Pandemie

Corona-Alarm: Lage auf Intensivstationen "dramatisch"

| Lesedauer: 6 Minuten
Julia Emmrich
Im Klinikum Südstadt Rostock wird ein Mitarbeiter mit dem Covid-19 Pfizer-Biontech Impfstoff geimpft. Am ersten Impftag an der Einrichtung werden 200 der 1.400 Mitarbeiter geimpft, weiter geht es nach weiteren Impfstoff-Lieferungen.

Im Klinikum Südstadt Rostock wird ein Mitarbeiter mit dem Covid-19 Pfizer-Biontech Impfstoff geimpft. Am ersten Impftag an der Einrichtung werden 200 der 1.400 Mitarbeiter geimpft, weiter geht es nach weiteren Impfstoff-Lieferungen.

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Ein vertraulicher Länderbericht schlägt Alarm: Die Lage in den Krankenhäusern im Süden und Osten ist demnach bereits "dramatisch".

Berlin. 
  • Ein vertraulicher Länderbericht schlägt Alarm
  • Im Süden und Osten Deutschlands spitzt sich die Situation in den Krankenhäusern dramatisch zu
  • Erste Patienten müssen bereits verlegt werden

Die dramatisch steigenden Infektionszahlen führen im Gesundheitswesen zu ungewöhnlichen Bündnissen und zwingen die ersten Regionen im Süden und Osten der Republik zu außerordentlichen Schritten.

Ein breites Bündnis zwischen Ärzten, Kliniken und Vertretern der Pflegekräfte spricht sich grundsätzlich für die Einführung einer berufsspezifischen Corona-Impfpflicht aus. Die Bundesärztekammer, die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Pflegerat und der Verband medizinischer Fachberufe stellten sich am Freitag hinter den Deutschen Ethikrat.

Corona: Ärzteverbände spricht sich für berufsspezifische Impfpflicht aus

Der hatte die Regierung aufgefordert, kurzfristig die Einführung einer berufsbezogenen Impfpflicht zum Schutz besonders vulnerabler Menschen in Einrichtungen des Gesundheitswesens zu prüfen. Sollte die Politik eine solche Impflicht einführen, "werden wir dies unterstützen und uns an der Umsetzung beteiligen", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung.

Um die Kliniken in Corona-Hochinzidenzgebieten zu entlasten, ziehen die Länder erstmals auch deutschlandweite Verlegungen von Patienten in Betracht: So sei in Baden-Württemberg bereits erwogen worden, Patienten über 700 Kilometer nach Schleswig-Holstein zu verlegen, heißt es in einem vertraulichen Bericht der Länder, der unserer Redaktion vorliegt.

In Bayern seien Patienten zum Teil rund 400 Kilometer weit aus dem Süden nach Würzburg in den Norden des Bundeslandes verlegt worden. Sorge bereiten auch Thüringen und Sachsen: "Die Lage der Krankenhäuser in diesen beiden Ländern wird insbesondere in Thüringen als dramatisch eingestuft."

Intensivstationen in Thüringen: Nur noch wenige Betten frei

Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner (Linke) fürchtet, dass sich die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen verdoppeln könnte, sollten keinen neuen Maßnahmen getroffen werden. Bis Ende November könnte die Zahl dann bei 300 liegen, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Sie gehe auch davon aus, dass Thüringen demnächst Patienten in andere Bundesländer verlegen müsse, sagte Werner weiter.

