Roland-Berger-Chef

China, Russland, USA: Warum Europa unabhängiger werden soll

| Lesedauer: 6 Minuten
Björn Hartmann
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Roland-Berger-Chef Stefan Schaible über die Abhängigkeit von China, das Ende der Globalisierung und Chancen der deutschen Wirtschaft.

München. Jahrzehnte hat die Exportnation Deutschland sehr gut vom Welthandel gelebt. Doch gerade ändert sich viel für das deutsche Geschäftsmodell. Pandemie und der Angriff Russlands auf die Ukraine legen Abhängigkeiten offen – von China, von Russland. Und für Stefan Schaible, Sprecher des Vorstands der deutschen Beratungsfirma Roland Berger, auch von den USA.

Er erwartet nachhaltigen Wandel in der Weltwirtschaft, dass Politik und Wirtschaft künftig enger zusammenarbeiten und dass die EU endlich souveräner auftritt. Das sind die Gründe.

Seit Wochen stauen sich vor Shanghai, dem größten Hafen der Welt, die Schiffe. China hat die Stadt wegen eines Corona-Ausbruchs in Quarantäne geschickt – und weltweit fehlen Teile, weil Waren nicht ausgeführt oder umgeladen werden können. Belastend für die Weltwirtschaft kommt der Krieg in der Ukraine hinzu, einschließlich umfangreicher Sanktionen. Vor allem Deutschland erfährt, wie abhängig es sich von einzelnen Staaten gemacht hat.

Gestörte Lieferketten: Das sind die Folgen für Verbraucher

„Ein Stück weit wird die Globalisierung gerade zurückgedreht“, sagt Schaible. „Etwa weil die Lieferketten für viele Waren und Vorprodukte gestört sind. Firmen suchen zusätzliche Lieferanten, um ihre Abhängigkeit zu verringern.“ Mit Folgen auch für die Verbraucher. „Das Umgestalten der Lieferketten bedeutet strukturell mehr Kosten, was die Preise der Produkte erhöht. Und das treibt wiederum die Inflation.“ Und die ist in Deutschland und Europa mit zuletzt 7,4 und 7,5 Prozent ohnehin hoch.

Gleichzeitig muss sich das Selbstverständnis der Wirtschaft ändern. „Wir erleben das Ende einer Phase, in der die Wirtschaft sich nicht für Politik interessiert hat, weil der Welthandel funktionierte und wuchs“, sagt Schaible und meint auch die deutschen Unternehmen. „Künftig werden Wirtschaft und Politik mehr zusammenarbeiten müssen.“

Eine Folge davon aus seiner Sicht: „Es könnte eine Renaissance geben für gut gemachte Handelsabkommen.“ Der Roland-Berger-Chef nannte kein Beispiel. Ceta, das Abkommen zwischen EU und Kanada, haben noch nicht alle EU-Staaten unterzeichnet. Die Gespräche zu TTIP, dem umstrittenen Abkommen mit den USA, ruhen seit 2016.

Dafür muss die EU über ihre Rolle nachdenken. „In der Krise, wie jetzt, steht die EU immer gut zusammen. Aber das wird in Zukunft nicht reichen“, sagt Schaible. Die EU müsse schneller werden. „Deshalb brauchen wir eine Reform der Staatengemeinschaft. So sollte die Einstimmigkeit bei Beschlüssen in wichtigen Bereichen fallen. In der Regel blockiert der langsamste. Das bremst die EU. Das müssen wir ändern.“ So verzögert Ungarn gerade das Ölembargo gegen Russland.

