Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg: Die größten Fehler der russischen Armee

| Lesedauer: 7 Minuten
Miguel Sanches
Charkiw: Ukrainische Armee stößt angeblich bis an russische Grenze vor

Charkiw: Ukrainische Armee stößt angeblich bis an russische Grenze vor

Die ukrainische Armee ist nach eigenen Angaben nahe der Millionenstadt Charkiw bis an die russische Grenze vorgestoßen. Im Donbass gab es dagegen neue Angriffe der russischen Truppen.

Beschreibung anzeigen

Die Spezialoperation ist das Werk eines Hasardeurs und voller Fehler. Putin ist auf der Verlierestraße. Zwei Trümpfe bleiben ihm noch.

Berlin. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hält es für möglich, dass Russland den Ukraine-Krieg verliert. "Die Ukraine kann diesen Krieg gewinnen." Zu Beginn der Invasion vor bald drei Monaten haben viele Experten die russischen Truppen überschätzt und die ukrainischen Soldaten um Oberbefehlshaber grob unterschätzt. Die größten Fehler der russischen Armee – und was daraus folgen könnte.

Bevor Heinrich Brauß Generalleutnant wurde und es bis zum internationalen Stab der Nato schaffte, war er beim Heer, in der Artillerie. Später kommandierte er das Panzerartilleriebataillon 165 der Bundeswehr. Ihn erreichen wir am 24. Februar zu Hause, wenige Stunden nach Beginn der Invasion. Über Russlands Präsidenten Wladimir Putin sagt er spontan, "sein Vorgehen erscheint mir so hasardeurhaft, dass ich es kaum glauben will." Die Ukraine zu unterwerfen, sei ein risikoreiches Unterfangen. "Eine solche Operation könnte sehr blutig werden und länger andauern."

Ein Hasardeur ist jemand, der verantwortungslos handelt; alles aufs Spiel setzt. Das endgültige Urteil hängt mithin schlicht vom Erfolg ab. Dem Magazin "Time" hat Präsident Wolodymyr Selenskyj erzählt, wie knapp er und seine Familie in Kiew der Gefangenschaft entkommen sind. Putin war nah dran an seinem Ziel und vom Vorgehen total überzeugt. Dem früheren EU-Kommissionspräsidenten Jose Manuel Barroso hatte er schon 2014 gesagt, "wir können Kiew in weniger als zwei Wochen einnehmen."

Ukraine-Krise - Alle News zum Konflikt

Putins Fehler: Kein Plan B, Scheitern keine Option

Putins erster Fehler war die Annahme, den Kriegs als Spezialoperation führen zu können. Im Westen hält man den Begriff für eine Ablenkung von der Wahrheit. Ist er auch. Aber womöglich verrät er zugleich etwas über das Denken des Kremlchefs. Sein zweiter und verheerender Fehler war, keinen Plan B zu haben. Scheitern war keine Option. Das verrät Hybris, den Hochmut, der vor dem Fall kommt. Alle weiteren Fehler folgen daraus:

  • Zu wenig Soldaten, die obendrein nicht wussten, was sie erwartete. Die russischen Einheiten rückten vor, ohne mit Widerstand zu rechnen – deshalb erlitten sie furchtbare Verluste.
  • Die ukrainische Luftwaffe und Luftabwehr wurden nicht vollständig ausgeschaltet, die zahlenmäßig erdrückende Überlegenheit der russischen Luft-Streitkräfte nicht ausgenutzt.
  • Nachschub, technische Wartung, Koordination und Kommunikation wirkten planlos.

Bis heute diskutieren Experten, ob das Scheitern der Russen die Folge eines schlechten Plans oder einer schlechten Armee ist. Fakt ist: Fehler rächen sich, zumal die Verteidiger der Ukraine sich als das Gegenmodell entpuppt haben: Sie wussten, was auf sie zukam und wofür sie kämpfen.

Sie haben nicht nur die bessere Kampfmoral, sondern waren und werden besser vorbereitet: mit mehr, zunehmend schweren modernen Waffen gerade aus dem USA, nicht zuletzt mit Geheimdienstinformationen. Offenbar machten sie gezielte Attacken auf russische Generäle möglich.

