Interview

Umweltschutz-Chef: Straßenblockaden von Klimaaktivisten okay

| Lesedauer: 8 Minuten
Jochen Gaugele und Theresa Martus
Klima-Sonderbeauftragte Morgan: Von Greenpeace ins Auswärtige Amt

Klima-Sonderbeauftragte Morgan- Von Greenpeace ins Auswärtige Amt

Deutschlands internationale Klimapolitik bekommt ein Gesicht: Die bisherige Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan wird im März Klima-Sonderbeauftragte im Auswärtigen Amt. Nach Abschluss ihres Einbürgerungsverfahrens soll die US-Klimaexpertin dann für diesen Aufgabenbereich Staatssekretärin werden.

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Umweltbundesamt-Chef Dirk Messner zeigt im Interview Verständnis für die Straßenblockaden der Klimaaktivisten - unter einer Bedingung.

Berlin. Wie grün tickt Deutschland? Das Umweltbundesamt (UBA) wird dazu am Freitag eine große Studie vorstellen. Im Interview mit unserer Redaktion sagt UBA-Präsident Dirk Messner schon, was drin steht. Weitere Informationen: Klimawandel: Wie der Alltag in Deutschland 2050 aussieht

Sie haben das Umweltbewusstsein der Deutschen untersucht. Was ist das wichtigste Ergebnis?

Dirk Messner: Ein überraschend erfreuliches: Die Ampelkoalition plant große Veränderungen beim Umwelt- und Klimaschutz – und die meisten Bundesbürgerinnen und -bürger können das unterschreiben. Die Gesellschaft erwartet von der Regierung überwiegend ambitionierten Umwelt- und Klimaschutz.

Woran machen Sie das fest?

Messner: 70 Prozent der Befragten halten Umwelt- und Klimaschutz für ein richtig relevantes Thema. Und sie empfinden die Maßnahmen, die dazu nötig sind, nicht als Zumutung. Unsere Studie zeigt: Über 90 Prozent wollen mehr für das Tierwohl tun – und dafür auch bezahlen. Mehr als 90 Prozent wollen Pflanzenschutzmittel reduzieren. 64 Prozent wünschen sich ein Tempolimit auf Autobahnen. 89 Prozent wollen mehr Radwege. 63 Prozent möchten weniger Fleisch konsumieren – sieben Prozent tun das ohnehin schon. 63 Prozent erwarten von den Kantinen, dass sie vegetarische Kost systematisch anbieten. „Grün“ ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Was sich die Menschen unter einem guten Leben vorstellen, passt zur sozial-ökologischen Transformation der Regierung. Klimaschutz wird von über 70 Prozent der Menschen als Modernisierungschance gesehen.

In Umfragen sagt sich das leicht. Wenn es ganz konkret an die Freiheit oder ans Geld geht, reagieren die Menschen möglicherweise anders.

Messner: Das glaube ich nicht. Wichtig ist, dass man die soziale Dimension im Blick behält – und gleichgewichtig zu den Umwelt- und Klimavorhaben behandelt. Beispiel CO2-Preis: Die Politik sollte immer dazusagen, dass sie einen signifikanten Teil der Einnahmen an die Bürgerinnen und Bürger zurückgeben will – etwa über die Abschaffung der Ökostrom-Umlage. Wir sind in unserer Untersuchung aber auch auf Grenzen der Zustimmung gestoßen.

Und zwar?

Messner: Die Menschen wollen Klimaschutz nicht um jeden Preis. Wenn der ökologische Umbau der Wirtschaft zu Jobverlusten führt, ziehen 50 Prozent die Sicherheit des Arbeitsplatzes vor. Das heißt aber auch: 50 Prozent bewerten den Klimaschutz höher. Empfindlich sind die Deutschen immer noch beim Auto. 50 Prozent lehnen eine Pkw-Maut ab, die an die Fahrleistung gekoppelt ist. Ein weiterer sensi­bler Punkt ist das Wohnen. Würden die Menschen in kleineren Wohnungen leben, könnten wir CO2-Emissionen reduzieren. Auf Wohnfläche zu verzichten können sich aber nur 36 Prozent vorstellen.

Wie wollen Sie das ändern?

Messner: Die Leute haben ein verändertes Bild davon, wie umweltverträglich sie leben wollen. Aber sie sind zunehmend genervt, wenn sie den Eindruck haben, dass Menschen, die sich für das Klima einsetzen, ihnen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. 2018 haben 37 Prozent angegeben, dass sie sich nicht belehren lassen wollen. 2020 – in unserer jüngsten Erhebung – waren es schon 52 Prozent. Der moralische Zeigefinger funktioniert nicht. Und die gute Nachricht ist: Die Menschen wollen Fortschritte bei Umwelt- und Klimaschutz sehen. Die Regierung hat Rückenwind, wenn sie gut erklärt, was sie vorhat, und dabei soziale Ausgewogenheit berücksichtigt.

UBA-Chef Messner: „Weniger Fleisch würde der Umwelt gut tun“

Geht es Ihnen auch um neue Vorschriften?