„Die Euro-Zone sollte den Euro offensiver als Leitwährung propagieren“

Auch sonst fordert der Chef von Roland Berger ein stärkeres Europa. „Europa muss deutlich eigenständiger werden, angetrieben von einem starken Frankreich und Deutschland, und sich souveräner aufstellen, auch in Bezug auf unsere Freunde in den USA.“

Ein wichtiger Hebel ist für ihn dabei die Gemeinschaftswährung. „Die Euro-Zone sollte den Euro offensiver als Leitwährung propagieren, zum Beispiel den Rohstoffhandel in Europa und mit Europa künftig in Euro abwickeln, nicht mehr in Dollar.“ Bisher werden Rohstoffe wie Öl und Gas, Gold und Kupfer in der US-Währung gehandelt, ein Grund, warum sie weltweit so wichtig ist. Weiterlesen: Diese Rohstoffe aus Russland fehlen der deutschen Industrie

Vor allem außenpolitisch sieht der Chef von Roland Berger die EU stärker gefordert. „Die EU braucht eine gemeinsame aktive Außenpolitik. Wir haben zulange alles den Amerikanern überlassen und unsere Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen. Das sind weiter unsere Partner, aber Europa sollte seinem Gewicht entsprechend auftreten.“

Und auch Deutschland sollte außenpolitisch stärker auftreten. „Wir waren zurecht jahrzehntelang zurückhaltend, doch jetzt ist die Lage grundsätzlich anders. Wichtig ist eine entschlossene, aber auch kluge Form. Und vor allem: besonnenes Vorgehen.“

Klimawandel: Diese Chancen gibt es für die deutsche Wirtschaft

Für die Zukunft sieht Schaible große Chancen: „Der Druck, beim Klimawandel gegenzusteuern, kann wie ein Booster auf die deutsche Wirtschaft wirken.“ Dafür muss einiges getan werden. Denn: „In den vergangenen zehn Jahren ist es uns sehr gut gegangen. Die Zeit ist vorbei. Jetzt sind wir verdammt zu Innovation.“ In großem Umfang und bei Umweltthemen. „Die Welt schaut auf Europa, auf Deutschland“, behauptet Schaible. „Wir haben eine enorme Glaubwürdigkeit. Dieses Moment müssen wir nutzen.“

Ihm geht und ging es nicht schnell genug. „Wir haben die vergangenen Jahre beim Thema erneuerbare Energien geschlafen. Da muss es jetzt eine Explosion geben.“ Die Ampelkoalition sei auf dem richtigen Weg, regulatorisch seien bereits viele Weichen gestellt, jetzt gehe es um die breite Umsetzung in fast allen Bereichen. Mehr zum Thema:Energiewende: Mehr Tempo für Strom aus Sonne und Wind

Und auch für die Firmen ist Schaible zuversichtlich. „Die deutschen Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit ihrem Energieverbrauch, arbeiten an nachhaltigeren Materialien, Recycling, neuen Technologien. Es sind nur wenige Unternehmen, die das noch nicht verstanden haben.“

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Diese drei Szenarien sieht Schaible für die Wirtschaft

Abhängig ist alles davon, wie sich die Lage in der Ukraine und in China verändert, dass gerade in seiner Null-Covid-Strategie gefangen scheint und die eigene Wirtschaft gefährdet: Für die nahe Zukunft sieht Schaible drei Szenarien: „Das positivste ist, dass der durch russische Aggression verursachte Krieg in der Ukraine schnell endet, weil Russlands Präsident Putin einlenkt oder jemand seinen Posten übernimmt. Und Chinas Wirtschaft entwickelt sich günstig – trotz Corona-Pandemie.“

Im zweiten Szenario zieht sich der Krieg in der Ukraine lange hin. Der Roland-Berger-Chef findet: „Herausfordernd für die deutsche Wirtschaft, aber noch nicht dramatisch, vor allem wenn China sich fängt.“ Szenario drei ist aus seiner Sicht am kritischsten: „Zieht sich der Ukraine-Krieg hin und geht es mit der chinesischen Wirtschaft abwärts, rutschen wir sicher in eine Rezession.“ Weiterlesen: Energiekrise: Kommen jetzt die autofreien Sonntage wieder?