Gewalttaten

Berlin und Hamm: Wie besserer Schutz vor Amoktätern gelingt

| Lesedauer: 11 Minuten
Christian Unger
Todesfahrt in Berlin war offenbar "Amoktat"

Todesfahrt in Berlin war offenbar "Amoktat"

Nach der Todesfahrt eines 29-Jährigen in Berlin spricht Innensenatorin Iris Spranger von einer "Amoktat". Der Mann war mit seinem Auto in eine Schulklasse aus Hessen gerast, eine Lehrerin wurde dabei getötet, mehrere Schüler wurden teils lebensgefährlich verletzt. of injured people and firefighters

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Todesfahrt in Berlin, Messerangriff in Hamm und Esslingen. Amoktaten erschüttern. Dabei gibt es Warnsignale, die Gewalttäter senden.

Berlin. Stunden rang die junge Frau mit ihrem Leben. Ärzte operierten ihre Verletzungen, mehrfach hatte der Täter auf die 30-Jährige eingestochen. Er war in den Hörsaal der Hochschule Hamm gelaufen, bewaffnet mit zwei Küchenmessern, verletzte erst drei Studenten. Die 30 Jahre alte Frau aus Essen war Lehrende an der Hochschule. Alles waren „Zufallsopfer“, wie die Staatsanwaltschaft später mitteilt.

Die Ermittler gehen von einer „Amoktat“ aus. In der Wohnung im Studentenwohnheim entdeckte die Polizei „zahlreiche Psychopharmaka“ des 34 Jahre alten Tatverdächtigen. Der Mann habe sich von „einer Gruppe mit dem Leben bedroht“, sagt ein Staatsanwalt. Doch tot ist nun die junge Dozentin aus Essen. Sie starb an ihren Schnittwunden.

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Nur zwei Tage zuvor: Tatort Breitscheidplatz in Berlin – ein 29-Jähriger rast mit dem Renault Clio seiner Schwester in eine Menschenmenge am Kurfürstendamm. Auch hier der Verdacht: Amok. Februar 2020: Ein Täter fährt in einen Karnevalsumzug in Volkmarsen, verletzt mehr als 100 Menschen. Dezember 2020: Ein Mann rast im Geländewagen durch Trier, tötet fünf Menschen.

Polizisten: Streifen im Einsatz treffen immer häufiger auf psychisch erkrankte Gewalttäter

Erst im Januar 2022 stirbt eine junge Studentin bei einem Amoklauf in einem Hörsaal der Universität Heidelberg. Und am selben Tag wie die Tat von Hamm nimmt die Polizei in Baden-Württemberg einen jungen Niederländer fest, der an einer Esslinger Grundschule eine Frau und ein Mädchen mit einem Messer schwer verletzt haben soll.

Ranghohe Polizisten berichten unserer Redaktion, dass Streifen im Einsatz immer häufiger mit psychisch erkrankten Gewalttätern zu tun haben. Emanuel Schmidt, Leiter der Deutschen Justiz-Gewerkschaft und selbst Bewährungshelfer, sagt: „Auch wir spüren im Justizbetrieb, dass psychische Erkrankungen zunehmen.“

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Britta Bannenberg ist Kriminologin an der Uni Gießen. Sie betreibt eine der wenigen profilierten Beratungsnetzwerke zur Amok-Prävention. Auch sie sagt: „Ich erlebe in meiner Arbeit gerade eine noch nie dagewesene Welle an Meldungen. Täglich rufen bei uns zwei bis drei Menschen an, immer häufiger sind darunter Studierende.“

Psychisch Kranke sind nicht gewaltbereiter als der Durchschnitt der Menschen

Es ist ein besorgniserregender Trend. Für Fachleute ist klar: Die scharfen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie haben psychische Erkrankungen anwachsen lassen. Auch der Ukraine-Krieg kann auf einen labilen Menschen enorm belasten.

Psychisch Kranke sind nicht gewaltbereiter als der Durchschnitt der Menschen, sagt die Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin, Isabella Heuser, jetzt der Deutschen Presse-Agentur. Auch laut der Kriminalpsychologin Karoline Roshdi, die unter anderem zum Umgang mit bedrohlichem Verhalten und zur Prävention schwerer Gewalt berät, wird nur rund ein Drittel aller Amoktaten von Menschen mit psychischen Störungen begangen.

Amokläufe sind – trotz der aktuellen Vorfälle – extrem seltene Situationen. Der Umgang damit aber ist hochbrisant: Bei einer Amoktat sterben oft mehrere Menschen, viele sind verletzt, auch Passanten und Helfer können traumatisiert werden. Das zu schützende Gut der Sicherheit wiegt schwer.

