller als alle anderen voran – vor allem in seinen südlichen Provinzen. Schon jetzt hat die Volksrepublik 13 Reaktoren am Netz, die insgesamt 11 Gigawatt Strom produzieren.

Bisher sind keine größeren nuklearen Unglücke in China bekannt geworden, doch die Kraftwerke lecken immer wieder einmal, so zum Beispiel im vergangenen Jahr in der südchinesischen Küstenstadt Shenzhen.

Peking plant aber seit einer Weile schon eifrig, die Produktion von Atomstrom im großen Stil weiter auszubauen. Bis zum Jahr 2020 sollen 40 Gigawatt durch Kernenergie produziert werden – und das sind nur die mittelfristigen Pläne. Kaum ein Land ist so ambitioniert und expandiert sein Reaktornetz so schnell wie China. Nun hat Peking aber angekündigt, nach der Katastrophe in Japan die Sicherheitsevaluierungen seiner Kraftwerke zu verstärken.

Asiens zweite Großmacht, Indien, hat ebenfalls hochfliegende Nuklearpläne. Auf dem südasiatischen Subkontinent stehen schon jetzt sieben Atomreaktoren. Wie auch in Fukushima liegen mehrere der Anlagen direkt an der Küste. Allerdings, so beeilt sich die indische Regierung zu versichern, liegen sie alle in relativ ungefährlichen seismischen Zonen. Die Gefahr eines Erdbebens sei gering.

Tatsächlich haben verschiedene Naturkatastrophen in der Vergangenheit den indischen Reaktoren bisher kaum etwas anhaben können. Allerdings werden auch hier Störfälle eher heruntergespielt. Als ein Beben der Stärke 6,7 vor zehn Jahren den Bundesstaat Gujarat erschütterte, operierte das dort gelegene Kakrapur Kernkraftwerk ohne Unterbrechung weiter.

Und selbst als der verheerende Tsunami von 2004 die Küste von Tamil Nadu überschwemmte, wurde zwar auch das Kernkraftwerk Kalpakkam überflutet, doch der Vorfall ging glimpflich aus: Der Reaktor schaltete sich automatisch ab und lag für einige Tage still.

Das betont die Regierung und versichert gerade, wie erfahren die Inder in Sachen Atomenergie und wie hoch die Sicherheitsstandards seien. Denn Delhi plant weiterhin, Milliarden von Dollar auszugeben, um neue Reaktoren zu importieren.

Selbst das erdbebengefährdete Indonesien will Atomstrom

Doch auch kleinere Länder haben große Ambitionen. In Südostasien haben Vietnam, Thailand und sogar das hocherdbebengefährdete Indonesien bereits konkrete Pläne. Und Malaysia und Singapur schließen die Möglichkeit für künftigen Atomstrom immerhin nicht aus. Im Gegensatz zu Japan, Indien und China hat keines dieser Länder irgendwelche Erfahrungen mit der Nuklearenergie.

Trotzdem drängen sie in Richtung Kernkraft: Vietnam will bis 2021 zwei Atomkraftwerke fertigstellen, das erste wird von Russen, das zweite von Japanern gebaut. Und acht weitere Anlagen sind im Gespräch, so eine Quelle aus Hanoi. Thailand will ebenfalls bis 2020 mit Atomstrom ans Netz gehen.

Und in Indonesien, das direkt auf dem notorischen Erdbebengebiet des pazifischen Feuerrings liegt, hat das Parlament allen Protesten und der Sorge in weiten Teilen der Bevölkerung zum Trotz der Nuklearenergie bereits zugestimmt.

Die nuklearen Träume der asiatischen Bürokraten könnten nun allerdings doch noch einen Dämpfer erhalten. Überall regt sich der Widerstand. Umweltaktivisten in Indien, Indonesien und Thailand laufen Sturm.

Wenn nicht einmal Japan vor einer solchen Katastrophe gefeit ist, fragen viele ganz offen, wie sollen dann weniger effiziente, weniger disziplinierte Länder ohne jahrelange Erfahrung im Ernstfall überhaupt eine Chance haben?