Gewerkschaften

Yasmin Fahimi: Sie wird die erste Frau an der DGB-Spitze

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Alessandro Peduto
Yasmin Fahimi will sich am 9. Mai zur Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), wählen lassen. Die langjährige SPD-Politikerin ist die erste Frau an der Spitze des DGB.

Yasmin Fahimi will sich am 9. Mai zur Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), wählen lassen. Die langjährige SPD-Politikerin ist die erste Frau an der Spitze des DGB.

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

DGB: Yasmin Fahimi stellt sich als neue Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds zur Wahl. Sie ist die erste Frau auf dem Posten.

Berlin. Führungsämter hatte Yasmin Fahimi bereits mehrere. Sie war SPD-Generalsekretärin, später Staatssekretärin im Bundesarbeitsministerium unter Andrea Nahles. Doch der Posten, den die 54-Jährige demnächst übernehmen wird, ist der bislang mächtigste: Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) will Fahimi am kommenden Montag auf seinem Bundeskongress in Berlin zu seiner neuen Vorsitzenden wählen lassen.

Der bisherige DGB-Chef Reiner Hoffmann, der acht Jahre lang an der Spitze stand, wechselt mit 66 Jahren in den Ruhestand. Fahimis Wahl zu Beginn der nächsten Woche ist durchaus ein historischer Moment. Denn die gebürtige Hannoveranerin wird damit die erste Frau an der Spitze des DGB und zugleich die erste, die einen Migrationshintergrund hat. Fahimis Vater war Iraner.

Der Wandel an der Spitze der größten Dachorganisation von Einzelgewerkschaften in Deutschland wird für Fahimi auch in ihrer Arbeit zu einem zentralen Motiv werden. Denn die Arbeitswelt steckt in einem gewaltigen Umbruch, der nicht allein durch den Ukraine-Krieg und die Nachwehen der Pandemie ausgelöst wird, sondern auch durch die digitale Transformation und das demografische Ausscheiden von Fachkräften.

DGB: Designierte Vorsitzende Fahimi will sich mehr für Frauen einsetzen

Das stellt die deutsche Wirtschaft vor enorme Herausforderungen, bei denen fortan auch Fahimi gefragt sein wird. Zugleich will sich die künftige DGB-Chefin, die mit ihrem Bruder von der alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde, auch dem Thema Frauen im Berufsleben widmen. Vor allem was Arbeitsverhältnisse und Bezahlung angeht.

„Frauen sitzen viel zu oft in Teilzeit, in Minijobs, in Befristungen fest. Das ist eine Falle aus Armutsrisiko und Perspektivlosigkeit“, sagte Fahimi unlängst der „Süddeutschen Zeitung“. Deshalb müssten Frauen wie Männer ab der ersten Stunde in voll sozialversicherten Stellen arbeiten. „Wir müssen die prekäre Beschäftigung zurückdrängen, auch durch Tarifverträge“, forderte Fahimi.

Auch beim DGB dringt die frühere SPD-Linke auf ein Terrain vor, das über Jahrzehnte von Männern dominiert war - ähnlich wie einst die Politik. Bergbau, Maschinenindustrie, Hochöfen waren einst eine Welt von Männern, die sich gewerkschaftlich auch von Männern vertreten ließen. Das galt auch für den DGB. Doch die Zeiten hätten sich längst geändert, sagt Fahimi.

DGB: Zu Kanzler Scholz und Arbeitsminister Heil hat Fahimi einen guten Kontakt

„Die Gewerkschaften sind bunt und weiblich“, Verdi und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beispielsweise hätten mehr weibliche Mitglieder als männliche. „Es hat sich viel getan“, beobachtet die designierte DGB-Chefin, ein „Ergebnis dieses Wandels“ sei sie selbst.

Fahimis Werdegang ist eng mit der SPD verknüpft, für die sie zuletzt als Abgeordnete im Bundestag saß und für die sie auch die Ampel-Verhandlungen mitgeführt hat. 1986 trat Fahimi in die Partei ein, wurde später Mitglied im Juso-Bundesvorstand. Als Generalsekretärin erreichte sie im Januar 2014 den Höhepunkt ihrer Parteikarriere, überwarf sich aber mit dem damaligen SPD-Chef Sigmar Gabriel beim Thema Pegida.

Er wollte mit Mitgliedern reden, sie war dagegen. Sie fanden nicht zusammen. Fahimis Draht zu Bundeskanzler Olaf Scholz sowie zu Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (beide SPD) ist dagegen intakt. „Selbstredend“ bestehe bereits ein guter Kontakt zu Scholz und Heil, sagte Fahimi der „Zeit“. Im neuen Amt dürften es zwei ihrer wertvollsten Ansprechpartner werden.

Gewerkschaftsthemen zum Frühstück: Fahimi und Chef der IG BCE sind ein Paar

Auch mit der Welt der Gewerkschaften kam Fahimi früh in Berührung. Nach ihrem Abschluss zur Diplom-Chemikerin arbeitete sie sich zwischen 1998 und 2014 bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin bis in die Führungsgremien hoch, bevor sie in die Politik wechselte.

Fahimis Privatleben ist in gewisserweise ebenfalls mit der IG BCE verbunden, denn ihr Lebensgefährte, Michael Vassiliadis, ist deren Vorsitzender. Der Umstand, dass die IG BCE eine der größten Gewerkschaften unter dem Dach des DGB ist, führt immer wieder zum kritischen Einwand, das Paar könnte wichtige Weichenstellungen in der Gewerkschaftspolitik am gemeinsamen Frühstückstisch festzurren.

Andererseits: Wer sieht, wie uneins sich die Mitgliedsorganisationen des DGB in etlichen Details bisweilen sind - etwa in Klima- und Energiefragen - der ahnt, dass der Frühstückstisch des Paars künftig nicht das zentrale Entscheidergremium der Gewerkschaftswelt werden dürfte. Zumal es Vassiliadis war, der Fahimi für den neuen Posten vorschlug, nachdem sich unter den DGB-Mitgliedsorganisationen zunächst lange kein Konsens über die Hoffmann-Nachfolge finden ließ.