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Irak: Lebenszeichen von inhaftierter deutscher Journalistin

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Jan Jessen
Im Irak sitzt die deutsche Journalistin Marlene Förster aus Darmstadt in einem Geheimdienst-Gefängnis.

Im Irak sitzt die deutsche Journalistin Marlene Förster aus Darmstadt in einem Geheimdienst-Gefängnis.

Foto: Civaka Azad

Im Irak sitzt die deutsche Journalistin Marlene Förster aus Darmstadt in einem Geheimdienst-Gefängnis. Warum genau weiß sie nicht.

Berlin. Der vergangene Mittwoch war ein guter Tag für Lydia Förster. An diesem Tag konnte sie zum ersten Mal seit einem Monat mit ihrer Tochter Marlene telefonieren. Sie weinte anfangs gemeinsam mit ihrer Tochter. Es gehe ihr gut, beruhigte Marlene ihre Mutter. Sie mussten auf Englisch sprechen, damit die Männer mithören konnten, die mit in dem Raum in dem Geheimdienst-Gefängnis in Bagdad waren, aus dem Marlene Förster anrief.

Der Fall Marlene Förster beschäftigt derzeit deutsche Diplomaten und Politiker. Die 29-jährige deutsche Journalistin und Aktivistin aus Darmstadt wurde am 20. April zusammen mit ihrem slowenischen Kollegen Matej Kavcic in der nordwestirakischen Region Shingal von irakischen Sicherheitskräften verhaftet. Seitdem sitzen beide in Einzelhaft. Bis heute gibt es keinen offiziellen Haftgrund.

Irak: Die deutsche Journalistin reiste in spannungsgeladene Region

Klar ist: Die beiden waren in einer Region unterwegs, die von Spannungen geprägt ist. Shingal, das die die Heimatregion der Jesiden, einer religiösen Minderheit, die immer wieder Verfolgung und brutalen Verbrechen ausgesetzt ist. Im Sommer 2014 stürmten die Fanatiker des sogenanntendie Region, ermordeten Tausende Menschen, entführten und versklavten Tausende Frauen und Kinder und vertrieben Hunderttausende, die sich in sichere autonome Region Kurdistan rund hundert Kilometer westlich retteten.

Bis heute sind die allermeisten dieser Flüchtlinge nicht in die Heimat zurückgekehrt. Grund dafür ist die komplizierte Gemengelage in der Shingal-Region, in der verschiedene Gruppierungen um Kontrolle und Einfluss ringen. Offiziell obliegt die Sicherheitsverantwortung in der Region der irakischen Zentralregierung in Bagdad. Nördlich des Gebirgszuges, der der Region ihren Namen gegeben hat, stehen einige Gebiete jedoch der YBS.

Die YBS ist eine jesidische Miliz, die nach dem Genozid im Jahr 2014 vom bewaffneten Arm der kurdischen Arbeiterpartei PKK und von mit ihr ideologisch nahestehenden syrisch-kurdischen Kurden der YPG ausgebildet und bewaffnet wurden. In den von ihr kontrollierten Gebieten hat die YBS Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut. Ein Dorn im Auge nicht nur der irakischen Regierung, sondern auch der Türkei, für die die YBS ein Ableger der PKK und damit eine Terrororganisation ist. In den vergangenen Jahren bombardierte die Türkei die Region immer wieder.

Die Journalistin befasst sich mit der kurdischen Freiheitsbewegung

Marlene Förster beschäftigt sich bereits seit gut sechs Jahren mit der kurdischen Freiheitsbewegung, berichtet ihre Mutter. Die junge Darmstädterin war bereits in den mehrheitlich von Kurden bewohnten Teilen der Türkei, Syriens und des Iran. „Im Shingal war sie auch schon einmal. Sie hat in einem Zelt in einem Flüchtlingscamp gelebt und Freundschaften geknüpft“ erzählt Lydia Förster.

Im Dezember kehrte die 29-Jährige zurück in die Region. „Sie wollte zum Genozid an den Jesiden recherchieren und eine Online-Nachrichtenplattform aufbauen, auf der über die Region berichtet werden soll“, sagt ihre Mutter. Die deutsche Journalistin und Aktivistin besuchte die Region in einer Zeit, in der die Spannungen immer mehr zunahmen. Seit geraumer Zeit drängt die irakische Regierung auf die Entwaffnung der YBS. Die türkische Regierung erhöht den Druck.

Mitte April griff die türkische Armee zum wiederholten Mal im kurdischen Nordirak an, wohin sich die PKK in die Berge in der Region nördlich von Dohuk und an der iranischen Grenze zurückgezogen hat. Parallel verstärkte die irakische Armee ihre Truppenpräsenz in der Shingal-Region und lieferte sich Gefechte mit der YBS. Aus kurdischen Kreisen heißt es, Ankara habe gedroht, selbst Truppen in die Shingal-Region zu entsenden, falls Bagdad nicht aktiv werde.

Warum genau sie inhaftiert wurde, ist unklar

Am 20. April werden Marlene Förster und ihr slowenischer Kollege an einem der zahllosen Checkpoints im Shingal festgehalten und verhaftet. Jesiden, die nicht der YBS angehören, und enge Kontakte zur irakischen Armee haben, berichteten unserer Redaktion, der irakische Geheimdienst sei davon überzeugt, die beiden seien Mitglieder der PKK. Ein zusätzliches Problem: Marlene Förster hatte kein gültiges Visum mehr für den Irak. „Ihr Visum war abgelaufen“, sagt die Mutter.

Jetzt sitzt Marlene Förster seit einem guten Monat in Einzelhaft in der irakischen Hauptstadt. Für ihre Freilassung haben sich in einer Petition mittlerweile mehrere Zehntausend Menschen stark gemacht. Auch die Organisation Reporter ohne Grenzen fordert die Entlassung Försters: „Die Zustände in irakischen Gefängnissen sind erschreckend, kein Mensch sollte auch nur einen Tag zu Unrecht in ihnen verbringen müssen“, so Geschäftsführer Christian Mihr.

Die deutsche Botschaft in Bagdad hat laut Lydia Förster erst einmal Kontakt zu ihrer Tochter gehabt. „Für weitere Kontakte zur Botschaft oder einem Anwalt wollen die Iraker Zugriff auf sensible Daten auf ihrem Computer und ihrem Telefon haben.“ Das aber, so die Mutter, wolle ihre Tochter nicht. „Es muss doch einen Quellenschutz für diejenigen geben, mit denen sie gesprochen hat.“ Einen offiziellen Haftgrund haben die irakischen Behörden auch der Botschaft bis heute nicht genannt.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.