Afghanistan

Afghanistan: Die schwierige Flucht der Bundeswehr-Helfer

| Lesedauer: 10 Minuten
Christian Unger
Chaotische Szenen spielten sich Ende August am Kabuler Flughafen ab: Tausende Menschen versuchten verzweifelt, auf das Gelände des Airports zu kommen, um mit einer der Flugzeuge der ausländischen Streitkräfte das Land zu verlassen.

Chaotische Szenen spielten sich Ende August am Kabuler Flughafen ab: Tausende Menschen versuchten verzweifelt, auf das Gelände des Airports zu kommen, um mit einer der Flugzeuge der ausländischen Streitkräfte das Land zu verlassen.

Foto: AKHTER GULFAM / EPA-EFE

Im Taliban-Staat Afghanistan hoffen noch Tausende frühere Bundeswehr-Helfer auf Ausreise. Sie fürchten, dass Deutschland sie vergisst.

Berlin/Kabul. Flucht auf dem Landweg, über die Grenze nach Pakistan? Zu gefährlich, sagt Ahmad. Überall Checkpoints der Taliban, überall Kontrollen der pakistanischen Militärs. Ohnehin ist unklar, wer überhaupt noch durchkommt. Flucht per Flieger? Teuer. So teuer, dass die meisten Afghanen sich das niemals leisten können. Aber Ahmad hat Glück. Er hat viele Jahre für die Bundeswehr als Bauunternehmer gearbeitet, eine Menge Geld verdient.

Ahmad sagt, er habe 1800 Euro für ein Flugticket in die pakistanische Hauptstadt Islamabad gezahlt, früher hätten die Tickets der afghanischen Kam-Air-Linie gerade einmal 150 Dollar gekostet. Doch die Taliban-Herrschaft treibt die Preise, Flieger gehen nur unregelmäßig, die Plätze sind begehrt. Das gilt auch für pakistanische Visa. Ahmad sagt, er habe 400 Dollar bezahlt, pro Person. Früher seien es 50 gewesen.

Afghanistan: Die Ortskräfte sitzen fest

Ahmad, der nur seien Vornamen nennen will, hat seine Flucht aus dem Taliban-Staat teuer bezahlt. Aber er ist raus, er ist gerettet, sagt er. Und doch hängt er fest. Jetzt in Pakistan.

Der Mann Mitte 30 hat viele Jahre Straßen, Garagen und sogar Landebahnen für die internationalen Truppen in der Region Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans gebaut. Bis zuletzt, bis Ende Juni, hatte er Verträge mit der Bundeswehr. Er schickt Kopien per Handyfoto, auch einen Ausweis der Nato, der ihm jeden Tag Zugang zum Militärcamp gewährt hat.

Das Auswärtige Amt wollte zunächst helfen

Als die Taliban das Land im Sturmlauf eroberten, sollten Ahmad und seine Familie raus, per Flugzeug über die Luftbrücke nach Deutschland. Der Afghane bekam Anrufe von Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes, sie sagten ihm, wann er am Flughafen in Kabul sein soll, dass er mit einer Deutschland-Flagge wedeln solle, damit sie ihn hinter den Flughafen-Mauern erkennen. Aber die Rettung scheiterte. Die US-Soldaten ließen niemanden rein. Das Chaos war riesig.

Und so musste es Ahmad auf eigene Faust versuchen. Doch nun, im sicheren Pakistan, höre er nichts mehr von den deutschen Behörden. Etliche E-Mails schreibt er, an die Bundeswehr, das Auswärtige Amt, die deutsche Botschaft, ruft die alten Nummern von damals an, als die Behörden ihm noch die Flucht organisieren wollten. Nichts. Und zur Botschaft in Islamabad komme man nur mit Termin.

Nun meldet sich niemand mehr – die Angst wächst

Ahmad und seine Frau haben Angst. Dass sie und ihre Kinder vergessen werden. Dass die Deutschen sich nicht mehr melden, für die sie jahrelang gearbeitet haben. So wie ihnen geht es vielen.

