Exklave

Streit um Kaliningrad-"Blockade": Kreml sinnt auf Rache

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Stefan Scholl
Kaliningrad gehörte bis 1945 zu Ostpreußen und hieß Königsberg. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs fiel das Gebiet an Russland.

Kaliningrad gehörte bis 1945 zu Ostpreußen und hieß Königsberg. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs fiel das Gebiet an Russland.

Foto: Maykova Galina / Shutterstock/Maykova Galina

Weil Litauen die EU-Sanktionen umsetzt, ist Russland erzürnt – und spricht von "Blockade". Hardliner reden über Atomwaffeneinsatz.

Moskau. Seit vergangenem Freitag verweigert Litauen russischen Zügen, die Baumaterial, Zement, Metalle und Hochtechnologie aus Russland in dessen Kaliningrader Exklave bringen wollen, die Durchfahrt. Litauen betont, man befolge damit schlicht das am 17. Juni in Kraft getretene EU-Sanktionspaket gegen Russland.

Moskau reagierte wütend. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach von einem Verstoß gegen „alles und jedes“. Das Außenministerium bestellte erst die litauische Bevollmächtigte, dann den EU-Botschafter ein. Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa drohte Litauen und dem Westen „bedauerliche Folgen“ an. Diese könnten russische Lieferungen nicht nur in, sondern auch durch die EU-Länder betreffen und die Lebensmittelsicherheit weltweit infrage stellen.

Der als Hardliner geltende Sekretär des russischen Sicherheitsrates, Nikolai Patruschew, klagte, die Lage in der baltischen Region sei von einer Massierung der Nato-Streitkräfte und von beispiellosem politischen, informativen und wirtschaftlichen Druck des Westens geprägt. Auf solch „feindselige Handlungen“ wie die Teilfrachtblockade Kaliningrads werde Russland unbedingt reagieren. „Es wird ernsthafte negative Auswirkungen für die Bevölkerung Litauens geben.“

Erneute Drohung mit Atomwaffen

Der russische Senator Andrei Klimow sprach ebenfalls von einer „Blockade“, die man „als direkte Aggression gegen Russland“ bewerten könne, „die uns buchstäblich zur umgehenden Selbstverteidigung zwingt“.

Kaliningrad, das bis 1945 zu Ostpreußen und dem Deutschen Reich gehörte, ist keine wirkliche Exklave, weil es eine offene Meerverbindung zu Russland besitzt. Aber Alexander Nossowitsch, Kaliningrader Politologe, redet schon davon, eine „vollständige Blockade“ werde den Einsatz russischer Atomwaffen rechtfertigen.

Hetze im Kremls, Gelassenheit in Kaliningrad

Der Duma-Abgeordete Oleg Morosow denkt derweil laut darüber nach, einen Landkorridor freizuschlagen. Dazu müssten russische Truppen die 66 Kilometer schmale „Suwalki-Lücke“ zwischen dem Gebiet Kaliningrad und Belarus entlang der litauisch-polnischen Grenze einnehmen, dann wären die drei baltischen Nato-Staaten Litauen, Lettland und Estland von Polen und Europa auf dem Landweg getrennt. In Moskau wird auch spekuliert, Russlands Luftwaffe könne den Luftraum über Litauen kapern und Kaliningrad mittels Frachtmaschinen versorgen.

In der Exklave selbst herrscht währenddessen Gelassenheit. Man habe eigenen Strom und eigene Lebensmittel, erklärte Gouverneur Anton Alichanow. Treibstoff, Zement, Kohle, sowie Metalle kämen über den Seeweg. Sogar Touristen gebe es genug. Die Entscheidung Litauens sei zwar ein grober Verstoß gegen die Verträge zwischen der EU und Russland. Man werde darauf drängen, dass die europäischen Nachbarn ihr Verhalten ändern. „Wenn das nicht rasch gelingt, wir sind schon jetzt dabei, neue Schiffe auf der Ostsee bereitzustellen.“ Sie würden die unter die EU-Sanktionen fallenden Waren künftig aus dem Leningrader Gebiet in den Kaliningrader Hafen Baltijsk schaffen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.