Derzeit reiche es noch aus, Patienten innerhalb des Freistaats zu verlegen. Das länderübergreifende "Kleeblatt-System" bereite sich aber schon vor, Patienten zu verlegen. Auf Basis dieser Vereinbarung greifen sich Bundesländer gegenseitig unter die Arme, um die Überforderung einzelner Krankenhäuser abzufangen. In Thüringen, dem Land mit der zweithöchsten Sieben-Tage-Inzidenz, ist die Lage vor allem in absoluten Zahlen dramatisch: Von den 637 Intensivbetten waren noch 82 frei. Zugleich hat das Land mit 23,9 Prozent (152) den höchsten Anteil an Corona-Patienten auf den Intensivstationen. Weiterlesen: Corona-Patienten – Lage auf Intensivstationen verschärft sich

"Können nicht mehr jeden sicher versorgen"

"Wir merken: Wir können nicht mehr jeden sicher versorgen", sagte auch die Intensivmedizinerin Caterina Reuchsel vom Wald-Klinikum Gera. Teils würden Patienten noch eine Stunde mit dem Rettungswagen zu ihnen gefahren, weil andernorts keine Betten mehr frei seien. "Es könnte noch schlimmer werden als letzten Winter. Und das wäre wirklich schlimm."

Derzeit seien rund 650 Intensivbetten betreibbar, Pflegekräfte hätten den Bereich teils verlassen. "Und das ist natürlich auch einschneidend." Das führe dazu, dass bestimmte Operationen nicht stattfinden können. Teilweise könne es auch dazu führen, dass es manchmal länger dauert bis ein Unfallopfer das Bett erhalte, das es brauche.

Auch Sachsen muss Patienten bald verlegen

Aber auch Sachsen richtet sich darauf ein, das Kleeblattprinzip wieder zu aktivieren und Patienten in Nachbarländer zu verlegen, wie der Geschäftsführer der Landes-Krankenhausgesellschaft, Stephan Helm, der dpa sagte. Das Land hat die höchste Sieben-Tage-Inzidenz und den zweithöchsten Anteil Corona-Patienten auf den Intensivstationen (22,1 Prozent). Von 1336 Intensivbetten sind noch 174 frei (13 Prozent).

Allerdings bildet Sachsen mit Thüringen, Sachsen-Anhalt, Berlin und Brandenburg ein Kleeblatt. Und in Thüringen ist die Lage noch dramatischer, Sachsen-Anhalt sieht sich an der Aufnahmegrenze und Berlin hatte am Freitag prozentual sogar noch weniger freie Intensivbetten (7,0) - so bleibt erstmal nur Brandenburg, wo die Lage noch halbwegs entspannt ist (17,4 Prozent freie Betten).

Das Universitätsklinikum Leipzig verschiebt denn auch bereits nicht dringliche Operationen. Die Zahl der Operationen sei so um mehr als 30 Prozent verringert worden, teilte das Klinikum mit. Dringende Fälle werden jedoch weiter operiert. Auch Europas größtes Klinikum, die Berliner Charité, hatte ein solches Vorgehen bereits angekündigt.

Hauptproblem bleibt Personalknappheit

Hauptproblem sind weniger die fehlenden Hightech-Betten: "Der größte limitierende Faktor, den wir momentan im Krankenhausbereich haben, ist das Personal", erklärte der sächsische Experte Helm. Denn für jedes Intensivbett braucht es eine bestimmte Zahl medizinischen Personals. Und das Problem gibt es auch im etwas weniger belasteten Norden: "Verschärft wird die Lage aktuell dadurch, dass viele Kliniken ihre Intensivkapazitäten aufgrund eines Mangels an Pflegepersonal derzeit nicht vollumfänglich betreiben können", hieß es bei der Krankenhausgesellschaft in Niedersachsen - wegen Kündigungen, Arbeitszeitverkürzungen und interne Stellenwechseln. "Ursache dafür sind die anhaltenden Belastungen des Personals durch die Corona-Pandemie."

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) forderte mit Blick auf schärfere Corona-Gegenmaßnahmen ein entschiedenes Handeln der Politik. "Wir brauchen sehr zügig klare und der Lage angemessene Entscheidungen, und zwar für bundesweit einheitliche Regeln", sagte Divi-Präsident Gernot Marx der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Und wir brauchen eine klare Kommunikation der Entscheidungen und ein Ende der permanenten Streitereien, damit auch umgesetzt und eingehalten wird, was beschlossen worden ist." (mit dpa)