Ukraine-Krieg

Hotline hilft Russen, aufzugeben – und sammelt Geheim-Infos

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Miguel Sanches
Putin: Angriffe auf Energieinfrastruktur der Ukraine werden fortgesetzt

Putin: Angriffe auf Energieinfrastruktur der Ukraine werden fortgesetzt

Russlands Präsident Wladimir Putin hat angekündigt, die Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine fortzusetzen. "Ja, das machen wir. Aber wer hat angefangen?", sagte Putin bei einer Veranstaltung im Moskauer Kreml.

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Mit der Hotline "Ich möchte leben" versucht die Ukraine, russische Soldaten zur Aufgabe zu bewegen. 3500 sollen sich gemeldet haben.

Berlin. Der Ukraine-Krieg hat viele Ebenen. Eine davon: die Kampfmoral. "Stell dir eine Frage", heißt es in einem ukrainischen Propagandavideo, "wofür kämpfst Du?" Schon im September schaltete die Regierung in Kiew eine Hotline für Russen frei, die sich ergeben oder gar nicht an die Front wollen. Wie der britische Sender BBC berichtet, wurde sie schon von 3500 Soldaten genutzt, die Hilfe suchen.

Die Hotline mit dem Namen „I want to live“ (dt. „Ich möchte leben“) ist Teil einer Strategie des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der mehrfach versprochen hat,

  • dass es russischen Truppen ermöglicht werde, sich vertraulich zu ergeben;
  • ohne Verpflichtung, mit Gefangenen in Russland ausgetauscht zu werden;
  • und mit der Zusicherung, dass sie in Gefangenschaft gemäß dem humanitären Völkerrecht behandelt werden.

Die Gegenzüge von Kremlchef Wladimir Putin ließen nicht lange auf sich warten. Zum einen verschärfte er die Strafen für Deserteure und Kriegsverweigerer. Zum anderen nimmt er auch Druck raus. So führte Russland zuletzt auffällig viele Gefangenenaustausche durch, was sich das amerikanische Institute for the Study of War damit erklärt, dass er den Unmut im eigenen Land dämpfen will.

Ukraine-Krieg: Abends läuft die Hotline heiß

Mit der Hotline hat die Ukraine auf die russische Mobilisierung reagiert. Selenskyj: "Es ist besser, keinen Einberufungsbrief zu nehmen, als in einem fremden Land als Kriegsverbrecher zu sterben.“ Die Hotline wurde am 19. September angekündigt, damals wohl schon in der Vorahnung oder dem Vorwissen, dass Putin nur zwei Tage später die Mobilisierung von Reservisten in Gang setzen würde. Lesen Sie auch: Zu wenige Soldaten: Moskau schickt Gastarbeiter an die Front

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Auch wenn die BBC in einem Call-Center den Anrufen lauschte und Gespräche aufnahm, auch wenn sie die Mitteilungen verfolgen konnte, die über Messenger-Apps wie Telegram und WhatsApp reinkamen, so sind doch die Angaben und die Behauptungen der Ukraine nicht nachprüfbar. Nach ihren Angaben hat die Hotline eine "starke Reaktion" ausgelöst: Viele Menschen hätten Fragen, angeblich bis zu 100 am Tag. Auch soll ein Telegram-Kanal für die Hotline allein in den ersten zehn Tagen fast 14.000 Abonnenten gewonnen haben.

In den Call-Centern heißt es, dass die Abende am geschäftigsten sind, "wenn die Truppen mehr Freizeit haben und sich davonschleichen und einen Anruf tätigen können". Es scheint aber so zu sein, dass Moskau inzwischen die Telefonnummern für die Erreichbarkeit innerhalb Russlands gesperrt hat. Es melden sich nicht nur Soldaten, sondern auch Angehörige und in vielen Fällen auch Russen, die gerade erst ihren Einberufungsbescheid erhalten haben.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen sich den Fragen und fordern die Soldaten auf, ihren Standort mitzuteilen, bevor sie weitere Anweisungen geben. Unabhängig davon, dass sie Hotline Teil einer Strategie ist, um die russische Kampfmoral zu schwächen, bekommen die Ukrainer womöglich auch wichtige Hinweise auf russische Stellungen.

Ukraine-Krieg: Manche Anrufer wollen nur provozieren

Die Mitarbeiterin des Call-Centers erzählte der BBC, "zunächst hören wir eine Stimme, hauptsächlich männlich“. Oft seien die Soldaten teils verzweifelt, teils frustriert, "weil sie nicht ganz verstehen, wie die Hotline funktioniert". Viele rufen aus Neugierde an. Sie wollen nicht gleich aufgeben, sondern ihre Optionen sondieren. "Es ist jedes Mal anders.“ Und ja, es gebe auch Soldaten, die sich nur meldeten, um zu provozieren.

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Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de