Afghanistan

Fragile Rettung: Luftbrücke aus Kabul könnte bald enden

| Lesedauer: 10 Minuten
Christian Unger, Jan Jessen, Emran Feroz und Michael Backfisch
USA: 16.000 Menschen binnen 24 Stunden aus Afghanistan ausgeflogen

USA: 16.000 Menschen binnen 24 Stunden aus Afghanistan ausgeflogen

Die USA und andere Länder bringen weiter Menschen vor den radikalislamischen Taliban in Afghanistan in Sicherheit. Wie ein Vertreter des US-Militärs in Washington mitteilte, wurden binnen 24 Stunden etwa 16.000 Menschen vom Flughafen Kabul aus ausgeflogen.

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Am Flughafen Kabul greifen Unbekannte Soldaten an. Spezialeinheiten rücken aus. Doch die Zeit der Rettungsflüge könnte gezählt sein.

Berlin/Kabul. Schüsse am Flughafen von Kabul fallen in diesen Tagen schon gar nicht mehr auf. Afghanische Soldaten feuern immer wieder, meist in die Luft. Vor ihnen gehen Menschen in Panik in Deckung. Die Afghanen wollen die Menge auseinandertreiben. Den „Druck auf das Tor“ am Flughafen abmildern, wie ein deutscher Sicherheitsexperte sagt. Auch wenn Afghanen unserer Redaktion Nachrichten vom Gelände vor dem Flughafen schicken, sind immer wieder Gewehrschüsse zu hören.

In diesen Tagen sind Videos von Afghanen vor dem Flughafen eine der wenigen Blicke in das Drama, das sich dort abspielt. Menschen vor hohen Mauern und Stacheldraht reichen Kleinkinder über den Zaun zu den Soldaten auf dem Flughafen-Gelände. Junge Frauen schreien: „Bitte helft uns! Die Taliban kommen zu uns nach Hause!“ Auch interessant: Taliban-Sieg: Warum ist die afghanische Armee so schwach?

Menschen kollabieren, mehrere sterben in dem Gedränge vor dem Flughafen

Videos zeigen US-Soldaten, die mit Schläuchen Menschen in einer Masse vor dem Flughafen-Tor mit Wasser versorgen, in der Hitze der afghanischen Sommertage für Abkühlung sorgen. Und doch: Bilder zeigen, wie Menschen kollabieren. Als es Soldaten gelingt, für etwas Ruhe zu sorgen, wird deutlich: Afghanen sind gestorben, mutmaßlich von der Masse zerdrückt. Weiße Tücher liegen über ihren Leichen im Staub vor dem Nord-Tor.

Hunderte, Tausende sind es, die auf eine letzte Rettung aus dem Taliban-Staat hoffen. Flugzeuge in Richtung Amerika und Europa starten nur noch über den Flughafen, über das Nord-Tor. Geflüchtete sollen sich in den vergangenen Tagen auch vermehrt aus dem Rest des Landes nach Kabul aufgemacht haben, um noch einen Flieger zu erwischen. Das verschärft die Lage am Flughafen.

Und: Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Ende August will das US-Militär abziehen, jedenfalls rechnet die Bundeswehr derzeit noch mit diesem Zeitfenster. Ende August haben auch die Islamisten der Taliban als „rote Linie“ für die Evakuierungen genannt.

Spezialkräfte der Bundeswehr retten Familie von Münchner Studentin

Was die Lage weiterhin verschärft: Menschen mit Reisepapieren und Berechtigungen für eine Evakuierung schaffen es nicht zum Flughafen. Checkpoints der Taliban lassen zwar in der Regel deutsche Staatsangehörige durch – Afghanen aber weisen sie offenbar ab. Viele haben Angst, trauen sich nicht aus ihren Verstecken in der Kabuler Innenstadt.

