„Versetzen Sie sich in folgende Lage“, bittet die Bundeswehr ihre Soldatinnen und Soldaten. „Ein Angriff einer feindlich gesinnten Streitkraft auf einen Bündnispartner steht unmittelbar bevor. Sie stellen sich darauf ein, sich innerhalb von 48 Stunden bei Ihrem 600 Kilometer entfernten Truppenteil im Bereitstellungsraum zu melden.“ Was wird aus den Kindern, den pflegebedürftigen Eltern, dem Hund, wenn der Aufbruch binnen Stunden erforderlich ist? Und was passiert, wenn man aus dem Einsatz nicht zurückkehrt?
Um ihre Soldatinnen und Soldaten auf einen solchen Ernstfall auch privat vorzubereiten, hat die Bundeswehr eine mehr als 40 Seiten lange „Kaltstart-Akte“ ausgearbeitet. „Sie ist eine gute Grundlage dafür, frühzeitig Regelungen für den Ernstfall zu treffen“, lobt die Wehrbeauftragte Eva Högl in ihrem am Dienstag vorgestellten Jahresbericht. „Alle Soldatinnen und Soldaten sollten sich daher so schnell wie möglich mit den Checklisten und konkreten Hilfestellungen auseinandersetzen.“
Angehörige von Soldaten sollen sich mit Kriegsfall befassen
Angesichts der Bedrohungslage in Europa geht die Bundeswehr damit auf die Sorgen ihrer Soldatinnen und Soldaten ein. Während die Bundeswehr lange begrenzte Kontingente in Auslandseinsätze fern der Heimat wie in Afghanistan schickte, ist mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine die Landes- und Bündnisverteidigung wieder zum Kernauftrag der Truppe geworden. Dadurch steht für alle Angehörigen der Bundeswehr auch das Szenario im Raum, Deutschland oder ein verbündetes Land wie die baltischen Staaten oder Polen verteidigen zu müssen.
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Högl nennt die „Kaltstart-Akte“ ausdrücklich im Zusammenhang mit der schweren Kampfbrigade, die Deutschland dauerhaft in Litauen stationieren will. „Die Aufstellung der Brigade Litauen muss auch mit einem Mentalitätswandel der Angehörigen und Familien der Soldatinnen und Soldaten einhergehen“, fordert die SPD-Politikerin. Ein ernsthaftes Beschäftigen mit den schwierigen Fragen zu Krieg und bestehenden Gefahren könne Ängsten begegnen.
Greift Putin die Nato an, sind die deutschen Soldaten in Litauen an vorderster Front
Bis 2027 sollen 4800 Soldaten und 200 Zivilbeschäftigte nach Litauen verlegt werden und nur wenige Kilometer von der Grenze zu Russlands engem Verbündeten Belarus entfernt voll einsatzfähig sein. Sollte der russische Staatschef Wladimir Putin sich zu einem Angriff auf die Nato entschließen, könnten die Bundeswehrsoldaten in Litauen an vorderster Front stehen.
In der kleinen Ex-Sowjetrepublik ist die Sorge vor einem russischen Angriff groß, die Regierung in Vilnius baut Übungsplätze, Straßen und Kasernen, um die deutsche Kampfbrigade dauerhaft unterzubringen. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) ermutigt seine Soldatinnen und Soldaten, mit ihren Familien nach Litauen zu gehen und mehrere Jahre dort zu bleiben. Die Bundesregierung redet deswegen mit Litauen über familienfreundliche Unterkünfte außerhalb der Kasernen, deutschsprachige Kitas und Schulplätze.
Für Litauen-Brigade eingeplante Soldaten haben „Fragen und Sorgen“
Bisher setzt Pistorius bei der Aufstellung der Litauen-Brigade auf Freiwilligkeit. Neben bereits seit längerer Zeit im Rahmen des Nato-Schutzes für das Baltikum in Litauen stationierten Bundeswehrtruppen sollen das Panzergrenadierbataillon 122 in Oberviechtach und das Panzerbataillon 203 aus Augustdorf die neue Brigade bilden. Bei einem Besuch vor Ort im vergangenen Herbst hörte Högl allerdings „viele Fragen und Sorgen“ auch privater Art.
„Mehrere Soldatinnen und Soldaten kritisierten andauernde Unklarheiten und eine mangelnde Planbarkeit“, scheibt die Wehrbeauftragte in ihrem Jahresbericht. Die Betroffenen wollen etwa wissen, wann genau ihr Einsatz in Litauen beginne, wie lange er dauere und an welchen Standort sie anschließend versetzt würden. „Die Beantwortung dieser Fragen sei für die Betroffenen wichtig, um grundlegende Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel ob und wann sie ihre Wohnung kündigen oder ihr Haus verkaufen sollen.“ Högl fordert „umfassende Informationen“ für die Soldaten.
Bundeswehr rät Soldaten zur Vorsorge – auch für den Todesfall
Die offenen Fragen an das Verteidigungsministerium stehen im Gegensatz zu der detaillierten persönlichen und familiären Planung, welche die Bundeswehr von ihren Angehörigen verlangt. „Im Falle eines Krieges oder einer Krise müssen Sie ‚kaltstartfähig‘, also rasch einsatzbereit sein“, steht auf der ersten Seite der Vorbereitungs-Akte, die Soldaten sich seit dem Sommer auf der Internetseite der Bundeswehr herunterladen können. „Eventuell haben Sie dann keine Zeit, wichtige Informationen zusammenzusuchen und Entscheidungen für sich und Ihre Angehörigen zu treffen.“
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Akte enthält Checklisten, Ratschläge zu Testament und Patientenverfügung sowie Musterformulare, damit zu Hause alles vorbereitet ist, sollte es zum kurzfristigen Einsatz kommen. Es geht um die Passwörter zu Social-Media-Profilen und E-Mailfächern, die Zugänge zu Bankkonten, um Versicherungen oder Codes für Alarmanlagen an Haus oder Wohnung.
Und natürlich um die Liebsten: „Im Falle eines Falles sollte das ‚Wertvollste‘ auf der Welt entsprechend geschützt und versorgt werden“, mahnen die Verfasser des Dokuments, sich frühzeitig um Kinder und pflegebedürftige Angehörige Gedanken zu machen. Wer darf in Abwesenheit Entscheidungen treffen, wer bekommt im schlimmsten Fall das Sorgerecht? Über den eigenen Tod nachzudenken, falle oftmals schwer, heißt es in der Notfall-Akte. „Jedoch ist eine gewisse Vorbereitung unabdingbar, um Familie und Freunde in schweren Zeiten zu entlasten.“