Minusgrade

Winterelend im Ukraine-Krieg: Wem setzt die Kälte mehr zu?

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Miguel Sanches
Flussfahrt unter Lebensgefahr: Evakuierungen von den Inseln im Dnipro

Flussfahrt unter Lebensgefahr: Evakuierungen von den Inseln im Dnipro

Oleksij Kowbasjuk aus Cherson fährt mit seinem Boot über den Dnipro, um Menschen auf den Flussinseln mit Lebensmitteln zu versorgen oder in Sicherheit zu bringen. Die Überfahrt ist kurz aber lebensgefährlich.

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Der Ukraine-Krieg begann im Februar. Nun naht der tiefe Winter. Wie haben sich beide Seiten darauf vorbereitet und wer ist im Vorteil?

Berlin. Es ist kalt in Bachmut. Der Fluss Bachmutka friert langsam zu. Im Ukraine-Krieg ist derzeit keine andere Stadt so hart umkämpft. In der Ukraine wird es kälter und kälter. Die Temperaturen können auf bis zu Minus 20 Grad fallen. Wenn der Schlamm gefriert und der Boden fester wird, können sich allerdings bald Panzer und schwere Fahrzeuge auch wieder leichter bewegen.

Die Ukraine hat zu hart um die militärische Initiative gekämpft, um sie jetzt leichtfertig aus der Hand zu geben. Unter den Experten, zwischen Militärs, Geheimdiensten und Wissenschaftlern, gehen gleichwohl die Meinungen darüber weit auseinander, wem der Frost wohl einen Vorteil verschafft.

Ukraine-Krieg: Wie Putin den Winter zu seiner Waffe macht

Nicht zufällig hat Kremlchef Wladimir Putin die Luftangriffe zuletzt wieder intensiviert. Nicht zufällig auch ist oft die zivile Infrastruktur das Ziel, also Strom, Wasser, Wärmeversorgung. Putin hat den Winter zu seiner Waffe gemacht. Generell von Vorteil ist ferner, dass die russische Seite viele Vorräte an Munition, Fahrzeugen, Sprengstoffen, Raketen hat.

Der Bodenkrieg könnte erst mal eingefroren werden, buchstäblich. "Die Intensität der Kämpfe dürfte insgesamt eher abnehmen“, sagte Burkhard Meißner vom "German Institute For Defense And Stratetegic Studies" (GIDS) unserer Redaktion. Es werde Kämpfe geben, "aber in einem anderen Tempo und wahrscheinlich in kleinerem Maßstab", vermutet auch der frühere australische General Mick Ryan in einem Tweet.

Ukraine-Krieg:Warum die Kälte für die Russen der größte Feind sein wird

Kälte ist der Feind des Soldaten, keine Frage. „Es ist scheiße, es wird nur kalt und nass", sagte US-General Ben Hodges, der zwischen 2014 und 2018 die US-Streitkräfte in Europa befehligte, neulich in "Radio Liberty" über den Winter. Jede größere Truppenbewegung fällt langsamer aus. "Die Kälte, sie erschöpft dich", sagt Hodges. Auch die Wartung der Waffen ist schwieriger.

Im Schlamm und im Schnee sind Spuren leichter zu erkennen. Der spärliche Pflanzenbewuchs gibt naturgemäß "viel schlechtere Möglichkeiten, sich zu verstecken und zu tarnen. Man kann große Geräte leichter entdecken und zerstören", so Meißner. "Das setzt dem Einsatz von Panzern und Artillerie engere Grenzen.“

Große Schlachten erwartet er nicht. „Es kann sein, dass es dazu kommt. Aber ich rechne eigentlich nicht damit." Er rechne eher damit, "dass die Ukraine im Winter kleine, hochmobile infanteristische Gruppen einsetzt."

Beide Seiten haben Vorkehrungen getroffen. Die Russen haben Schützengräben ausgehoben, als es noch möglich war: im Herbst. Die Ukraine hat von ihren Partnern Winterhilfe bekommen: 195.000 Winterkleidungsstücke aus Großbritannien, etwa 500.000 Winteruniformen aus Kanada, 200 Stromgeneratoren, Zelte und Heizungen aus den USA, 100.000 warme Unterziehjacken, 100 beheizbare Mannschaftszelte, Hunderte mobile Stromerzeuger und Nahrungspakete von der Bundeswehr.

Ukraine-Krieg: Wollen die Russen den Konflikt einfrieren und im Frühjahr losschlagen?

Wenn der Ex-Soldat und Militärexperte Thomas Theiner im "Focus" sagt, die kalte Jahreszeit werde "mehr Russen töten, als die Ukraine es je könnte“, zielt er auf die Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten ab, die bei ihnen schlechter ist.

Die Kälte, der Hunger, Krankheiten, das alles könnte ihnen härter zusetzen als den Ukrainern. Ihre Militärs sind zusätzlich im Vorteil, weil sie kürzere Nachschubwege haben, wie Meißner zu bedenken gibt. Und: "Sie haben die Bevölkerung hinter sich. Sie können sich in den Schützengräben abwechseln und für ein paar Tage in die nächste Stadt fahren."

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Der harte Winter ist normalerweise die beste Jahreszeit für mechanisierte Kriegsführung in der Ukraine, "während der Frühling die Alptraumzeit für Kämpfe in der Ukraine ist“, schreibt das Institute for the Study of War.

Im Herbst hat der Regen die Landschaft in Schlamm verwandelt, im Frühling droht eine Wiederholung. Mit dem Tauwetter schwellen im Frühjahr außerdem Flüsse und Bäche an. So lange dürfte die Ukraine nicht warten, gerade nur so lange, bis der Boden tief gefroren ist. Umgekehrt werden die Russen wohl eher versuchen, ihre Linien bis zum Frühjahr zu halten, um bis dahin ihre Streitkräfte zu verstärken, auszurüsten und besser auszubilden. Das könnte Sie auch interessieren: Hotline hilft Russen, aufzugeben – und sammelt Geheim-Infos

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Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de