Mehrere ernstzunehmende Meldungen berichten zudem darüber, dass Taliban und möglicherweise auch andere Gruppen mittlerweile ein Geschäft mit der Not aufgebaut haben: Sie verlangen Geld an den Checkpoints, damit Menschen durchkommen. Afghanische Cliquen bieten zudem offenbar Transporte aus Kabul zum Flughafen an – gegen Geld.

Soldaten der Bundeswehr machen nun das, was Amerikaner und Briten schon seit einigen Tagen tun: Sie holen mit Menschen von außen in das Lager im Flughafen. So hat eine Einheit des Kommando Spezialkräfte (KSK) eine Münchner Familie aus der Menge vor dem Flughafen gerettet. Deckname: Operation „Blue Light“.

Die 19 Jahre alte Münchner Studentin schaffte es offenbar gemeinsam mit ihrem kleinen Bruder und der Mutter bis in die Nähe des Flughafen-Tores. Dort holte das KSK die Familie im Schutz der Dunkelheit hinter die Mauer des Flughafens.

Es könnte nicht für alle reichen, die auf den Fluglisten des Auswärtigen Amtes stehen

Für Deutsche, die rauswollen, sieht es besser aus. Viele Afghanen, die lange für die Bundeswehr in dem Kriegsgebiet gearbeitet haben, bangen nun. Und die bittere Prognose aus ihrer Sicht: Es könnten nur noch ein paar Tage sein, in denen Deutschland die letzten verbliebenen deutschen Staatsangehörigen und die vielen afghanischen Ortskräfte der Bundeswehr und anderer Ministerien retten kann. Dann steigen die Bundeswehr-Soldaten selbst in den Flieger – und ziehen ab. Es könnte nicht für alle reichen, die auf den Fluglisten des Auswärtigen Amtes stehen. Mehr zum Thema: Was das Afghanistan-Drama für die Bundestagswahl bedeutet

Und seit vergangener Nacht drängt sich die Frage auf: Hält die Luftbrücke überhaupt noch bis dahin? In den Morgenstunden zum Montag, genau um 4.13 Uhr unserer Zeit, kommt es zu Schüssen vor dem Flughafen-Tor. Ein afghanischer Soldat wird getroffen, die Afghanen erwidern das Feuer. Es ist dunkel, nur Mündungsblitze erkennen die Sicherungskräfte am Tor. Nach Angaben der Bundeswehr greifen auch amerikanische und deutsche Soldaten in das Gefecht ein.

Die verletzten afghanischen Soldaten wurden laut Medienberichten von Sanitätern aus Norwegen im Flughafen-Areal versorgt. Ein Afghane stirbt, mindestens sechs Menschen seien durch Schüsse getroffen, so die Helfer. Sie sind offenbar nicht mehr in Lebensgefahr.

Über die Täter können die deutschen Behörden keine Angaben machen. Es war nachts. Und die chaotische Lage vor den Toren des Kabuler Flughafens macht es unmöglich für die Soldaten, nach den Tätern zu fahnden.

Die Terroristen des „Islamischen Staates“ agieren auch in Afghanistan

Mit dem Angriff tritt ein, wovor Fachleute warnen: Attacken auf die internationalen Truppen am Flughafen. Und Terrorgruppen, die das Chaos ausnutzen. „Der Flughafen ist derzeit ein ideales Ziel für Angreifer“, sagt ein ranghoher deutscher Regierungsbeamter unserer Redaktion. Auch die US-Administration warnte zuletzt vor einem Anschlag der Terror-Miliz „Islamischer Staat“. Die Bedrohung sei „real, sie ist akut, sie ist anhaltend“, sagte der Nationale Sicherheitsberater von Joe Biden.

Zwar war es zuletzt ruhiger um die Dschihadisten am Hindukusch geworden, doch die afghanische IS-Zelle operiert seit Jahren in dem Land, zuletzt vor allem in Kabul. Im Mai etwa griffen die Terroristen eine Mädchenschule an.