„Amoktäter planen ihre Taten in der Regel über einen längeren Zeitpunkt“

Und Kriminologin Bannenberg räumt mit einem Vorurteil auf: Amoktaten könne man nicht verhindern – so heißt es oft. Machtlosigkeit hallt oft am längsten nach einer Tat nach. Und manche Politiker überschlagen sich mit Forderungen nach einer Aufrüstung der Sicherheit. Oder gleich mit einem Fahrverbot in Innenstädten, um Amokfahrten gar nicht erst möglich zu machen.

Dabei gebe es Warnsignale, sagt Bannenberg. „Amoktäter planen ihre Taten in der Regel über einen längeren Zeitpunkt, isolieren sich, sind Einzelgänger.“ Und oft kündigen sie ihre Tat indirekt an. Mache ein Mensch mit schweren psychischen Problemen auffällige Äußerungen – dann müsse man das „sehr ernstnehmen“. Etwa: „Sowas wie in Texas sollte auch hier mal passieren“. Unlängst gab es dort ein Amoklauf an einer Schule, 19 Kinder und zwei Lehrerinnen wurden getötet. Oder eine Person äußere nach nach einem solchen Amoklauf: „Die haben es nicht anders verdient.“

Einzelne dieser Äußerungen scheinen für Bekannte oder Familie vielleicht schwer einschätzbar, sagt die Kriminologin. „Doch das Gesamtbild einer möglicherweise gefährlichen Person, die eine Amoktat plant, ist oft ein deutliches Warnsignal.“

„Männlich, häufiger deutsch ohne Migrationshintergrund, sozial auffällig“

Seit vielen Jahren forscht Bannenberg zu Amoktaten. Ihr Beratungsnetzwerk gilt als vorbildhaft für die Sicherheitsbehörden. In einem aktuellen Aufsatz für die Fachzeitschrift „Kriminalist“ skizziert sie Täterprofile erwachsener Amoktäter: „Männlich, häufiger deutsch ohne Migrationshintergrund, sozial auffällig im Sinne von querulatorisch, unangenehm im Umgang, Einzelgänger, Sonderling“.

In einigen Fällen sei der Amokläufer an einer paranoide Schizophrenie erkrankt. Häufiger aber liege keine psychische Störung zugrunde, aber „paranoide“ und „narzisstische“ Persönlichkeitsstörungen. „Erwachsene sind misstrauisch, unverträglich, kränkbar, nachtragend und fühlen sich ständig angegriffen.“

Groll und Wut könne sich in Tötungsfantasien wandeln. Oftmals lösen Berichte über Amoktaten etwas bei potenziellen Tätern aus, können sie „triggern“. Auch politische Ereignisse, Kriege, Konflikte können Tatendrang bestärken.

Bannenberg schildert einen Fall: Ein junger Student aus Nordrhein-Westfalen ruft bei ihrem Netzwerk an. Er ist besorgt, ein Mitstudent verhalte sich „sonderbar“, sei ein Einzelgänger, der ihm aber anvertraut habe, dass er die Menschen hasse und sich vorstelle, wie in einem Ego-Shooter-Computerspiel Menschen zu erschießen.

Der Anrufer sei derart verunsichert gewesen, dass er sogar an eine Universität in einer anderen Stadt wechselte. Zuvor hatte er noch die Polizei informiert. Doch dort habe man nur gesagt, den Beamten seien in solchen Fällen die Hände gebunden. Erst als Bannenbergs Beratungsstelle Druck machte, kam Bewegung in die Dienststelle, der Fall wurde überprüft.

„Die Menschen wandern in die Großstädte ab, der Alltag ist zunehmend anonymisiert“

Bannenbergs Analyse zeigt auch: Nicht die Polizei kann diese Warnzeichen erkennen. Nicht Ermittler sind der beste Schutz vor Amok. Es ist das Umfeld eines potenziellen Täters, Bekannte, Familie, Nachbarn, Kommilitonen und Mitschüler. Ähnlich sieht es Bewährungshelfer Schmidt: „Die Menschen wandern in die Großstädte ab, der Alltag ist zunehmend anonymisiert. Da geht diese wichtige Kontrolle aus dem sozialen Umfeld verloren. Das ist ein Risikofaktor für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Darauf hat die Politik bisher zu wenig reagiert.“

Das soziale Umfeld als Frühwarnsystem – die Behörden als Interventionsmacht. So sieht Amok-Prävention aus, im Idealfall. Der Fall des Studenten aus Nordrhein-Westfalen zeigt jedoch auch, wie häufig Beamte in örtlichen Dienststellen mit der Prüfung der Aussagen von besorgten Mitmenschen überfordert seien, sagt Bannenberg. Sie fordert polizeiinterne Beauftragte für Amok-Warnungen, und das in jeder großen Dienststelle.