Putins dritter Fehler war, die Ukraine zu unterschätzen. Da haben seine Geheimdienste versagt. Nicht zufällig rollen dort die Köpfe. Der vierte große Fehler geht auf seine Kappe: Er hat den Westen für zu schwach gehalten; glaubte, die Nato-Staaten mit der Drohung mit Atomwaffen und vor einem Weltkrieg zu lähmen. Ein Trugschluss, weil die Verbündeten massiv Waffen liefern; und politisch wiederum ein Rohrkrepierer wie die Bemühungen von Finnland und Schweden um einen Nato-Beitritt zeigen.

Lesen Sie auch: Nato-Beitritt: Schweden und Finnland fürchten Putins Rache

Für diese Fehler zahlt Russland nicht nur außenpolitisch, sondern auch militärisch einen hohen Preis: Laut dem britischen Geheimdienst haben die Russen ein Drittel ihrer im Februar eingesetzten Bodenkampftruppen verloren. Verschärft werde das durch den Verlust von entscheidendem Material zum Brückenbau und zur Aufklärung. Die Offensive in der Donbass-Region habe „an Dynamik verloren" und bleibe "deutlich hinter dem Zeitplan" zurück. Es ist das eingetreten, wovor Brauß gewarnt hatte.

Putin hat noch zwei Trümpfe in der Hand

Längst ist aus der Spezialoperation ein Zermürbungskrieg geworden. In der Region um Charkiw sind die Ukrainer erfolgreich. Im Norden gilt ihr Interesse wieder Belarus – angeblich werden Truppenverstärkungen an der Grenze beobachtet. Im Osten drängen russische Einheiten über den Fluss Donez in Richtung Süden vor.

Die Ziele werden bescheidener abgesteckt: Sich festsetzen, Fluss und Nachschublinien absichern. Mit wechselndem Kriegsglück. Vor einer Woche endete ein Vorstoß über den Donez mit einem Debakel. Die Russen versuchten zwei Pontonbrücken über den Fluss zu errichten und gerieten in eine Falle: Etwa 80 gepanzerte Fahrzeuge wurden zerstört, fast 500 Soldaten sollen gefallen oder verwundet sein.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Im Prinzip würde Russland gern den ganzen Süden erobern, bis an die Grenze zur Moldau. Aber schon Odessa scheint für die Invasoren eine Nummer zu groß zu sein. Sie belassen es dabei, die Stadt mit Raketen anzugreifen.

Lesen Sie auch: Putins Ziele: Warum hat Russland die Ukraine angegriffen

Der Direktor des Forschungsprogramms für Russlandstudien des Center for Naval Analyses der U.S. Navy, Michael Kofman, glaubt, dass der laufende Angriff auf den Donbass "die letzte große Offensive der Russen gewesen sein könnte". Er sagte dem "Spiegel", "ohne nationale Mobilmachung" würden sie ihr Angriffspotenzial aufbrauchen.

Nach seiner Ansicht würden sich die russischen Streitkräfte in einem Zermürbungskrieg erschöpfen, "wenn die Ukraine weiterhin Ausrüstung aus westlichen Ländern erhält". Russland kämpfe letztlich "gegen die Ukraine und eine Menge westlicher Länder, die sie unterstützen".

Russland kann den Ukraine-Krieg verlieren

Das ist längst Putins Analyse. Die Frage ist nur, was er daraus für Schlüsse zieht. Die Antwort eines Hasardeurs liegt auf der Hand: Noch mehr Soldaten und Material mobilisieren, in letzter Konsequenz auch Atomwaffen. Sie und die Generalmobilmachung, das sind seine Trümpfe.

Der ukrainische Geheimdienst geht davon aus, dass es im Kreml dann zum Putsch kommt. „Sie bewegen sich darauf zu, nichts wird sie stoppen", sagte Geheimdienstchef Generalmajor Kyrylo Budanow dem Sender Sky News. Spätestens Mitte August komme es zu einer Wende an den Fronten. Wie die Erklärungen von Nato-Generalsekretär Stoltenberg ist das kein Pfeifen im Wald. Russland kann diesen Krieg verlieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de.