Ukraine-Krieg

Hyperschallraketen: Putin sendet klares Signal nach Westen

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Kerl
Ukraine: Lage in Städten immer katastrophaler

Ukraine: Lage in Städten immer katastrophaler

In der Ukraine dauern die russischen Angriffe mit unverminderter Härte an. Aus mehreren Städten melden die Behörden katastrophale humanitäre Bedingungen. Russland setzte nach eigenen Angaben erneut Hyperschallraketen ein, die für gegnerische Abwehrsysteme schwer zu überwinden sind.

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Der Einsatz von Hyperschallraketen im Ukraine-Krieg ist eine neue Eskalationsstufe – und ein unmissverständliches Signal an die Nato.

Berlin/Brüssel. 
  • Russland hat im Ukraine-Krieg erstmals Hyperschallraketen eingesetzt
  • Der Einsatz der Waffen ist eine klare Drohung an die Nato und den Westen
  • Warum Putin damit eine nächste Eskalationsstufe erreicht

Es ist eine deutliche Botschaft an den Westen: Russland hat erstmals Hyperschallraketen im Ukraine-Krieg eingesetzt. Als erstes Land der Welt überhaupt hat es eine solche Superwaffe in einem Krieg verwendet. Bislang besitzen weder die USA noch andere Nato-Staaten vergleichbare einsatzfähige Systeme, dafür aber China. Der Westen hinkt technologisch hinterher, entsprechend beunruhigt registriert das Bündnis diese Zäsur.

Die Kinschal-Rakete wurde von einem Kampfjet des Typs MiG-31 in großer Höhe auf ein unterirdisches Raketen- und Munitionsdepot im Südwesten der Ukraine abgefeuert, nur hundert Kilometer von der rumänischen Grenze entfernt. Russische Videoaufnahmen zeigen, dass die Anlage präzise getroffen und zerstört wurde. Kurz darauf soll es zu einem weiteren Einsatz der Waffe gekommen sein. Ein Treibstoffdepot nahe Mykolajiw sei zerstört worden, hieß es aus Moskau.

Die Hyperschallrakete ist Putins Warnung vor einer Eskalation

Einige dieser Raketen sind nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste auch in der russischen Exklave Kaliningrad stationiert – und würden von dort weite Teile Europas in sieben bis zehn Minuten erreichen können, Berlin noch schneller. Sie können neben konventionellen auch nukleare Gefechtsköpfe tragen.

Auch deshalb deuten westliche Militärbeobachter den Ersteinsatz der neuen Hyperschallwaffe als klares Signal des russischen Präsidenten Wladimir Putins an den Westen: Als Warnung vor einer Eskalation, sich also nicht in den Ukraine-Krieg einzumischen. Und als Demonstration, dass die russische Armee, deren Vormarsch in der Ukraine ins Stocken geraten ist, ihre technologischen Ressourcen noch nicht ausgeschöpft hat.

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Putin hat die Entwicklung der Hyperschallwaffen in den vergangenen Jahren euphorisch gefeiert: „Wir haben jetzt eine Situation, die in der modernen Geschichte unseres Landes einzigartig ist. Sie versuchen jetzt, uns einzuholen. Kein anderes Land verfügt über Hyperschallwaffen“, erklärte Putin Ende 2019.

Zu den Entwicklungen gehört neben der Kinschal-Rakete auch die interkontinentale Hyperschallwaffe „Avantgard“, die angeblich 20mal schneller als der Schall ist und nach Putins Worten „jedes Abwehrsystem besiegen“ kann. Für U-Boote und Schiffe – insbesondere die US-Flugzeugträger – sei ein ähnlicher Gleitflugkörper namens „Zirkon“ einsatzbereit.

Auch China hat Hyperschallwaffen - die Nato nicht

Die Waffen ändern die globalen Kräfteverhältnisse zwar nicht, solange sich die großen Mächte gegenseitig eine Zerstörung durch Atomwaffen androhen können. Doch die Aufrüstung mit Hyperschallraketen macht mindestens regionale Konflikte riskanter, in Europa wie in Ostasien. Der Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin, Christian Mölling, warnte angesichts des russischen Ersteinsatzes: „Hyperschallwaffen verringern die globale strategische Stabilität.“

In einer DGAP-Studie heißt es, diese Waffen „werden die Reaktionszeiten verkürzen, die Mehrdeutigkeit militärischer Aktionen erhöhen und möglicherweise zur Bewaffnung des Weltraums führen“. Da keine wirksame Abwehr in Sicht sei, würden alle Akteure mit weniger Stabilität konfrontiert sein.

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Für den Westen ist es der ultimative Weckruf, dass andere Mächte technologisch dicht auf den Fersen sind. Denn auch China kann bereits mit der Dongfeng-17 eine Hyperschallwaffe einsetzen und hat sie bei einer Militärparade in Peking präsentiert. Dagegen bislang besitzen weder die USA noch andere Nato-Staaten vergleichbare einsatzfähige Systeme.

Entsprechend alarmiert ist das Bündnis. „Die neuen Hyperschall-Raketen sind Teil eines Musters, dass wir bei Russland und China sehen – sie investieren viel in moderne Kapazitäten“, hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg vor einigen Monaten besorgt erklärt. Es handelt sich um das erste Rüstungssystem, bei dem der technologische Vorsprung des Westens gefährdet ist: Die USA haben zwar viel geforscht und waren damit Vorreiter, sie verzichteten aber nach mehreren gescheiterten Tests für lange Zeit auf eine Waffenentwicklung.

„Wir müssen transatlantische Innovationen ankurbeln und der Entwicklung von Hyperschall-Raketensystemen Rechnung tragen“, heißt es nun warnend in einem Report des Nato-Hauptquartiers.

Nato baut Technologiezentren auf

Das Bundesverteidigungsministerium in Berlin hat schon vor einiger Zeit eigene wehrtechnische Forschungen angekündigt. Auf die „potenzielle Bedrohung“ durch Hyperschallwaffen müsse mit einem breiten Maßnahmebündel reagiert werden, von Rüstungskontrolle bis zu konkreten militärischen Fähigkeiten. Die Nato-Staaten haben voriges Jahr bereits beschlossen, um den globalen technologischen Vorsprung zu kämpfen.

In den USA und in Europa baut die Nato deshalb Technologiezentren auf, mit denen moderne Waffenentwicklungen vorangetrieben werden sollen, auch in Zusammenarbeit mit Rüstungskonzernen, Start-ups und Universitäten.

Die Mitgliedstaaten sollen über einen Innovationsfonds Geld für Projekte bereitstellen. Die USA investieren ohnehin Milliarden beim Versuch, ein Abwehrsystem gegen Hyperschallwaffen zu entwickeln, haben aber auch zur Aufholjagd angesetzt und diese Technologie zu den vier entscheidenden Bereichen der Modernisierung erklärt.

Die eilige Entwicklung des Raketensystems „Air-Launched Rapid Response Weapon“ ist weit fortgeschritten, eigentlich sollte im September die Produktion beginnen. Das Scheitern mehrerer Tests stellt den Zeitplan jetzt aber in Frage.

Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de