Doch die Agenda in Berlin ist schon weiter. Belarus und die polnische Grenze ist ein neuer Hotspot in der Migrationspolitik. Als Innenminister Horst Seehofer (CSU) diese Woche eilig eine Pressekonferenz einberuft, ist die Evakuierung aus Afghanistan nur noch eine Randnotiz. Lesen Sie dazu:Belarus: Das ist die neue Flüchtlingsroute nach Deutschland

Wer darf noch ausfliegen – und wer nicht?

Im Außenministerium kursieren Listen, mit Deutschen, die noch in dem Krisengebiet sind, mit afghanischen Ortskräften, mit weiteren bedrohten Personen wie Journalistinnen und Menschenrechtler. Nur: Sowohl bei vielen Afghanen selbst als auch bei Hilfsorganisationen herrscht Unsicherheit und Wut, darüber, wer auf welchen Listen steht und wer nicht. Wer ausfliegen soll und wer nicht.

Ende August, als der letzte deutsche Militärflieger aus Kabul abhob, sorgt eine Aussage von Außenminister Heiko Maas (SPD) für Aufsehen: Etwa 40.000 Menschen wolle Deutschland noch aus Afghanistan retten. Unklar ist bis heute, auf welcher Grundlage diese Berechnung fußt. Und warum heute von viel geringeren Zahlen die Rede ist, auch im Ministerium. Eine Anfrage unserer Redaktion bleibt unbeantwortet. Hintergrund:Deutsche Luftbrücke für vier Straftäter aus Afghanistan

Insgesamt wurden bisher 1000 Visa ausgestellt

Offiziell heißt es nur, dass knapp 6000 Afghanen seit Beginn der Luftbrücke aus dem Land geholt wurden. Dazu kommen etwa 1300 Menschen, die nun in Nachbarländern Afghanistans ausharren, vor allem in Pakistan. Menschen wie die Bundeswehr-Ortskraft Ahmad und seine Familie.

Zudem konnten mittlerweile rund 700 Flüchtlinge per drei Charterflügen nach Deutschland ausfliegen. Insgesamt wurden laut Bundesregierung bis Mitte Oktober gut 1000 Visa für Ortskräfte und weitere schutzbedürftige Personen erteilt. Lesen Sie auch:Ramstein: Viele Flüchtlinge aus Afghanistan wollen bleiben

Viele der verbliebenen Ortskräfte sind abgetauscht

Bevor die Taliban die Macht übernehmen konnten, hatten die deutschen Behörden nach eigenen Angaben bereits gut 1300 Ortskräfte vor allem der Bundeswehr plus ihren Familien nach Deutschland geholt.

Doch all das ist zusammengenommen noch weit entfernt von den 40.000 Menschen, die Außenminister Maas einst nannte. Unsere Redaktion steht in Kontakt mit mehreren afghanischen Ortskräften, die noch in Afghanistan leben. Einige sind abgetaucht, leben bei Freunden, wechseln öfter die Bleibe. Andere harren zuhause aus, versuchen, unauffällig zu bleiben.

Das Außenamt führt auch eine „Menschenrechtsliste“

Die Lage im Land ist undurchsichtig. Mehrere Afghanen berichten, dass die Taliban sich vorsichtig verhielten, Gewaltexzesse und die befürchtete Menschenjagd ausblieben. Vorerst. Doch viele trauen der Ruhe nicht. Berichte über Übergriffe von Taliban-Milizen gegen Demonstranten und einheimische Journalisten wurden bekannt. Organisationen vor Ort warnen vor einem „Klima der Angst“.

Richterinnen, Journalisten, Frauenrechtlerinnensie alle sind nach Einschätzung von Fachleuten bedroht. Im deutschen Außenministerium gibt es eine weitere Liste mit 2600 Namen, die „Menschenrechtsliste“. Auch diese Afghaninnen und Afghanen sollen gerettet werden.

Pro Asyl fordert mehr Informationen

Wer sich früh meldete, kam bis Ende August auf die Liste. Seitdem ist die Liste dicht, niemand kommt mehr drauf. „Wir müssen auch wissen, wer abgelehnt wird und warum“, sagt der Geschäftsführer von Pro Asyl, Günter Burkhardt. Mehrere Hundert Fälle bedrohter Afghanen hat die Organisation nach eigenen Angaben schon an das Außenministerium übergeben.

