Bildungspolitik

Lehrermangel: So viele Pädagogen könnten wirklich fehlen

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Theresa Martus
Corona-Pandemie: Lehrerverbände schließen Schulschließungen nicht aus

Corona-Pandemie- Lehrerverbände schließen Schulschließungen nicht aus

Angesichts der Ausbreitung der hochansteckenden Omikron-Variante des Coronavirus in Deutschland wollen Lehrerverbände Schulschließungen nicht mehr ausschließen. Einen "Präsenzunterricht um jeden Preis" soll es laut dem Verband Bildung und Erziehung nicht geben.

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Die Kultusminister rechnen bis 2030 mit einem moderaten Lehrermangel. Das sei viel zu optimistisch gerechnet, sagt jetzt eine Studie.

Berlin. Lesen, schreiben, rechnen, mindestens das sollten alle Jugendlichen können, die in Deutschland einen Schulabschluss machen. Doch ausgerechnet die, die das sicherstellen sollen, müssen sich jetzt gegen den Vorwurf verteidigen, sich ordentlich verrechnet zu haben: Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass die Prognosen der Kultusministerkonferenz zum Lehrermangel in den kommenden Jahren deutlich zu optimistisch sind.

Bildungsforscher Klaus Klemm, der im Auftrag der Lehrergewerkschaft VBE das Szenario der KMK zum „Lehrereinstellungsbedarf und -angebot in der Bundesrepublik Deutschland“ untersucht hat, geht davon aus, dass die Politik die drohende Lücke in den Lehrerzimmern deutlich unterschätzt.

Bei der Vorstellung der 30-seitigen Studie am Dienstag sagte Klemm, dass die KMK zwar von einer Entwicklung der Schülerzahlen ausgehe, die „durchaus belastbar“ sei. Das gelte auch für den Bedarf an Lehrkräften, der daraus abgeleitet wird. So geht die KMK davon aus, dass bis 2030 362.690 neue Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden müssen, die Schätzung des Forschers liegt mit 367.147 im selben Bereich.

Klemm wirft einigen Länder vor, „im hohen Maße unseriös“ zu rechnen

Wo die Einschätzung der Studie aber deutlich abweicht von der der Bildungspolitik, ist bei der Frage, wie viele junge Menschen dann tatsächlich da sein werden, die den Beruf ergreifen können.

Denn die KMK, so die Studie, gehe von einem deutlich größeren Angebot an ausgebildeten jungen Lehrkräften aus, als bis dahin zu erwarten sei. Aufgrund sinkender Zahlen von Abiturienten und in der Folge weniger Lehramtsstudierenden würden in den kommenden Jahren weniger Berufsanfänger nachkommen, die die leeren Stellen besetzen könnten.

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Die KMK aber sehe dieses Problem nicht und überschätze das Angebot „massiv“, so Klemm. Etwa die Hälfte der Länder würden die aktuellen Angebote von Absolventen in ihren Berechnungen bis 2030 einfach fortschreiben, ohne Rücksicht auf das, was sich verändern könnte. Sachsen gehe sogar davon aus, dass Angebot und Nachfrage exakt deckungsgleich sein würden. „Im hohen Maße unseriös“ sei das, kritisiert der Bildungsforscher.

Bis 2030 könnten 150.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen

Während die Bildungspolitiker von 20.000 fehlenden Lehrkräften 2025 ausgehen, rechnet er mit 45.000. Für 2030 prognostiziert Klemm 81.000 Lehrerinnen und Lehrer zu wenig, die KMK nur 14.000.

Noch nicht eingerechnet sind dabei Anforderungen, die in den kommenden Jahren auf die Schulen zukommen und die ebenfalls mehr Lehrkräfte erfordern, etwa der Rechtsanspruch auf Ganztagsschulplatz für Grundschulkinder, verstärkte Inklusionsbemühungen und die Unterstützung von Schulen mit besonders vielen benachteiligten Schülerinnen und Schülern, die sich die Ampel-Koalition vorgenommen hat.

Will man all das umsetzen, kalkuliert Klemm, wird die prognostizierte Lücke für 2030 noch einmal um etwa 74.000 Lehrkräfte größer. Zum Ende des Jahrzehnts würden damit rund 150.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen.

VBE wirft Kultusministern „riesige Mogelpackung“ vor

Udo Beckmann, Vorsitzender der Gewerkschaft VBE, kritisierte die Kultusministerinnen und -minister vor dem Hintergrund der Zahlen scharf. Die Zahlen der KMK zum Lehrkräftemangel seien „eine riesige Mogelpackung“. Die Gewerkschaft fordert eine Fachkräfteoffensive für den Beruf. Planung und Durchführung der Lehramtsausbildung müssten dringend verbessert werden, hieß es in einem Statement. Es brauche mehr Studienplätze, eine Verbesserung der Studienbedingungen und der Studienbegleitung, auch um eine Reduzierung der Abbruchquoten zu erzielen.

Der Verband plädiert auch für multiprofessionelle Teams an Schulen, mit Psychologinnen, Sozialarbeiter, IT- und Gesundheitsfachkräften, um den Mangel abzufedern und jene Aufgaben zu übernehmen, für die Lehrkräfte ohnehin nicht ausgebildet seien.

„Die Politik muss sich ehrlich machen, ob und wie ernst sie es meint mit den schulpolitischen Maßnahmen Ganztag, Inklusion, Integration und der Unterstützung von Kindern in herausfordernden sozialen Lagen“, sagte Verbandschef Beckmann. Um diese Maßnahmen bedarfsgerecht umzusetzen, brauche es etwa ein Zwei-Pädagogen-System, was den Lehrkräftebedarf massiv erhöht. Hier müsse die Politik endlich Antworten liefern.

„Haben die Entwicklung im Blick“: KMK will neue Prognosen liefern

Die KMK signalisierte am Dienstag, dass sie das Problem mit der drohenden Lücke durchaus wahrnimmt. Solche Ergebnisse von Studien seien nicht neu, „wir haben die Entwicklung im Blick“, sagt Karin Prien (CDU), Bildungsministerin von Schleswig-Holstein und derzeitige Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Das Gremium sei in einem Austausch darüber, wie die Datengrundlage für bildungspolitische Entscheidungen verbessert werden könne.

In diesem Frühjahr will die Konferenz außerdem Empfehlungen vorlegen, wie Quereinsteiger besser qualifiziert werden können für den Unterricht. Und auch eine neue Prognose zum Bedarf an Lehrkräften soll es dann geben.