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Afghanistan: So gefährlich ist der Protest der Frauen

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Christian Unger
Maas: Übergangsregierung der Taliban stimmt "nicht optimistisch"

Maas- Übergangsregierung der Taliban stimmt nicht optimistisch

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat sich skeptisch über die Übergangsregierung der radikalislamischen Taliban in Afghanistan geäußert. Die Nachrichten aus Kabul stimmten "nicht optimistisch", sagte er nach einem Treffen mit US-Außenminister Antony Blinken auf dem US-Luftwaffenstützpunkt in Ramstein.

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Sie leiden besonders unter der Herrschaft der Taliban. Nun demonstrieren Frauen in Afghanistan gegen das Regime. Und riskieren alles.

Berlin/Kabul. Blut fließt über ihre Wange. Die Tropfen laufen vom Kopf bis zum Kinn. Die junge Frau hat ihr schwarzes Kopftuch ein wenig nach hinten geschoben, jeder soll die Wunde sehen. Eine andere Frau nimmt das Video auf, teilt es im Internet. Die verletzte Afghanin soll Rabia Sadat heißen.

Es gibt ein weiteres Video, das Sadat nur Augenblicke davor zeigen soll, auf den Straßen Kabuls. Schreie sind zu hören. Sadat hält ihren Kopf mit der Hand fest. „Das ist das wahre Gesicht der Taliban“, ruft sie. Und: „Ich folge euren Lügen nicht.“

Kabul: Hunderte demonstrieren gegen die islamistischen Taliban

Auf dem Video postieren sich Taliban-Kämpfer in Uniform und Sturmgewehr vor den Frauen. Sadat, so sagt sie, sei von ihnen geschlagen worden. Dabei wolle sie nur für ihre Rechte demonstrieren. Die andere Frau, die das Video mit ihrem Handy aufnimmt, ruft den Islamisten entgegen: „Ich werde die Kamera nicht ausmachen. Ich habe keine Angst.“

Es ist eine von mehreren Szenen aus dem Afghanistan der vergangenen Tage. Es regt sich Protest gegen das Regime der Radikalislamisten. Am Wochenende waren es mehrere Hundert, vielleicht sogar tausend Menschen, die durch Kabul zogen. Ihr Protest richtet sich nicht nur gegen die Taliban, sondern auch gegen Pakistan, das in den Augen der Demonstranten die Taliban unterstützt und den Widerstand im Land mit allen Mitteln unterdrückt. Mehr zum Thema:Taliban an der Macht – wohin mit Millionen Flüchtlingen?

Afghanistan: Frauen kleiden sich extra bunt für die Demo

Was auffällt: Immer wieder stehen junge Frauen an vorderster Front des Protests. Viele von ihnen tragen bunte Kopftücher, blau, grün, rosa. Schon das eine Provokation gegen das strikte Regime der Islamisten, das Frauen am liebsten schwarz verschleiert sieht.

„Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie!“, steht auf einem großen weißen Papier, das eine der Frauen in den Händen hält. Eine andere junge Frau hält ein Schild: „Wir sind nicht die Frauen der 90er-Jahre!“, eine Anspielung auf die erste Taliban-Herrschaft damals, in der Frauen und Mädchen mit aller Gewalt unterdrückt wurden.

In den ersten Tagen nach der Machtübernahme der Taliban waren selbst Afghanistan-Kenner überrascht, wie vermeintlich sanft die Töne der Islamisten klangen. Doch mit den vorsichtigen Tönen scheint es vorbei zu sein, sobald Protest gegen das Regime aufkommt.

In einem anderen Video bei Protesten vor der pakistanischen Botschaft in Kabul feuern die Milizen Gewehrsalven ab. Offenbar in die Luft. Sie wollen, so berichten Augenzeugen, die Protestmasse zerstreuen. Ähnliche Szenen in der Metropole Herat. Bei der Großkundgebung in Kabul sollen protestierende Frauen mit Gewalt in das Untergeschoss eines Parkhauses getrieben worden sein.

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Journalisten festgenommen und misshandelt

Die afghanische Journalistin Zahra Rahimi schreibt von fünf Journalisten, die von den Taliban festgenommen worden seien, weil sie über die Proteste berichtet hatten. Darunter sollen sich Reporter der Zeitung „Etilatrus“ befinden – sie seien für zwei Stunden festgehalten worden, wie der Herausgeber der Zeitung auf Twitter mitteilte.

Mindestens zwei seien schwer misshandelt worden. Die Frauen auf der Straße wollen auch für sie weiter protestieren, sagt eine von ihnen. „Bis die Journalisten freikommen.“

Der Protest der Frauen und Männer gegen das Regime und die Einflussnahme durch Pakistan werde getragen von einem „urbanen Bürgertum“, sagt Conrad Schetter von der Universität Bonn, der viele Jahre in Afghanistan gelebt und geforscht hat. Richter, Journalistinnen und Journalisten, Projektleiter von Hilfsorganisationen – es sei diese neue urbane Elite, die nun viel zu verlieren hat im neuen Islamistenstaat. Auch interessant:Taliban-Sieg: Warum ist die afghanische Armee so schwach?

Afghanische Frauen wenden sich an Kanzlerin Merkel

Experte Schetter sagt: „In den vergangenen 20 Jahren wurden Frauen durch den Westen stark gefördert. Etliche Projekte wurden aufgebaut, Frauen prägten die Zivilgesellschaft. Die Taliban machen nun sehr deutlich, dass sie von emanzipierten Frauen nichts halten.“

Auch unsere Redaktion hat Kontakt zu mehreren Frauen in Kabul. Viele trauen sich nicht nach draußen, wissen nicht, was sie noch dürfen – vor allem, wenn sie alleinstehend sind. In einem Brief an die Bundesregierung richten nun 31 Frauen, die für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) als Ortskräfte tätig waren, einen verzweifelten Appell: Sie fühlen sich bedroht durch die Taliban.

Bis zuletzt hätten sie mit der Arbeit für die deutsche Organisation für ihre Neffen und Nichten gesorgt. Doch mit nach Deutschland dürfen nur Eheleute und Kinder, die „Kernfamilie“. Die Frauen schreiben an Kanzlerin Merkel: „Die aktuellen Regeln gefährden unser Leben, wenn wir bleiben, und das Leben unserer Familien, wenn wir fliehen.“

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