Kommentar

Im Zeitalter der Risiken führt nur ein Weg nach vorne

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Michael Backfisch
Ukrainischer Botschafter Melnyk im Interview mit FUNKE

Ukrainischer Botschafter Melnyk im Interview mit FUNKE

"Es scheint, dass die Bundesregierung nicht den Willen hat, uns so schnell wie möglich mit schweren Waffen zu helfen", sagt Andrij Melnyk im Gespräch mit FUNKE Chefredakteur Jörg Quoos und Politikressort-Leiter Jochen Gaugele. Die stärksten Zitate des Interviews im Video.

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Krieg, Hunger, Klimawandel: Das 21. Jahrhundert ist ein Zeitalter der Krisen. Nur ein Weg wird in die Menschheit in Sicherheit führen.

Berlin.  Als ob die Corona-Pandemie nicht gereicht hätte. Mehr als zwei Jahre lebte die Welt im Krisenmodus. Kontaktbeschränkungen, Schulunterricht per Video, dann Reisen mit Virusalarm: Es war eine Kette von Horrornachrichten. Mit der sinkenden Zahl der Einweisungen in die Intensivstationen machte sich zuletzt so etwas wie Erleichterung breit.

Mitten in die Entspannung hinein platzt die Warnung des Chefs der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus: Die Pandemie sei noch lange nicht vorbei. Weitere Krisen kommen dazu. Der Ukraine-Krieg schürt die Angst vor einer großen Konfrontation zwischen Russland und der Nato. Die scharfen Sanktionen des Westens gegen die nukleare Supermacht im Osten treiben die Preise für Öl, Gas sowie Lebensmittel nach oben. Bereits die gestörten weltweiten Lieferketten im Zuge der Pandemie hatten viele Waren verteuert.

Giftige Krisen-Mischung

Doch damit nicht genug. Die Welt hat nicht nur mit einer Abfolge von Krisen zu kämpfen, sie befindet sich vielmehr in einer systemischen Krise. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri warnt jetzt vor einem „neuen Zeitalter der Risiken“. Der Klimawandel, Umweltkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen, Knappheit an Rohstoffen, das Aussterben von Arten und die Gefahr von Konflikten und Kriegen führten zu einem tödlichen Mix.

Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) ist die Zahl der Mi­granten weltweit erstmals auf über 100 Millionen angestiegen. Das Schlimme daran: Die politischen Entscheidungsträger sind hierauf nicht vorbereitet. Schwedens frühere Außenministerin und EU-Umweltkommissarin Margot Wallström kommt zu dem Schluss: „Die Mischung ist giftig, tiefgreifend und schädlich. Und In­stitutionen mit der Macht, Lösungen zu finden, wachen viel zu langsam auf.“

Politik mit sich selbst beschäftigt

Die Politik – nicht nur hierzulande – erschöpft sich zu oft in Symbolaktionen, die allenfalls Parteiinteressen dienen, aber nicht dem Wohl der Bürger. Die Debatte über die Einführung der Pkw-Maut, die die CSU wider alle europarechtlichen Einwände befeuerte, endete nicht nur in einem millionenschweren Fiasko. Sie wurde auch zum krachenden Misserfolg von Verkehrsminister Andreas Scheuer, der im Stil eines Geisterfahrers bis zum Schluss an dem Projekt festhielt.

Hinzu kommt das konzeptionelle Versagen der Politik. Die fulminante Energie-Abhängigkeit Deutschlands von Russland ist ein Beispiel hierfür. Jeder vernünftige Kapitalanleger weiß: Man muss Risiken streuen, sprich Energie-Importe möglichst breit verteilen. Trotz der russischen Militär-Interventionen in Tschetschenien, Georgien, in der Ukraine oder in Syrien missachtete eine Bundesregierung nach der anderen diesen Grundsatz.

Nur zusammen sind wir sicher

Um die großen Krisen dieser Zeit anzupacken, bedarf es Klarheit, Kommunikation und internationaler Vernetzung. Dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist der Westen entschlossen entgegengetreten, trotz unterschiedlicher Geschwindigkeiten bei Waffenlieferungen und Sanktionen. Das ist wichtig, denn die Weltordnung – verbindliche Regeln oder das Recht des Stärkeren – steht auf dem Spiel.

Andere Themen erfordern globale Zusammenarbeit. Der Kampf gegen den Klimawandel, die Eindämmung von Corona und anderen Pandemien kann nur gelingen, wenn es viel stärker als heute zu grenzüberschreitender Kooperation kommt. Der Gedanke muss sein: Wir sind nur sicher, wenn alle sicher sind. Die Politik sollte sich in viel höherem Maße der Vermeidung künftiger Krisen widmen – von Krankheit, Hunger, Klima bis hin zu Krieg. Nur reagieren reicht nicht.

Dieser Artikel erschien zuerst bei waz.de.