Pandemie

Karl Lauterbach: Vom Corona-Mahner zum FDP-Moderator

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Julia Emmrich
Lauterbach stimmt Deutsche auf Omikron-Welle ein

Lauterbach stimmt Deutsche auf Omikron-Welle ein

Eine fünfte Corona-Welle lässt sich nach Einschätzung von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) auch in Deutschland nicht mehr aufhalten. Das wichtigste Instrument im Kampf gegen diese Infektionswelle sei eine "besonders offensive" Booster-Impfkampagne, betonte Lauterbach in Berlin.

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Karl Lauterbach war einst die mahnende Stimme der Pandemie-Bekämpfung. Als Gesundheitsminister muss er versöhnlichere Töne anschlagen.

Berlin. Karl Lauterbach war immer der Cheftrainer im Team Vorsicht. Der Mann, der die Corona-Studien liest, den viralen Gegner analysiert – um dann mit klaren Worten strenge Maßnahmen zu fordern. Er wusste: Das Virus verzeiht nicht, wenn man zu zaghaft, zu gutgläubig an seine Bekämpfung geht.

Jetzt steckt der 58-Jährige in einer neuen Rolle: Als Gesundheitsminister der Ampel-Koalition muss Lauterbach eine Gratwanderung hinbekommen – zwischen dem Nötigen und dem Möglichen. Mit anderen Worten: Er muss die Pandemie effektiv bekämpfen, auch wenn er mit der FDP einen Regierungspartner hat, für die jede schärfere Maßnahme eine schwere Geburt ist. Aus dem strengen Mahner ist ein Moderator geworden. Geht das gut? Lesen Sie dazu: Corona: Warum wir auf den RKI-Chef Wieler hören sollten

Lauterbach hält sich an die Vorgaben von Olaf Scholz

Wer Lauterbach kennt, weiß, dass er es im November für einen Riesenfehler hielt, die epidemische Notlage zu beenden und damit die Mittel aus der Hand zu geben, im Notfall schnell mit harten Lockdown-Maßnahmen auf eine neue Welle zu reagieren. Laut sagen würde er das nicht, auch für den exzellenten Wissenschaftler und Harvard-Absolventen gilt spätestens seit dem Moment, als Olaf Scholz dem Parteifreund seinen politischen Lebenstraum erfüllt hatte, die Kabinettsdisziplin.

Wie weit hat sich der neue Lauterbach vom alten Lauterbach entfernt? Am 8. Dezember, bei der Amtsübernahme im Gesundheitsministerium, stellte sich der Neue ausdrücklich als Minister vor, der auf die Forschung hört: „Ich bin von der Herkunft und der Art und Weise, die Dinge anzugehen, sehr stark wissenschaftlich geprägt“, sagte Lauterbach damals. Gesundheitspolitik könne nur dann erfolgreich sein, wenn sie in der Wissenschaft verankert sei. Zwei Wochen später, am Dienstagnachmittag, klang das kurz anders.

RKI sorgt vor Corona-Gipfel für Verwirrung

Was war geschehen? Am Mittag hatte das Robert-Koch-Institut mit einem Tweet für politischen Wirbel gesorgt. Wenige Stunden vor dem Krisentreffen der Bundesregierung mit den Ländern empfahl das RKI sofortige maximale Kontaktbeschränkungen, Restaurantschließungen und die Verlängerung der Weihnachtsferien.

Der Alarm-Tweet ging weit über das hinaus, was der 19-köpfige Expertenrat einstimmig beschlossen hatte – und was nun Grundlage für die Beschlüsse von Bund und Ländern sein sollte. Demnach sollten erst nach Weihnachten neue Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen für Geimpfte, Clubschließungen und Geisterspiele greifen. Pikant: Auch RKI-Chef Lothar Wieler ist Teil des Expertenrats und hatte dessen Empfehlung mitgetragen.