Bisher gibt es neben Bannenbergs Netzwerk einzelne Pilotprojekte. In Nordrhein-Westfalen endete gerade die Testphase von „PeRiskoP“, einer Risikobewertung von Einzelfällen durch Kriminalpolizisten.

66 verdächtige Personen habe die Polizei in einem Jahr überprüft, analysierte die Psyche des Menschen, seine Affinität zu Gewalt, mögliche Ankündigungen von Taten. Darunter etwa ein junger Mann, der wiederholt Bücher zum Thema ‚Amok‘ ausgeliehen habe. „Im Internet hatte er zudem Amoktaten angedroht“, schreibt die Polizei NRW. Der Mann kam schließlich Behandlung, sei „stabilisiert“ worden.

Menschen aus ihrem Wahn holen, ihre Gedankenspiralen unterbrechen

In Bayern gibt es ein erstes Modell für eine Präventionsambulanz für potenzielle Amoktäter. In Ansbach kümmern sich Fachärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und Pflegekräften über die wenigen, aber gravierenden Fälle, in denen psychisch Erkrankte ein „Risikoprofil“ entwickeln. Das Ziel: Menschen aus ihrem Wahn holen, ihre Gedankenspiralen unterbrechen. Und so: Gewalttaten verhindern.

Es sind Projekte, die zeigen, dass Deutschland durchaus Erfolge im Kampf gegen Amoktaten hat. Viele Taten konnten verhindert werden. Und doch fehlt es an Therapieplätzen, an Klinikbetten, an Fachleuten. Gewerkschafter Schmidt berichtet aus seinem Alltag mit psychisch auffälligen Straftätern: „Kliniken lehnen Aufnahmen von Patienten oftmals ab, weil keine Gefährdung der Person oder Dritter vorliegt.“ Oftmals würden Krankenhäuser „schnell ihre Betten für neue Patienten freibekommen“. Erkrankte würden zu früh entlassen. „In Einzelfällen haben diese Blitzentlassungen fatale Folgen.“

Gegen den Mangel in der Psychotherapie hat die Politik bisher wenig getan. Ähnlich wie bei der Pflege herrscht Fachkräftemangel. Und nicht nur da hakt es massiv. Auch beim wichtigen Thema Waffenbesitz. Denn Amoktaten verlaufen immer dann besonders schlimm, wenn der Täter über Schusswaffen verfügt.

Der SPD-Innenexperte Sebastian Fiedler hat einen Vorschlag: Er will, dass die Sachbearbeiter alle deutschen Behörden und Ämter auf einfachem Weg eine Meldung an das nationale Waffenregister machen können, wenn ihnen eine Person deutlich psychisch auffällig ist. Das Register ist beim Bundesverwaltungsamt angesiedelt. Die Mitarbeitenden dort könnten „sofort prüfen“, ob diese Person eine Waffenerlaubnis hat – und die Behörden veranlassen, die Verlässlichkeit des Besitzers zu kontrollieren. Als letzter Schritt: Waffenentzug.

Zwei Tage vor der Messerattacke soll der Mann einen Suizidversuch unternommen haben

Die SPD hat in der vergangenen Legislaturperiode einen solchen Vorstoß für ein schärferes Waffenrecht gemacht. Doch der Gesetzentwurf scheiterte – auch am Einfluss der Waffenlobby auf die Union, sagt Fiedler.

Gegen einfach zu beschaffende Waffen wie Küchenmesser oder ein Auto hilft das nicht. Der Täter von der Hochschule in Hamm besorgte sich die Messer kurz vor der Tat. Er war der Polizei schon im April aufgefallen. Er hat laut Ermittlern Anzeige erstattet, weil er sich verfolgt gefühlt habe.

Und nur zwei Tage vor der Messerattacke soll der Mann einen Suizidversuch unternommen haben und kam in eine psychiatrische Klinik. Am Freitagmittag habe er sich dort selbst entlassen, heißt es. Warnsignale für die Amoktat hatte es gegeben, offenbar. Sie wurden sogar gehört. Doch das Frühwarnsystem aus Umfeld, Polizei und Klinik hat die Tat nicht verhindert. Die Ermittlungen dauern an.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.