Leitartikel

Nato-Gipfel: Der Westen gibt eine klare Warnung an Putin

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Christian Kerl
Nato droht Russland bei Chemiewaffen-Angriff

Nato droht Russland bei Chemiewaffen-Angriff mit "schweren Konsequenzen"

Die Nato hat Russland "schwerwiegende Konsequenzen" im Fall eines Angriffs mit chemischen Waffen in der Ukraine angedroht.

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Wie der Westen Putin vom Einsatz atomarer oder chemischer Waffen abhalten will – und welche Folgen ein Angriff auf Nato-Gebiet hätte.

Berlin. Das sind düstere Aussichten im Ukraine-Krieg. Im Westen wächst die Sorge, dass der russische Präsident Putin angesichts des stockenden Vormarsches seiner Truppen zum Äußersten greift und sogar Massenvernichtungswaffen gegen die Ukraine einsetzt: Mit dem Abwurf einer relativ kleinen Atombombe mit begrenzter Reichweite, mit Chemie- oder Biowaffen würde Putin demnach versuchen, den überraschend starken Widerstand der Ukraine zu brechen. Das bislang Undenkbare wird, fürchten Nato-Militärs unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse, zur ernsthaften Bedrohung.

Ob es wirklich so weit kommt? Oder spielt Putin nur mit der Angst des Westens? Der Kremlherrscher würde international endgültig zum Geächteten, auch in Russland müsste er Widerstand befürchten. Ein solches Kriegsverbrechen würde zudem das Einsatzgebiet seiner eigenen Truppen verseuchen.

Ukraine-Krieg: Putin könnte Waffenkonvois in Polen angreifen

Und die langfristigen militärischen Kosten für Moskau wären enorm, weil der Westen seine Verteidigungsbemühungen dramatisch erhöhen würde. Nein, rational betrachtet bleibt ein Einsatz atomarer oder chemischer Waffen sehr unwahrscheinlich. Aber: Ausgeschlossen ist in diesem Konflikt nichts mehr.

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Putins Lage ist prekär: Seine Kriegspläne gehen nicht auf, zugleich hat er die Entschlossenheit des Westens sträflich unterschätzt. Gut möglich, dass dieser völkerrechtswidrige Angriffskrieg früher oder später das Ende seiner Regentschaft einläuten wird.

Je mehr dem Kremlherrscher das dämmert, desto größer das Risiko, dass Putin in seiner Bedrängnis auch die letzten Grenzen überschreitet. Es ist deshalb richtig, dass sich die Nato nun auch laut hörbar auf das Schlimmste vorbereitet – wozu sogar das Szenario gehört, Putin könne Waffenkonvois in Polen angreifen lassen, um den Nachschub für die Ukraine zu stoppen.

Konfrontation von Nato und Russland könnte Kettenreaktion auslösen

Die Brüsseler Gipfel-Warnung an Moskau, dass das westliche Verteidigungsbündnis für diesen Fall eine harte Antwort vorbereitet hat, hält Putin hoffentlich von solchen Abenteuern ab. Der Überraschungseffekt, mit dem der Kreml möglicherweise kalkuliert, wäre keiner mehr.

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Dass durch einen ABC-Waffeneinsatz in der Ukraine eine völlig neue Lage entstünde, ist offenkundig. Doch sind die notwendigen Drohungen des Westens ein Balanceakt. Die Nato legt ihre Karten nicht auf den Tisch. Die Allianz ist in diesem Konflikt nicht Kriegspartei. Und sie wird auch künftig alles tun müssen, damit es dabei bleibt.

Jede Ausweitung in eine direkte Konfrontation zwischen der Nato und Russland, die man ja schon durch die Einrichtung einer von der Ukraine so dringlich geforderten Flugverbotszone heraufbeschwören würde, birgt das Risiko einer unkontrollierbaren Kettenreaktion. An deren Ende könnte ein ausgreifender Krieg mit kaum vorstellbaren Opferzahlen stehen. Damit wäre auch der Ukraine nicht gedient.

Die Zukunft der globalen Sicherheitsordnung steht auf dem Spiel

Aber ebenso klar hat die Nato die rote Linie erneuert: Einen Angriff gegen ein Nato-Land wird das Bündnis mit einer massiven militärischen Reaktion beantworten. Joe Biden hat das Bekenntnis zur uneingeschränkten Bündnisverpflichtung der Vereinigten Staaten jetzt noch einmal bekräftigt. Der US-Präsident weiß, dass es in diesem Krieg nicht nur um die Ukraine oder Europa geht.

China, der große amerikanische ­Rivale, verfolgt die Reaktion des Westens genau. Auf dem Spiel steht nichts weniger als die Zukunft der globalen Sicherheitsordnung. Auch deshalb muss der Westen alles daran setzen, den Dammbruch eines Einsatzes von atomaren oder chemischen Waffen zu verhindern.