Kommentar

Ukraine-Krieg: Deutschlands Hilfe kann sich sehen lassen

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Jörg Quoos
Das sind Panzerhaubitzen 2000

Das sind Panzerhaubitzen 2000

Deutschland unterstützt die Ukraine im Krieg gegen Russland mit einer Lieferung von sieben Panzerhaubitzen 2000. Die Geschütze sind Standard beider Bundeswehr.

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Haubitzen, Milliarden, Unterkünfte – Deutschlands Hilfe für die von Russland angegriffene Ukraine ist keine Schande, meint Jörg Quoos.

Erneut geht eine blutige Woche in der Ukraine zu Ende, aber zumindest haben Deutschland und die ukrainische Regierung ein neues Kapitel aufgeschlagen. Der Bundespräsident hat mit nicht ganz selbstlosem Rückenwind von Friedrich Merz die Kurve gekriegt und Verstimmungen mit Präsident Selenskyj ausräumen können. Einem Besuch der Regierung steht nichts mehr im Wege, die (oliv-)grüne Außenministerin packt schon den Koffer. Das ist gut so, denn mit Beleidigtsein wurde noch nie ein Krieg beendet.

Der Kanzler hat sich einen weiteren Ruck gegeben und liefert sogar schwere Haubitzen in die Ukraine. Das ist ein Riesenschritt seit der Lieferung von Helmen und verschimmelten NVA-Fliegerfäusten und nicht ohne – schließlich können die Haubitzen bis tief in russisches Gebiet feuern.

Was Deutschland jetzt politisch, militärisch, finanziell – aber auch in Form von Empathie seitens der Bevölkerung, die 600.000 Flüchtlinge aufgenommen hat – leistet, kann sich sehen lassen. Dafür muss niemand mehr beschimpft werden, dafür muss sich niemand schämen.

Ukraine: Wer sich vor dem Atomkrieg fürchtet, ist noch längst kein Hasenfuß

Der Druck auf die Regierung wird jetzt spürbar abnehmen. Leider ist ein Frieden trotz des Endes der Eiszeit zwischen Berlin und Kiew noch weit entfernt. Daher sollte niemand vorschnell in Triumphgeheul verfallen und sich die Wende in der deutschen Außenpolitik einseitig auf die Fahne schreiben. Erstens muss noch der Beweis erbracht werden, dass die neue Kanonenpolitik im Sinne der Ukrainer – und auch in unserem – aufgeht. Und zweitens ist es unangebracht, sich beim Thema Krieg gegenseitig die Moral abzusprechen.

Der Unterstützer von Waffenlieferungen ist nicht moralischer oder unmoralischer als der überzeugte Pazifist, der noch nie auch nur eine einzige Gewehrkugel lieferte. Und wer sich vor dem Atomkrieg fürchtet, ist noch längst kein Hasenfuß, der Putin auf den Leim geht. Alle drei verabscheuen den Krieg und wollen unnötiges Blutvergießen verhindern. Ganz Deutschland ist in dieser Frage übrigens tief gespalten – und auch darauf muss eine Regierung Rücksicht nehmen.

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Eine existenzielle Menschheitsfrage

Es wäre ein Fehler, überzeugte Pazifisten zu wohlstandsverwahrlosten Spinnern zu erklären. Und die mutigsten Anhänger von Waffenlieferungen sind auch nicht geborene Kriegstreiber, sondern könnten gerade mit diesem harten Kurs zu Rettern des Friedens werden. Weil das so ist und niemand wirklich weiß, wie dieser Krieg endet, sollten wir uns bis dahin einen zivilisierten Dialog zu dieser existenziellsten Frage der Menschheit gönnen. Es reicht, wenn schon auf Twitter und Facebook der dritte Meinungsweltkrieg tobt, wo ernstzunehmende Überzeugungen rhetorisch weggebombt werden.

Und auch die Abrüstungsdebatte um Atomwaffen verdient neue, kluge Gedanken abseits der ausgelatschten Falke-Taube-Argumente. Wer aus guten Gründen an die „Balance des Schreckens“ glaubte, stellt heute fest, dass Atomwaffenbesitz einen aggressiven Besitzer immunisiert. Im Falle Putins heißt das: Weil er Atomraketen im Arsenal hat, kann er die ganze Welt bedrohen und in der Ukraine gleichzeitig ein Blutbad unter Zivilisten anrichten. Lesen Sie auch: Russland probt Angriff: So ernst sind Putins Atomdrohungen

Das „atomare Gleichgewicht“ funktioniert also nur, wenn alle Beteiligten noch einen Rest Vernunft wahren. Aber die ist seit dem Überfall auf die Ukraine leider Geschichte. Aus dieser Erkenntnis sollte nach einem Ende des Ukraine-Kriegs eine neue, weltweite Abrüstungsrunde bei den atomaren Massenvernichtungswaffen das Ziel sein. Gewalttätige Autokraten lassen sich nur hart und schnell stoppen, wenn sie nicht mehr die Mittel zum Weltuntergang haben.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.