Messner: Wir brauchen den CO2-Preis, den Ausstieg aus Kohle und Verbrennermotor. Wir sollten aber auch Angebote schaffen in Bereichen, in denen die Leute bereit sind, etwas zu tun. Wir sollten den öffentlichen Nahverkehr ausbauen, neue Radwege schaffen. Oder auch den Fleischkonsum in den öffentlichen Kantinen oder den Schulen reduzieren. Das trifft inzwischen auf große Zustimmung.

Ein „Veggie Day“ in Kantinen wäre inzwischen akzeptiert?

Messner: Als die Grünen das vor einigen Jahren vorgeschlagen haben, war die Empörung groß. Nun fordern die Menschen vegetarische Angebote in Kantinen – und das nicht nur an einem Tag. Nach Berechnungen des internationalen Forschungsverbunds EAT-Lancet wäre mittelfristig eine Verringerung des Fleischkonsums um 75 Prozent nötig, um eine Ernährung zu erreichen, die vereinbar mit den planetaren Grenzen ist. Da müssten wir ziemlich weit runter. Wir sollten den Bürgern auch ehrlich sagen, dass die Rettung des Klimas kein Spaziergang wird. Wir stehen vor tiefen Veränderungen.

Was sagen Sie Leuten, die dreimal im Jahr in den Urlaub fliegen?

Messner: Laut unserer Studie verzichten bereits 61 Prozent ganz oder teilweise auf Flugreisen, 18 Prozent können sich das vorstellen. Ich rate dazu, verantwortlich umzugehen mit dem Fliegen. Außerdem müssen wir den Flugverkehr treibhausgasneutral machen. Synthetische Kraftstoffe sind der Weg dorthin.

Das wird dauern.

Messner: Wir haben Zeit bis 2045, um klimaneu­tral zu werden.

Wie viele Flugreisen im Jahr sind in Ordnung, solange die Flugzeuge noch Kerosin tanken?

Messner: Wir schreiben niemandem vor, wie viele Flugreisen in Ordnung sind. Je weniger, desto besser! Wir müssen unser Verhalten ändern. Aber wir müssen nicht alles auf null reduzieren in ganz kurzer Zeit.

Halten Sie ein Verbot von Kurzstreckenflügen für überflüssig?

Messner: Wir brauchen einen Plan, den Bahnverkehr so auszubauen, dass sich Flüge in Deutschland und Europa weitgehend erübrigen.

Die Ampel-Regierung will den Ausbau erneuerbarer Energien massiv vorantreiben. Akzeptieren die Bürger neue Stromtrassen und Windräder in ihrer Nachbarschaft?

Messner: Viele Studien zeigen: Die Menschen akzeptieren Windräder, wenn ihre Kommunen davon profitieren, sodass sie in Kindergärten oder Schwimmbäder investieren können.

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Nehmen Sie es als oberster staatlicher Umweltschützer hin, dass Stromtrassen durch Naturschutzgebiete führen?

Messner: Das ist ein offensichtlicher Konflikt, für den man kluge Kompromisse finden muss. Wir brauchen größere, zusammenhängende Naturschutzgebiete, um die Artenvielfalt zu bewahren. Wir sollten nicht versuchen, bei jedem Windrad, das wir aufbauen, einen Vogel zu retten. Wir müssen uns anschauen, wie wir den Umwelt- und Naturschutz in Einklang bringen mit dem Ausbau der Erneuerbaren. Dazu wird man die Regeln auf beiden Seiten überprüfen müssen. Es gibt keinen Ausbau der Erneuerbaren, der ohne Belastung der Natur auskommt. Aber: Die Erneuerbaren sind die umweltfreundlichste Energieversorgung, während die fossile Energie das Erdsystem ruiniert.

Wie steht es um die Veränderungsbereitschaft der Wirtschaft?


Messner: Wir müssen Regeln schaffen, die Greenwashing verunmöglichen. Wir brauchen gesetzliche Transparenzregeln, damit sich Unternehmen an das, was sie im Klimaschutz versprechen, auch halten. Es muss rechtliche Standards geben, an denen man messen kann, was bestimmte Akteure leisten. Das Ziel Klimaneutralität ist inzwischen in der Wirtschaft angekommen, es ist das Leitbild, an dem sich alle orientieren. Jetzt müssen wir schneller, besser und ehrlicher werden.

Welche Mittel sind erlaubt, um dem Klimaschutz zum Erfolg zu verhelfen? In den vergangenen Wochen haben Aktivisten mehrfach Landstraßen und Autobahnen blockiert …

Messner: Ich war auch mal jung. Als Mitglied der Anti-Atom- und Friedensbewegung war ich radikaler, als ich mich heute ausdrücken würde. Wir brauchen demokratische Teilhabe und wir brauchen Protest – aber der muss friedlich sein, damit wir unsere Ziele erreichen können.

Also sind Straßenblockaden für Sie okay, solange niemand zu Schaden kommt?

Messner: Wenn solche Blockaden auf Basis der geltenden Gesetze stattfinden, dann schon.