Dabei pflegen Taliban und IS eine Feindschaft. Der IS agiert salafistisch-dschihadistisch und global, während die Taliban islamistisch-militant sind und ihren Fokus auf ihre nationale Agenda legen. In mehreren Regionen des Landes konnten die Taliban den IS erfolgreich bekämpfen. Im vergangenen Jahr soll es in der Provinz Kunar sogar zu US-Luftangriffen gegen den IS gekommen sein, während Taliban-Truppen am Boden agierten.

Bundesregierung will USA zu einem längeren Einsatz am Flughafen in Kabul drängen

Nun aber machen die Taliban Druck auf die USA, wollen die internationalen Soldaten aus dem Land haben, spätestens bis Ende August. Damit das Zeitfenster für die Rettung von Menschen noch etwas länger offenbleibt, verhandeln derzeit europäische Staaten und die USA mit den Taliban. Am Dienstag will die Bundesregierung bei einem Treffen mit den Chefs der großen G-7-Staaten auch die USA dazu drängen, länger als bis Ende des Monats in Afghanistan zu bleiben.

Mit Blick auf den Gipfel hält der stellvertretende FDP-Fraktionschefs Alexander Graf Lambsdorff „humanitäre Korridore nach Afghanistan“ unter der Führung der Vereinten Nationen für notwendig, „um die Menschen mit Nahrungsmitteln und Medikamenten zu versorgen“. Damit könnten der Flüchtlingsdruck zumindest gelindert werden. Die UN, die eine Mission in Afghanistan haben, sollten versuchen, das mit den Taliban vereinbaren.“ Zugleich fordert Graf Lambsdorff die Teilnehmenden des G7-Gipfels dazu auf, „eine klare Aufstockung der Mittel für das Flüchtlingshilfswerk und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen“ zu beschließen.

Klar ist: Die Bundeswehr, und selbst die EU-Staaten, sind ohne die US-Soldaten in Kabul nicht in der Lage, den Flughafen zu sichern. Die Abhängigkeit vom US-Militär zieht sich wie ein roter Faden durch 20 Jahre Einsatz am Hindukusch. Bis zum letzten Evakuierungsflug.

CDU-Experte kritisiert „Abhängigkeit“ der Bundeswehr von den USA

Der Außen- und Sicherheitsexperten der Union, Roderich Kiesewetter (CDU), sieht im Gespräch mit unserer Redaktion hier eine erste Konsequenz. „Für mich ist eine zentrale Lehre aus dem Desaster in Afghanistan: Wir müssen alle aktuellen Einsätze der Bundeswehr einer Prüfung unterziehen, ob die Soldatinnen und Soldaten bei einem rasanten Abzug anderer internationaler Truppen und vor allem der Amerikaner in der Lage sind, einen Einsatz eigenständig weiterzuführen“, sagte Kiesewetter. Es könne nicht sein, dass „die Bundeswehr bei Einsätzen von Personal und Kriegsgerät von einem einzigen Partner abhängig ist“.

Mit Blick auf den heiklen Bundeswehr-Einsatz im westafrikanischen Mali sagte der CDU-Politiker: „Die deutschen Einheiten haben vor Ort in Mali keine bewaffneten Drohnen und keine eigene Möglichkeit, Angriffe aus der Luft zu starten. Das ist nicht hinnehmbar, wenn Deutschland militärisch im Ausland agiert.“

In Kabul hat die Bundeswehr mittlerweile nicht mehr nur mit der gefährlichen Lage vor den Flughafen-Mauern zu kämpfen. Auch auf dem Gelände selbst spitzt sich die Situation zu. Rund 5000 Menschen sind dort untergebracht, teilweise schlafen sie offenbar nur auf Decken, im Schutz eines Hangars. Mit den Flugzeugen, die Menschen aus Kabul rausholen sollen, schickt die Bundeswehr nun auch Güter ins Land: Essen und Wasser, aber auch Windeln, Schnuller und Kuscheltiere für die vielen Kinder.