Osteuropa

Putins Pläne in der Ukraine: Riskiert er einen langen Krieg?

| Lesedauer: 8 Minuten
Christian Kerl
Ukraine-Konflikt spitzt sich weiter zu

Ukraine-Konflikt spitzt sich weiter zu

Im Ukraine-Konflikt haben sich die Fronten weiter verhärtet: Die Nato kündigte eine Verstärkung ihrer Militärpräsenz in Osteuropa an.

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Was sind Russlands Optionen im Ukraine-Krieg? Experten warnen Moskau vor Fehlern wie in Afghanistan – und sehen eine Schwachstelle.

Brüssel. Der russische Truppenaufmarsch an den Grenzen der Ukraine geht weiter. In westlichen Hauptstädten ist die Sorge groß: Im schlimmsten Fall stehe Osteuropa die größte Schlacht seit Ende des Zweiten Weltkriegs bevor, warnen hohe Militärs in Brüssel. Die britische Regierung spricht schon von zehntausenden Opfern, die ein militärischer Konflikt fordern würde.

Auch wenn russische Truppen die Ukraine inzwischen mit über 100.000 Soldaten und Kriegsgerät von drei Seiten umzingelt haben – eine umfassende Invasion der Ukraine wäre auch für Russland ein enorm verlustreiches Unternehmen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Der russische Präsident Wladimir Putin hat auch andere Möglichkeiten. Was kann er in den nächsten Wochen tun? Die sechs Optionen:

Option eins: Rückzug der russischen Truppen

Noch möglich, aber nicht wahrscheinlich. Dafür bräuchte Putin einen Erfolg am Verhandlungstisch. Unklar ist, wie der aussehen könnte: Putins Kernforderungen nach einem Rückzug der Nato aus dem Baltikum, Polen und Südosteuropa, dazu einen schriftlichen Verzicht auf jede Nato-Osterweiterung haben die USA und die Nato bereits klar abgelehnt. Westliche Vorschläge zu Rüstungskontroll-Verhandlungen dürften Putin zur Gesichtswahrung nicht ausreichen.

Sein Ziel ist eine vom Westen abgekoppelte Ukraine als Teil einer russischen Einflusszone. Und auf lange Gespräche wird sich Putin gar nicht mehr einlassen – für einen Militärschlag läuft ihm die Zeit davon. Seine Entscheidung fällt wohl, sobald die US-Regierung ihre Antwort auf den russischen Forderungskatalog vorgelegt hat.

Option zwei: Cyberangriff

Russland könnte versuchen, die Ukraine durch großangelegte Cyberattacken, kombiniert mit Sabotageakten, zu destabilisieren. Der Zusammenbruch der Stromversorgung, ein Kollaps von Krankenhäusern und Heizkraftwerken, der Ausfall wichtiger Unternehmen ebenso wie staatlicher Einrichtungen würden Ziele sein. Das könne die Ukraine härter treffen als ein militärischer Angriff und die Regierung in Kiew ins Wanken bringen, hieß es bei den jüngsten vertraulichen Beratungen der EU-Außenminister in Brüssel.

Am Ende könnte nach dieser Bedrohungsanalyse das Cyber-Chaos in einem Putsch enden, bei der eine prorussische Regierung installiert würde. Ein direkter militärischer Konflikt würde womöglich vermieden.

Aber befürchtet wird in der Nato, dass Russland einen Teil seiner Truppen nicht wieder von den Grenzen der Ukraine abziehen würde. Auch in Belarus könnten russische Soldaten stationiert bleiben – eine anhaltende Drohkulisse sowohl für die Ukraine wie die baltischen Staaten, also auch das westliche Verteidigungsbündnis. Die Nato plant aber bereits eine stärkere Präsenz an ihren Ostgrenzen.

Nato-Mitgliedstaaten verstärken Militärpräsenz in Osteuropa
Nato-Mitgliedstaaten verstärken Militärpräsenz in Osteuropa

Option drei: Blitzkrieg gegen Kiew

In diesem Fall würde sich Russland darauf konzentrieren, nach einem Cyberangriff von Belarus aus die etwa hundert Kilometer entfernte ukrainische Hauptstadt einzunehmen. Truppen von Norden und Süden würden versuchen, den im Osten konzentrierten ukrainischen Streitkräften den Weg nach Kiew abzuschneiden.

Ziel wäre eine schnelle Kapitulation der ukrainischen Regierung. Doch das Risiko wäre hoch: Die Millionenstadt Kiew wäre wohl erst nach wochenlangen Kämpfen einzunehmen – und auch ein Vormarsch im Osten des Landes könnte dauern.

Option vier: Große Invasion

Jeder Einmarsch in die Ukraine würde nach Einschätzung westlicher Geheimdienste mit Cyberangriffen beginnen, die auf die Stromversorgung, das militärische Kommando und Kontrollsysteme zielen. Danach würde Russland mit Flugzeugen und Raketen die ukrainische Luftwaffe und Abwehrsysteme angreifen, um die Luftüberlegenheit herzustellen. Abschussbatterien für Ikander-Raketen mit einer Reichweite von 500 Kilometern hat Russland bereits an den Grenzen stationiert.