„Die Bundesregierung muss Wort halten, und allen voran die bedrohten afghanischen Ortskräfte und ihre Familie aus dem Land holen.“ Dabei dürften nicht nur die minderjährigen Kinder und Eheleute zählen, sondern auch erwachsene Brüder oder Schwestern. „Auch sie sind bedroht“, sagt Burkhardt. Denn bisher stehen nur die „Kernfamilien“ auf den Schutzlisten. Lesen Sie auch:Veteranin nach Kabul-Einsatz: „Die Wut ist riesig groß“

Die Bundesregierung spricht von einem geordneten Verfahren

Die Bundesregierung hebt nun öffentlich hervor, man habe „Ordnung in das Verfahren“ zur Evakuierung aus Afghanistan bekommen. Doch hinter den Kulissen herrscht noch immer Wirrwarr. Im Auswärtigen Amt zeigt man gerne auf das Innenministerium.

Dort verantwortet man die Sicherheitsprüfungen der Afghanen, die ein Visum für Deutschland bekommen sollen. Das dauere in der Regel nur wenige Stunden, hebt Minister Seehofer gerne hervor. Andere, die Kontakt zu Afghanen in den Evakuierungsmaßnahmen haben, sagen, es können auch mal Tage oder Wochen werden.

Welche Rolle spielt die Internationale Organisation für Migration?

Das Auswärtige Amt hat zudem kaum Möglichkeiten, Menschen aus Afghanistan herauszuholen. Die Botschaft in Kabul ist seit Jahren geschlossen, die Verhandlungen mit den Taliban über organisierte Ausreisen sind bisher erfolglos.

Und weil die Bundesregierung es vor Ort offenbar nicht allein schafft, holt sie sich Hilfe bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Schon von Beginn der Evakuierungen arbeitete die IOM bei der Ausreise von Ortskräften der deutschen Behörden mit. Doch unklar ist, was sie leistet. Und wo sie an Grenzen stößt.

Von den Subunternehmern der Bundeswehr spricht niemand

Ein Afghane erzählt, das Büro in Masar-i-Scharif habe nie geöffnet. Nachfragen unserer Redaktion beantwortet die IOM nicht, verweist nur ans Auswärtige Amt. Schon für Journalisten in Deutschland ist es schwer, ein klares Bild zu erhalten, wer für was verantwortlich ist und entscheidet. Wie abschreckend muss das erst für Afghanen sein?

Über eine Gruppe wird nur noch geschwiegen: die afghanischen Subunternehmer der deutschen Truppen. Denn: Als schutzberechtigte „Ortskraft“ zählt nur, wer direkt bei der Bundeswehr oder anderen deutschen Behörden während des Einsatzes unter Vertrag stand. Geschätzt etliche Hundert Helfer der Deutschen bleiben außen vor. Kommentar:Afghanistan: System ist nicht wegen Deutschland gescheitert

Noch geben sich die Taliban meist harmlos

Der Grund: Sie waren bei deutschen Firmen angestellt, die für die Truppen Aufträge ausgeführt haben. Sie waren Subunternehmer, gingen wie die fest angestellten Afghanen im Nato-Camp ein und aus, bauten Straßen, Mauern und Häuser. Aber nun schützt Deutschland sie nicht.

Menschen wie Nawid. Er lebt mit seiner Frau und den Kindern in Masar-i-Scharif, arbeite jahrelang im Camp der Bundeswehr, hatte dort mit seinem Transportunternehmen ein Büro. Seitdem die Bundeswehr weg ist, bangt er um seine Sicherheit, lebt unauffällig in seinem Haus.

Anfangs war er in Panik, traute sich kaum auf die Straße. Die Taliban schauten vorbei, musterten sein Fuhrpark, verschwanden wieder. Mittlerweile fühle er sich etwas besser, sagt Nawid. Die Taliban würden sich noch harmlos geben. Kann es Drohungen gegen die Familie geben? „Jederzeit möglich“, antwortet Nawid.