"Wieler ist der neue Lauterbach"

Die einen sahen also prompt ein politisches Foulspiel, die anderen freuten sich, dass das RKI so mutig sei, weiter offensiv im Team Vorsicht zu spielen. Unter dem Hashtag #DankeWieler versammelten sich im Netz die Fans: „Das RKI wird seine Gründe gehabt haben, heute seine Handlungsforderungen zu verschärfen. Und ich glaube, wäre Karl Lauterbach nicht Gesundheitsminister, hätte er das ähnlich gesehen“, schrieb ein Nutzer auf Twitter.

Der ehemalige Linken-Abgeordnete Niema Movassat twitterte: „Wieler ist der neue Lauterbach, der sagt, was gesagt werden muss und endlich die dringend notwendigen Maßnahmen fordert. Lauterbach hingegen wurde von Lindner mit Kreide gefüttert.“

Der neue Gesundheitsminister dagegen musste seiner Rolle gerecht werden – und seine Autorität sichern. In der Runde mit dem Kanzler und den Ländern sagte Lauterbach nach Informationen dieser Redaktion, so etwas dürfe nicht passieren. „Ich will bei mir im Haus keine wissenschaftliche Zensur, aber die Veröffentlichung war nicht mit mir abgesprochen.“ Der ganze Vorgang werde „zu diskutieren“ sein.

Union streut Salz in die Wunden von Lauterbach

Bei der anschließenden Pressekonferenz streute Hendrik Wüst, CDU-Regierungschef aus Nordrhein-Westfalen, Salz in die Wunde: „Es ist wichtig, dass dem RKI der Respekt entgegengebracht wird, den es verdient“, mahnte der Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz.

Auf Unionsseite halten viele den moderaten Pandemiekurs der Ampel-Koalition für brandgefährlich. Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer etwa sprach von einer „verpassten Chance“. Er gehe davon aus, dass es schon vor der nächsten Bund-Länder-Runde Anfang Januar weiteren Handlungsbedarf geben werde.

Lauterbach selbst schloss am später in der ARD härtere Schritte nicht aus: „Wenn tatsächlich die Fallzahlen sich so entwickeln würden, dass auch ein harter Lockdown diskutiert werden muss, dann gibt es da keine roten Linien.“ Es klang fast so, als hätte Lauterbach sich mit seinem alten Ego beraten.

Gut zwölf Stunden später saß der Minister zusammen mit RKI-Chef Wieler bei einer Pressekonferenz. Das Klima? Professionell. Auf die Frage, ob er noch zu Wieler stehe, antwortet Lauterbach knapp: „Sonst säße er nicht hier.“

Ob er verärgert über die Aktion des RKI sei, immerhin ist das Institut dem Ministerium unterstellt? Das seien Interna, wiegelt Lauterbach ab. Und wiederholt: „In meinem Haus gibt es keine Zensur und das wird auch nicht geben.“ Er sei dankbar, wenn ihn wissenschaftliche Positionen erreichten. „Das RKI ist eine ganz zentrale Quelle.“ Die Abstimmung aber müsse man noch optimieren.

RKI-Chef Wieler sieht keinen Konflikt

Wieler tat seinerseits so, als gebe es keinen Konflikt: Das RKI würde schließlich regelmäßig seine Empfehlungen aktualisieren. Einen Dissens sehe er im Übrigen nicht: Alle seien sich einig, dass Kontakte so weit wie möglich beschränkt werden müssten. Und außerdem: Die Politik treffe die Entscheidungen. „Ob ich zufrieden oder unzufrieden bin, ist völlig irrelevant.“

Lauterbach, in seiner neuen Rolle, bemühte sich um Optimismus. Dreifach Geimpfte seien bei Omikron nach jetzigem Stand mit weit über 90 Prozent gegen eine schwere Erkrankung geschützt, gegen eine Infektion immerhin zu 70 bis 80 Prozent. Bereits eine Woche nach der Booster-Impfung sei der volle Schutz da. Ärzte, die auch zwischen Weihnachten und Silvester weiterimpfen, sollen deswegen jetzt als Anreiz höhere Vergütung bekommen.

Die neue Rolle – sie bietet für Lauterbach Gelegenheit zu zeigen, ob er die Pandemie nicht nur analysieren, sondern auch beenden kann.