Die Luftabwehr gilt als große Schwachstelle der ukrainischen Armee. Aber: Für einen umfassenden Einsatz am Boden benötigt Russland nach Einschätzung westlicher Militärs rund 180.000 bis 200.000 Soldaten, also fast doppelt so viel wie bislang zusammengezogen wurden. Diese Truppenstärke würde wohl erst Mitte Februar bereit stehen, vorher wäre ein Angriff nicht möglich.

Weiteres Problem: Die russischen Streitkräfte sind zwar weit überlegen – aber die ukrainische Armee ist inzwischen so modernisiert und kampferprobt, dass sie dem Gegner bei einer Bodenoffensive massive Verluste zufügen könnte. „Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg stünden russische Soldaten einer modern ausgerüsteten Armee gegenüber“, heißt es in einer Analyse des Zentrums für strategische und internationale Studien (CSIS), einer Denkfabrik in Washington.

Mehr als etwa 20 Kilometer am Tag würden die russischen Bodentruppen wohl nicht vorankommen. Und ab März droht mit dem einsetzenden Tauwetter ein berüchtigter sumpfiger Schlamm den Vormarsch zu bremsen. Für eine solche Invasion hätte Putin bereits wertvolle Zeit verloren.

„Je länger der Krieg dauert und je größer Verluste, desto größer die Aussicht, dass die Moral der Russen unterminiert wird“, so die CSIS-Studie. In Abwandlung eines Zitats zur strategischen Ausdauer der Taliban in Afghanistan heißt es weiter: „In diesem Krieg mag Russland die Uhren haben, aber der Westen und die Ukraine hätten die Zeit.“ Hintergrund: Biden: Ukraine-Invasion wäre für Russland kein Kinderspiel

Scholz ruft Russland im Ukraine-Konflikt zur Deeskalation auf
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Einige westliche Regierungen etwa in London oder im Baltikum sehen hier die große Schwachstelle Putins, die durch massive Waffenlieferungen an die Ukraine vergrößert werden könnte: Es komme jetzt darauf an, einen schnellen Sieg Moskaus zu verhindern und die militärischen Kosten zu erhöhen. Das ist der Hintergrund für die Bemühungen, die Ukraine jetzt etwa mit amerikanischen Panzerabwehrwaffen und Ein-Mann-Flugabwehrraketen vom Typ Stinger zu versorgen.

„Die Situation hat unheimliche Ähnlichkeit mit der Entscheidung der Sowjetunion 1979, in Afghanistan einzumarschieren“, heißt es auch in der CSIS-Studie. Ähnlich spricht ein Team um den früheren US-Präsidentenberater Robert Kagan von Moskaus „riskantester Militäroperation seit Afghanistan“.

Kagans Fazit: Eine russische Invasion in der Ukraine sei komplex, enorm teuer, erfordere viele Opfer und sei daher „sehr unwahrscheinlich“. Hinzu kommt: In einem solchen Fall müsste Russland mit massivsten Sanktionen des Westens rechnen. Lesen Sie auch: Westen droht Russland mit Wirtschaftskollaps

Option fünf: Blitzkrieg in der Ostukraine

In diesem Szenario würde Russland nach vorangegangenen Luftangriffen auf die ukrainische Armee die Separatistengebiete Donezk und Luhansk besetzen und versuchen, die Ukraine zu Zugeständnissen mit einem Abkommen zu russischen Bedingungen zu erzwingen. Denkbar wäre danach ein schneller Rückzug.

Westliche Sanktionen gegen Russland würden sich dann vermutlich im Rahmen halten. Einen solchen Angriff könnte Russland sofort beginnen. Problem: Putin hätte seine eigentlichen Ziele, die Ukraine zu neutralisieren, so wohl nicht dauerhaft erreicht.

Option sechs: Teilinvasion im Osten und Süden

Die russischen Streitkräfte könnten die Separatistengebiete im Donbass und womögliche weitere Gebiete besetzen und entweder zu einem autonomen Staat erklären oder gleich annektieren. Westliche Militärs vermuten, dass in einem solchen Fall auch eine „Landbrücke“ von den Separatistengebiete Luhansk und Donezk bis zur Krim besetzt würde – und vielleicht sogar der gesamte Zugang zum Schwarzen Meer bis Odessa im Westen in russische Hände fiele.

Je nach Verlauf könnten auch Truppen von Norden und Süden in die Ukraine einmarschieren, um die ukrainischen Streitkräfte im Osten des Landes einzukesseln.

Am Ende stünde womöglich eine Teilung der Ukraine, der westliche Rumpfstaat könnte auch den Zugang zum Schwarzen Meer verlieren. Russland würde sich so die Kämpfe um Kiew und andere größere Städte ersparen.

Putin würde sein strategisches Ziel aber nur erreichen, wenn die derart geschwächte Ukraine nach einer Führungskrise ihren pro-westlichen Kurs aufgäbe – womöglich auch unter fortgesetzter Bedrohung. Das wäre nicht sicher. Dennoch halten Analysten die Teilinvasion für ein relativ wahrscheinliches Szenario, das Putin auch kurzfristig in Gang setzen könnte.

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