Mariupol

Ukraine-Krieg: Selenskyj gibt letzte Bastion in Mariupol auf

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Miguel Sanches
Moskau: 1730 Asowstahl-Kämpfer haben sich ergeben

Moskau: 1730 Asowstahl-Kämpfer haben sich ergeben

Nach langem verzweifelten Widerstand haben in dieser Woche nach russischen Angaben insgesamt 1730 ukrainische Soldaten aus dem belagerten Asow-Stahlwerk in Mariupol aufgegeben. Die Ukraine hofft auf einen Austausch der Gefangenen.

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Der ukrainische Präsident gibt die letzte Bastion in Mariupol auf: Kämpfer im Stahlwerk sollen sich ergeben. Werden sie ausgetauscht?

Berlin. 600 Kämpfer haben sich bis zuletzt im Asow-Industriekomplex in Mariupol verschanzt. Viele ihrer Kameraden hatten sich bereits in den letzten Tagen ergeben – 1908 Soldaten nach russischen Angaben.

Nun ist die endgültige Kapitulation wohl beschlossene Sache. Am Freitag wies die ukrainische Militärführung die Kämpfer des Asow-Regiments an, die letzte Bastion des Widerstands in Mariupol aufzugeben. Asow-Kommandeur Denys Prokopenko sagte in einem am Freitag veröffentlichten Video, das höhere Militärkommando habe befohlen, "das Leben der Soldaten unserer Garnison zu retten“

Azovstal-Werk: Selenskyj will "unsere Jungs retten"

Die ersten 260 ukrainische Soldaten hatten am Montag Abend das Azovstal-Werk verlassen. Sie begaben sich in russische Gefangenschaft. Sie haben keine schlechte Chance, diese bald und vor allem lebend zu verlassen.

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Zwar heiß es zuletzt in Moskau nur, sie würden nach internationalen Standards behandelt. Aber angepeilt wird ein Austausch – eine Abmachung zwischen zwei Kriegsgegnern. Für diese Annahme spricht, dass auch einige internationale Vermittler daran beteiligt waren, etwa das Rote Kreuz und die UNO.

In Kiew betonte Präsident Wolodymyr Selenskyj zuletzt, die Ukraine brauche ihre Helden lebend. "Wir hoffen, dass wir das Leben unserer Jungs retten können." Das Asow-Regiment, das dem russischen Angriff auf die Hafenstadt fast drei Monate lang standhielt, wird im eigenen Land bewundert und international wegen seiner ultranationalistischen Identität allerdings misstrauisch beäugt. Auch interessant: Mariupol: Aufnahmen zeigen Leben im Asow-Stahlwerk

Die Kämpfer verließen den Industriekomplex am Montagabend in Bussen. 211 Soldaten kamen in Oleniwka in Gefangenschaft. Ihre 53 schwerverletzten Kameraden sollen in der nahen, von prorussischen Separatisten kontrollierten Stadt Nowoasowsk in der Ost-Ukraine medizinisch behandelt werden. Später sollen alle gegen russische Gefangene ausgetauscht werden, wie die stellvertretende ukrainische Verteidigungsministerin Hanna Maljar in einer Videobotschaft erklärte.

Azovstal in Mariupol: Putin selbst befahl die Blockade

Eine Erstürmung des Stahlwerks haben die russischen Truppen gar nicht erst versucht. Sie scheuten Verluste. Denn militärisch sind die Verteidiger im Vorteil. Vor laufender Kamera hatte Russlands Präsident Wladimir Putin seinen Militärs befohlen, "blockiert diese Industriezone so, dass nicht einmal eine Fliege rauskommt". Alle Zugänge wurden versperrt, seit Wochen stand der Industriekomplex unter Dauerbeschuss.

Auch die ukrainischen Militärs haben die Nerven bewahrt und sich auf kein Himmelfahrtskommando eingelassen, um die Blockade zu durchbrechen und die eingekesselten Soldaten freizukämpfen. Im Gegenteil.

Mariupol-Soldaten: "Kampfauftrag erfüllt"

So lange sie in dem Stahlwerk mit mehreren unterirdischen Etagen Widerstand leisteten, haben sie russische Truppen gebunden. Maljar notiert auf Facebook, dank den Verteidigern von Mariupol habe man "wichtige Zeit für die Formierung von Reserven, eine Kräfteumgruppierung und den Erhalt von Hilfe von unseren Partnern erhalten". Der Generalstab hielt militärisch knapp fest: Die Soldaten hätten "ihren Kampfauftrag erfüllt".

Zuletzt wandten sich mehrere Ehefrauen der Kämpfer an die Öffentlichkeit. "Die Stimmung ist pessimistisch, weil es fast keine Hoffnung auf Rettung gibt", sagte die Frau eines Kämpfers in dem Interview. "Sie bereiten sich auf den letzten Kampf vor, weil sie nicht an eine diplomatische Lösung glauben." Dabei hatte es durchaus viele politische Bemühungen gegeben. Die Regierung in Kiew hatte stets gefordert, die Soldaten in der letzten ukrainischen Bastion in ein Drittland zu überstellen. Dafür hatte sich die Türkei angeboten.

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Dieser Artikel erschien uerst auf www.waz.de.